Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alle wollen nach Stuttgart

„Wir schaffen das“: Vor zwei Jahren verkündete Angela Merkel die neue Willkommenskultur in Deutschland. Was hat sich seither in der Flüchtlingsarbeit verändert – wie werden die drei kleinen großen Worte der Kanzlerin durch Menschen vor Ort umgesetzt? Mehrere Besuche vor Ort.


Orientalisches Provisorium: Betrieben wird es von einem Marokkaner mit deutschen Pass. Hier ist ein Treffpunkt der Flüchtlinge in Meßstetten. (Foto: Brigitte Jähnigen)

Landeserstaufnahmestelle Meßstetten: Identitätskontrolle. Jeder, der das Gelände der ehemaligen Zollernalb-kaserne betreten will, muss sich ausweisen. Vor uns wird ein deutsches ehrenamtlich tätiges Ehepaar mit einem unbegleiteten minderjährigen Flüchtling kontrolliert, hinter uns Heimbewohner, die vom Einkaufen kommen. Zwischenrein öffnet sich die Schranke für einen Streifenwagen mit Polizisten. Überall auf dem mit Drahtzaun gesicherten „Camp“, wie die Geflüchteten ihr Interimszuhause nennen, ist Security unterwegs.

350 Menschen – Frauen, Kinder und Männer – leben derzeit hier. Sie kamen vor allem aus Syrien, dem Irak und aus Afghanistan, aus afrikanischen Ländern, aber auch aus Nordkorea und den ehemaligen GUS-Staaten. Die Stimmung ist moderat, die Kinder gehen in den Kindergarten und in die Schule, die Erwachsenen sollen Deutsch lernen und müssen sich um ihren Asyl-Erstantrag kümmern. In zwei Stunden werden sich alle, wie an jedem Mittag, aber auch morgens und abends, im großen Speisesaal treffen. Auf dem Mittagessen-Tablett liegt ein einsamer Apfel neben Putengeschnetzeltem, Gemüserahmkräutersoße und Penne. Manchmal kochen die Flüchtlinge auch auf der Grillstelle unter freiem Himmel selbst. Und manchmal bestellen sie im orientalischen Laden ein Couscous oder rauchen eine Wasserpfeife. Doch der finanzielle Spielraum ist knapp bemessen bei einem durchschnittlichen monatlichen Taschengeld von etwas über 100 Euro pro Person. 

Keiner bleibt allein

Dennoch: Hier muss mit seinen Sorgen niemand alleine sein. Geschulte Mitarbeiter begleiten die Camp-Bewohner durch den ungewohnten Alltag, Ehrenamtliche versuchen, ein wenig Abwechslung in die Tage zu bringen – winzige erste Bausteine auf dem Weg zur Integration. Dass sich im Oktober 2015 fast 4000 Geflüchtete Schlafplätze und Betreuung teilen mussten, mag sich niemand vorstellen, der das nicht erlebt hat. „Jeder Platz war belegt, sie haben sogar auf den Fluren geschlafen“, sagt Susanne Kamer. Als Sozialpädagogin der Diakonischen Bezirksstelle Balingen ist sie mit den Erwartungen der Ankömmlinge konfrontiert, die sie nach der Registrierung durch das Ausländer­amt, Terminen beim Gesundheitsamt – inklusive den in Deutschland üblichen Impfungen –, der Antragstellung auf Asylverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bampf) formulieren. „Viele sind ungeduldig, ihre Vorstellung ist, dass nach ihrer Ankunft in Deutschland alles ganz schnell gehen muss“, beschreibt die Sozialpädagogin ihren Eindruck. Sie sagt auch, dass sie sich „oft als Bremse fühlt“ und „den Frust der Geflüchteten aushalten“ muss. 

Glücklich sind diejenigen, die ihren Namen eines Tages auf der „Transferliste“ finden. Transfer bedeutet, dass sie das Landeserstaufnahmelager verlassen dürfen. Es heißt auch, dass sie eine Perspektive bekommen. „Dann kommen sie zu uns, umarmen uns, das ist sehr berührend“, sagt Karin Migesel, Caritas-Mitarbeiterin in Meß­stetten. Dass das Interimsleben auf über 800 Höhenmetern, umgeben von grünen Wäldern, mit Frauencafé, einer selbst eingerichteten Moschee und einem Raum der Stille für Nichtmuslime für die Bewohner im Erstaufnahmelager Meßstetten bisher gelungen ist, war nur über einen tragenden Schulterschluss möglich. „Meßstetten ist erfolgreich, es geht hier nur so gut, weil ökumenisch gearbeitet wird“, sagt Andreas Binder, Gesamtleiter der Landeserstaufnahmestelle. Drei bis acht Wochen verbringt der Großteil der Bewohner im Camp. „Anschließend wollen alle nach Stuttgart“, sagt Mirjam Halfeer. Stuttgart bedeute Arbeit, Stuttgart bedeute Wohnung, fügt die Sozialwirtin, Mitarbeiterin der Diakonie Balingen hinzu. „Die wenigsten äußern den Wunsch, sich ein neues Zuhause auf dem Land einzurichten“, sagt Halfeer.

Stadt oder Land?

Ob die Integration in der Stadt oder auf dem Land besser gelingt, lässt sich aus Sicht von Birgit Susanne Dinzinger vom Diakonischen Werk Württemberg nicht pauschal beantworten. „Das Entscheidende hier wie dort sind die konkreten Teilhabemöglichkeiten, wie und wo sich Flüchtlinge einbringen können“, sagt die Leiterin der Abteilung Migration und Internationale Diakonie. Hilfreich seien in jedem Fall Flüchtlingsinitiativen und Freundeskreise, und die gebe es inzwischen sowohl in der Stadt wie auf dem Land. Auch sei der Kontakt zu muttersprachlichen Gemeinden wichtig. 

„Das Sprachkursangebot ist in der Stadt in jedem Fall differenzierter, hier können auch Mütter mit Kindern oder Personen, die eventuell schon eine Beschäftigung haben, eher ein passendes Angebot finden einschließlich der Psychosozialen Zentren für traumatisierte Flüchtlinge“, sagt Dinzinger. Der Schutz für Fremde, die Gastfreundschaft und das Eintreten für die Rechte von Rechtlosen bildeten den Kern der biblischen Sozialbestimmungen. 

Bei Jesus könnte man sehen, wie es gehen kann, Menschen vom Rand der Gesellschaft in die Mitte zu holen, so Dinzinger. In dieser Tradition werde die Aufnahme und Unterstützung geflüchteter Menschen als originär kirchlich-diakonische Aufgabe gesehen. 

„Die Aufnahme von Flüchtlingen in den letzten beiden Jahren haben das Land, die Kreise und Kommunen vor große Aufgaben gestellt. Bewältigt werden konnten und können diese nur in der Zusammenarbeit von Staat und Zivilgesellschaft, in der Zusammenarbeit mit ehrenamtlich Engagierten und der Freien Wohlfahrtspflege“, sagt Birgit Dinzinger. Und: „Nach der Willkommenskultur braucht es nun Programme und nicht nur kurzfristige Projekte. Flüchtlinge sind Teil der Gesellschaft, wir haben ein neues ‚Wir‘ zu buchstabieren“, so die Fachfrau der Diakonie. Dazu gehöre auch, Ängste in der Nachbarschaft von Flüchtlingsunterkünften wahrzunehmen. „Hilfreich ist, geflüchtete Menschen kennen zu lernen, deren Sorgen und Ängste zu hören.“

 

Integration 

Mohamad (Name geändert) hat es geschafft. Er lebt mit seiner Familie in Stuttgart-Feuerbach. Vorerst zwar noch in einem der so genannten Systembauten – einem zweigeschossigen Zeilenbau mit Flachdach, Gemeinschaftsküche und gemeinsamer Nutzung der Hygieneeinrichtungen – doch er ist optimistisch, dass er bald eine eigene Wohnung finden wird. Joachim Schlecht, Asylpfarrer im Kirchenkreis Stuttgart, kann ihm jedoch keine Hoffnung machen. „Der Wohnungsmarkt in Stuttgart ist leergefegt,“ sagt Schlecht. Und doch klappt es immer wieder, dass wie durch ein Wunder ein Bekannter eines Bekannten eine Wohnung ausmacht und eine Vermietung abgeschlossen werden kann. 

 

 

Wer zahlt?

Selbstverständlich kostet die „Wir schaffen das“- Integration Geld. Neben Bundes- und Landesmitteln beteiligt sich auch die Landeskirche. So hat die Landessynode den Kirchengemeinden zusätzliche Mittel bereitgestellt. „Denn es ist uns wichtig, dass die Flüchtlingsarbeit gestärkt wird, damit Integration gelingen kann“, sagt Sören Schwesig. Darüber hinaus habe der Kirchenkreis Stuttgart für fünf Jahre drei zusätzliche Personalstellen für die Koordinierung in der kirchlich-diakonischen Flüchtlingsarbeit geschaffen. „Sie sind Ansprechpartner für Kirchengemeinden und Asylfreundeskreise“, so Sören Schwesig.

 

Beispiel Stuttgart-Feuerbach 

Stuttgart als Landeshauptstadt hat Erfahrung mit dem Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. Über 170 Nationen leben in Stuttgart, und das in den meisten Tagen des Jahres friedlich. So wünscht sich das Wolf-Dieter Dorn, einer der Sprecher des Freundeskreises Flüchtlinge Feuerbach (FFF), auch für Bewohner der Systembauten in der Bubenhaldenstraße und deren Anwohner. „Die Flüchtlinge sind in Deutschland angekommen, aber zu Hause sind sie noch nicht“, sagt Dorn. Integration sei für die, die bleiben dürften, „ein schwieriger Prozess“. Mit Unterstützung beim Deutschlernen, Hilfe bei der Jobsuche, Kinder- und Jugendlichenbetreuung, Organisation von Ausflügen, Frauen-Literatur-Treffs und Lebenshilfen geben die Ehrenamtlichen ihr Bestes und suchen dabei immer den Weg der Moderation bei Problemen. Nicht immer leben Neubürger und Altbürger so eng beieinander wie in der Stuttgarter Bubenhalde. „Die Standortverteilung der Systembauten ist im Stadtbezirk Feuerbach ganz grässlich verlaufen“, gibt eine Anwohnerin Auskunft. Die ersten Unterkünfte seien zunächst im Wohngebiet Hattenbühl geplant worden. Doch „die ganz Reichen, die da wohnen, haben sich juristisch erfolgreich gewehrt“, sagt die Anwohnerin. Auch die Nachbarn an der Bubenhalde hätten eine Petition beim Landtag eingebracht, als auf dem Gelände, das „eigentlich immer als Frischluftschneise ausgegeben wurde“, ein zweiter Flachbau geplant wurde. Ohne Erfolg, der zweigeschossige Bau für weitere Flüchtlinge wurde trotzdem gebaut. Auf diese „Ungleichbehandlung Stuttgarter Bürger“ ist die Anwohnerin noch heute sauer. „Das Stuttgarter Modell der dezentralen Unterbringung ist nichts Tolles, wenn man es live erlebt“, sagt sie resigniert. Gegen die Flüchtlinge habe sie jedoch nichts. 132 Frauen, Kinder und Männer leben an der Bubenhalde. Als Träger fungiert die Arbeiterwohlfahrt. 20 bis 40 ehrenamtliche Helfer engagieren sich. „Ich wohne auch in diesem Gebiet, ich dachte, ich muss mich einbringen“, sagt Wolf-Dieter Dorn. Er ist überzeugt: „Um diese Menschen müssen wir uns mehr kümmern als um die türkischen Gastarbeiter, die vor 30 Jahren herkamen und jetzt Erdogan wählen.“

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