Aus der Kirche

Wege aus der Trauer

Pilgern tut gut in vielen Lebenssituationen. Ein besonderes Gruppenangebot für Menschen in Trauer gibt es in Oberschwaben: Zusammen mit Seelsorgern und Trauerbegleitern kann man sich auf den Weg machen und Erfahrungen mit Gleichgesinnten sammeln. Von Andreas Steidel

Eine Gruppe Menschen wandert durch einen Wald.
unsplash/Kitera Dent
Beim gemeinsamen Pilgern fühlen sich die Trauernden nicht alleine.

Der Verlust eines nahen Angehörigen, des Partners oder enger Freunde ist ein tiefer Einschnitt. Das Leben scheint stillzustehen, alles ist wie erstarrt und ohne echte Zukunftsperspektive. Und allzu oft fühlt man sich von seiner Umgebung auch nicht wirklich verstanden.

Inspiriert von der Evangelischen Kirche in Bayern hat deshalb der Pilgerbeauftragte der württembergischen Landeskirche, Jürgen Rist, 2023 erstmals zu einer Gruppenpilgerreise für Trauernde eingeladen. Mit Erfolg: Elf Menschen in Trauer kamen zusammen, um fünf Tage lang durch das ländliche Oberschwaben zu pilgern.

Es war eine besondere Gruppe: Keiner der Teilnehmer kannte sich zuvor, jeder hatte kürzlich einen geliebten Menschen verloren und wagte nun mitunter erstmals wieder den Schritt in die Öffentlichkeit. „Sich auf den Weg machen“ heißt denn auch das Motto des Trauerpilgerns, ein Satz, den man durchaus doppeldeutig verstehen kann.

Das gemeinsame Gehen bringt etwas in Bewegung.

Jürgen Rist

Jakobsmuscheln an Wanderstöcken.
unsplash/Bernard Wortelboer

Er wird auf der Tour von erfahrenen Gruppenleitern begleitet: Diakon Gerhard Vogelsang ist Familientherapeut, Elisabeth Bührer-Astfalk zertifizierte Trauerbegleiterin und jemand, der selbst früh den Partner verloren hat.

Wer will, kann sich mit ihnen austauschen oder mit den anderen ins Gespräch kommen. „Das fällt oft viel leichter, wenn man die Menschen nicht kennt“, sagt Rist. Die Anonymität löst Blockaden, die Pilgergruppe wirkt wie ein Schutzraum. So zumindest hat es eine Teilnehmerin geschildert, deren Mann mit 65 Jahren starb. „Ein schwerer Verlust, den ich erst mal verkraften musste“, sagt sie. Beim Pilgern mit anderen Trauernden hatte sie plötzlich den Eindruck, mit ihrer Situation nicht mehr allein zu sein:

Es entstanden wertvolle Kontakte und Freundschaften.

 

Die Tage waren intensiv, begleitet von besonderen Ritualen und Impulsen, die passend zu den Lebensumständen der Trauernden sind. So wurden Gottesdienste im Freien gefeiert, „es entstand ein Gefühl der Verbundenheit, des Friedens“, wie es eine andere Teilnehmerin schildert.

Eine hohe Bedeutung für alle hatte auch das symbolische Steinesammeln: Ganz bewusst suchte jeder der Trauernden unterwegs einen Pilgerstein – und warf ihn am Ende der Tour in den Bodensee. Ein Sinnbild für das Loslassen, des Überbordwerfens von Dingen, die die Seele beschweren.

Allesamt „bereichernde Erfahrungen, bei denen man auch spirituell wachsen konnte“, wie es eine dritte Teilnehmerin der Oberschwaben-Tour 2023 ausdrückte. Dem wird nun eine weitere Pilgerwanderung für Trauernde Ende Juni 2024 folgen.

Die nächste Pilgerwanderung für Trauernde findet vom 26. bis 30. Juni statt. Das Ziel ist wieder Oberschwaben, einmal wird in einem Kloster übernachtet. Unterbringung im Einzelzimmer, Gepäck wird transportiert, Kosten 579 Euro: Jürgen Rist, Telefon 0170-7062743, E-Mail juergen.rist@elk-wue.de

Daraus soll möglich ein dauerhaftes Angebot werden, betont Jürgen Rist, der inzwischen eine unbefristete Stelle als Landesreferent für das Pilgern in Württemberg hat. Aus einem Trendthema ist längst ein Dauerbrenner geworden mit einer Vielzahl von ganz unterschiedlichen Menschen, die miteinander pilgern gehen wollen.

Das Trauerpilgern unterscheidet sich auch dadurch von anderen Formen des Pilgerns, dass es dabei in aller Regel keine Stammgäste und Wiederholer gibt: Wer kommt, kommt erstmals und meist auch letztmals. Die nächste Pilgerreise findet hoffentlich in keiner Trauergruppe mehr statt.