Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alte Glaskunst neu entdeckt

RAVENSBURG – In der Stadtkirche wurden in den 1960er-Jahren die Kirchenfenster ersetzt. Doch die alten Fenster aus dem 19. Jahrhundert wurden glücklicherweise nicht auf den Sperrmüll geworfen, sondern lagerten im Keller. Jetzt haben Studenten aus Erfurt diesen Schatz gehoben, und ein Restauratorenteam hat einem Brenz-Fenster wieder zu seiner ganzen Schönheit verholfen.

 
Dunja Kielmann und ihre Kollegin, Kathrin Rahfoth restaurieren Teile des Brenzfensters. (Foto: Barbara Waldvogel)

Auch Kirchenkunst ist schon immer mit der Mode gegangen, und oft war diese Lust am Neuen gleichbedeutend mit einem großen Verlust an Kulturgut. Heute schmerzt der kompromisslose Renovierungseifer vorangegangener Generationen. Glücklich dürfen sich deshalb jene Kirchengemeinden schätzen, die das Erbe nicht verschleudert, sondern nur beiseite geräumt haben. So geschehen in der Ravensburger Stadtkirche in den 1960ern. 50 Jahre lang fristeten Fenster des renommierten Lauinger Glasmalers Ludwig Mittermaier aus dem 19. Jahrhundert ein wenig beachtetes Dasein in 14 Holzkisten im Kellergeschoss der Kirche. Jetzt wurden große Teile dieses Schatzes von Studenten der Erfurter Fachhochschule sorgsam gehoben und gesichert.

Den Schatz im Keller hat die Ravensburger Gemeinde dem Augsburger Archivar Reinhard H. Seitz und dem berühmten Esslinger Glaskünstler Hans Gottfried von Stockhausen zu verdanken, den die Kirchenleitung 1965 um eine moderne Neugestaltung der Chorverglasung gebeten hatte. Denn die beiden setzten sich vehement dafür ein, die nicht mehr verwendeten Mittermaier-Fenster aus dem Chor in Kisten einzulagern. Was gar nicht so selbstverständlich war: Kurze Zeit später, Anfang der 1970er, hat man ebenso hochwertige Fenster desselben Künstlers beim Umbau der Dreifaltigkeitskirche im 45 Kilometer entfernten Leutkirch brutal zerstört.

Gleichzeitig sprachen sich Seitz und von Stockhausen damals dafür aus, die in Deutschland einzigartigen Reformatorenfenster des Lauinger Glaskünstlers an der Südseite des Kirchenschiffs auf Grund ihrer hohen Qualität unbedingt zu belassen. Dieses Urteil wirkt wohl nach, denn die Fenster haben nun auch die Aufmerksamkeit der Landesdenkmalpflege in Stuttgart und der Beauftragten für Medien und Kultur erregt, und so flossen Mittel nicht nur für das Katalogisieren und Sichern der einst ausgebauten Fenster des West- und Ostchores, sondern auch für eine Musterrestaurierung an fünf Feldern des Brenz-Fensters an der Südseite.

Restauratorin Dunja Kielmann vom Landesdenkmalamt Esslingen und ihre Kollegin, Kathrin Rahfoth, freiberufliche Restauratorin aus Erfurt, haben sich in der Sakristei der Kirche eingerichtet und sorgen fachgerecht dafür, dass der alte Brenz wieder in neuem Glanz erstrahlt. Dazu gehört zum Beispiel nicht nur die Entfernung von Auflagerungen von Kitt und Silikon, von Kaltübermalungen und Laufspuren von Kondenswasser, sondern auch das Herauslösen von störenden Sprungbleistreifen. Sie wurden früher eingesetzt, wenn ein Glas gebrochen war. Da es heute gute Klebstoffe gibt, konnte Kielmann den Bleistreifen aus dem Gesicht des schwäbischen Reformators entfernen, das Glas kleben und danach kleine Fehlstellen ausbessern.

Damit nicht genug: Als in den 1960er-Jahren die Fenster zum letzten Mal gerichtet wurden, hatten die Restauratoren bei Brenz einen bunten Glasfries am unteren Ende des Bildes verkehrt eingesetzt. Dieser Fehler ist jetzt wieder behoben. Die Expertinnen sind jedenfalls voller Begeisterung am Werk, schwärmen von den feinen Zeichnungen nach einem Entwurf des Münchner Kartonisten Gustav König, von den kunstvollen Bleifassungen und der Strahlkraft der Farben, die für die damalige Zeit geradezu untypisch gut eingebrannt wurden.

Bei einem Gang durch die Kirche aus dem 14. Jahrhundert, die derzeit am Dach, im Chorraum und im Landgerichtsgang – früher die Verbindung von der Kirche zum Karmeliterkloster – großflächig renoviert wird, leuchten die weiteren Reformatorenfenster im mittäglichen Sonnenlicht: Neben Brenz sind hier Friedrich der Weise, Philipp Melanchthon, Martin Luther, Ulrich Zwingli, Herzog Christoph und der Schwedenkönig Gustav Adolf verewigt. Auch diese Fenster wurden eingehend begutachtet, und auch sie hätten eine fachgerechte Sicherung dringend nötig.

„Wir freuen uns über das denkmalpflegerische Interesse an unseren Kirchenfenster“, sagt Pfarrer Martin Henzler-Hermann von der Stadtkirchengemeinde. Dadurch gewinne diese Kirche noch mehr Aufmerksamkeit. Allerdings fehlen der Kirchengemeinde derzeit die Mittel für weitere Restaurierungsarbeiten. Sie muss gerade Gelder für die laufenden Baumaßnahmen sammeln. Die aufwendige Umgestaltung des Landgerichtsganges mit dem Einbau von Sanitäranlagen ist demnächst beendet. Er wird am Sonntag, 30. April, nach dem Gottesdienst eröffnet.

Die Arbeit der Studenten ist vorerst abgeschlossen. Sie haben in rund zwei Wochen 200 Felder fein säuberlich katalogisiert und in neue, flache Schubladen eingeordnet. Das Resultat ihrer Arbeit: Das ehemalige Ostfenster mit der Auferstehungsgeschichte nach Entwürfen des Kartonisten C. Andreä aus Dresden ist komplett erhalten. Vom Westfenster fehlt bislang leider die Daviddarstellung. Da noch nicht alle Kisten umgepackt sind, hofft Kielmann, dass im nächsten Sommer noch einmal Studenten kommen und das Werk beenden.

Judith Welsch-Körntgen
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