Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Alles ist jetzt dunkel“

STUTTGART – Vom Kräherwald nach Vaihingen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, das ist ­eigentlich kein Problem. Außer man ist blind. Denn die S-Bahn am Hauptbahnhof ist gar nicht so leicht zu finden. Die Schülern Ilayda Basaran macht sich trotzdem auf den Weg durch Stuttgart.


Ilayda Basaran wartet mit ihrem Mobilitätstrainer Rolf Ritschmann auf den Bus. (Foto: factum)

Der Bus hält mit einem sanften Stoß am Stuttgarter Hauptbahnhof neben einer der Treppen, die hinunter in die Klett-Passage führen. Schmatzend öffnen sich die Türen. Der Duft eines schweren Moschusparfüms zieht vorbei, begleitet von schnell klappernden Stöckelschuhen. „Gehen Sie ruhig vor!“, ermuntert eine tiefe, raue Stimme die junge Frau im Bus. Der Hauch eines Lächelns huscht über ihr Gesicht, das aber sofort wieder ernste und konzentrierte Züge annimmt.

Ihre linke Hand schiebt sich vor, die Fingernägel stoßen mit einem leisen Klicken gegen etwas Hartes. Ihre Hand umgreift die Haltestange. Ihre Fußspitze tastet nach der Stufe vor ihrem Sitzplatz. Ein Schritt runter. Schrapp. Klack. Schrapp. Klack. Schrapp. Dong. Der Blindenstock der jungen Frau trifft das Blech der Bustür. Noch zwei Schritte vor. Die weiße Kugel vorne am Stock findet den Bürgersteig. Ein großer Schritt und sie ist ausgestiegen. Die erste Hürde hat Ilayda Basaran genommen. Aber es ist nur die erste von vielen.

Ilayda ist 19 Jahre alt. Mit 12 Jahren ist sie erblindet. Innerhalb von sechs Monaten, die Folge einer Krebstherapie. Seitdem ist die junge Frau vollblind. „Alles ist jetzt dunkel, irgendwie“, beschreibt sie. „Nicht schwarz. Nur dunkel halt.“ Ilayda besucht das zweite Jahr im Wirtschaftszweig der Tilly-Lahnstein-Schule in Stuttgart, einer Berufsschule für blinde und sehbehinderte Menschen der Nikolauspflege. Unter der Woche wohnt sie dort auch im Internat. Heute soll sie lernen, allein den Weg zu ihrem neuen Praktikumsplatz in Stuttgart-Vaihingen zu bewältigen. Rolf Ritschmann, Ilaydas Orientierungs- und Mobilitätslehrer, leitet sie an.

Die Bustüren schnappen wieder zu. Das Fahrzeug fährt an. Ilayda steht auf dem Bürgersteig. Eilige Schritte wuseln um sie herum. Jemand hustet. Ilaydas Stock fährt ruhig und routiniert über den Boden. Schrapp hin. Schrapp her. Schrapp hin. Schrapp her. Und dann: Schra-ha-ha-ha-hap. Der Stock hoppelt über gewellte Pflastersteine. Ilayda richtet sich auf und geht zügig los. Ritschmann folgt ihr mit etwas Abstand. Die Blindenleitlinien führen sie einen Meter vom Bürgersteigrand entfernt die Straße entlang. Dann machen sie einen Knick um 90 Grad. Ilayda steuert auf die Treppe zu, die hinunter zur Klett-Passage führt. Unten angekommen, orientiert sie sich nach links. Langsam geht sie weiter, bis ihr Stock gegen eine Wand schlägt. Diese leitet sie hinein in die warme, synthetisch riechende Luft der Passage.

„Einen Großteil ihrer Informationen nehmen Menschen visuell auf“, erklärt Elke Wagner, stellvertretende Leiterin von Ilaydas Schule. „Da ist klar, dass wir das über andere Kanäle kompensieren müssen.“

Wagner ist selbst blind. Sie weiß um die Beschränkungen, die ein Leben als blinder Mensch mit sich bringt. Darum ist es ihr ein Anliegen, ihren Schülerinnen und Schülern möglichst große Freiheit zu ermöglichen.

Sie lernen, sich mit dem Blindenstock zurecht zu finden und intensiv zu hören, um die Welt wahrzunehmen. „Es klingt anders, ob eine Katze oder ein Hund Wasser aus einem Schälchen trinkt.“ Außerdem will Elke Wagner ihren Schülerinnen und Schülern eine große Portion Selbstbewusstsein mitgeben, damit diese ihren Alltag allein meistern können. Das ist ihr wichtig, denn „wer gerade und selbstbewusst geht, der wird auch seltener angerempelt.“

Ilaydas Stock führt sie an der linken Wand der Klett-Passage entlang. Kurz ist sie irritiert, als er sich im Ausstellungsständer einer Boutique verhakt. Der Obststand bereitet ihr dagegen keine Schwierigkeiten. Dann biegt sie ab und läuft mitten in die Passage hinein. Sie wird langsamer, bleibt stehen. „Herr Ritschmann?“ Ihr Kopf dreht sich nach rechts und links.

Die Augäpfel flattern hin und her. „Ich glaube, hier bin ich falsch, oder?“ Der Lehrer geht zu ihr. „Allerdings! Du bist zu früh von der Wand weg. Schau, hier kommt erst noch die Brüstung von der Treppe, die runter zur U-Bahn führt. Hörst du die U-Bahn da unten?“ Er legt Ilaydas linke Hand auf den kalten Edelstahl des Geländers. „Von da kannst du gut die Richtung abnehmen. Geradeaus weiter, dann kommst du genau bei der S-Bahn-Treppe an.“

Rolf Ritschmann führt Ilayda wieder hoch zur Bushaltestelle. Das Ganze von vorn: Blindenleitlinien, Treppe, Wand, Obststand und dann… Der Orientierungslehrer zieht scharf die Luft ein, schließt ein Stück zu Ilayda auf. Sie steuert auf sechs junge Männer zu, schwarz angezogen, Punkerfrisuren. Biergeruch hängt in der Luft. Sie pöbeln herum, schubsen einander. In diesem Moment schlägt Ilaydas Blindenstock gegen die Beine der Männer. Sie drehen sich genervt um. Kurzes Zögern. „Ey, Mädchen sieht nix. Will vorbei. Zieht mal Leine!“, blafft einer der Männer die anderen an. Ohne Zögern lassen die Männer Ilayda passieren.

Ein breites Grinsen erscheint auf Ritschmanns Gesicht. Er lässt sich zurückfallen. Aber die Treppe zur S-Bahn findet Ilayda auch bei diesem Versuch nicht.

Also noch einmal. Und tatsächlich: Dieses Mal schafft Ilayda es allein bis hinunter zum S-Bahn-Gleis. Hier ist das Gedränge groß. Mit lautem Donnern fährt eine S-Bahn ein. Die Bremsen quietschen schreiend. Ilayda reibt sich die Augen. Ihr Gesichtsausdruck ist leer. Kein Triumpf. „Ich glaube, mir reicht es für heute.“

In der nächsten Woche werden sie das Einsteigen üben. Wie kann Ilayda die S-Bahn-Tür finden, ohne Blindenleitlinien, nur mit Hilfe des Gehörs? In Vaihingen muss sie dann den Weg zu ihrem Praktikumsplatz lernen. Drei Wochen lang wird sie in einer Rechtsanwaltskanzlei sein. Ilayda freut sich darauf. Ihr großer Traum ist es, Jura zu studieren. „Menschenrechte. Frauenrechte. Das interessiert mich einfach. Ich kann Ungerechtigkeit nicht leiden!“

Ritschmann hakt Ilayda unter. „Komm, fahren wir heim!“ Ilaydas Stock schlägt gegen jede der vielen Treppenstufen. Tock. Tock. Tock. Der gleichmäßige Rhythmus bleibt im Ohr, als die beiden schon längst nicht mehr zu sehen sind. „Ankunft S 2 nach Filderstadt. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt“, erschallt die monotone Stimme der Durchsage. Das Gedränge an den Türen ist groß.

Helfen – aber wie?

Soll man einem blinden Menschen helfen und wenn ja: Wie? Ilaydas und Elke Wagners Ratschläge lauten: Fragen Sie, ob der blinde Mensch Hilfe möchte. Gern angenommen wird die Hilfe, wenn ein blinder Mensch einen verlorenen Eindruck macht. „Abseits des Weges, den ich gelernt habe, ist für mich ja einfach nur Schwarz“, beschreibt Elke Wagner das Problem. Wenn eine Begegnung zu Ende ist, dann gehen Sie nicht einfach nur weg, sondern beschreiben Sie, was Sie tun. Denn: „Das ist ganz unangenehm, wenn man plötzlich ins Leere spricht. Da kommt man sich richtig blöd vor“, sagt Elke Wagner.

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