Christliche Themen für jede Altersgruppe

Arm in einer reichen Stadt

TUTTLINGEN – Der Kirchenbezirk Tuttlingen gilt als wohlhabender Landstrich. Wer dort die Armut erkennen möchte, muss genauer hinschauen. Etwa in die Wärmestube in Tuttlingen, eine Einrichtung, die auch von der evangelischen und katholischen Kirche unterstützt wird. Dort finden Menschen wie Almi und Yvo eine Anlaufstation, die mehr ist als nur eine Essensausgabe.

(Foto: Förderverein Wärmestube für den Landkreis Tuttlingen)

Wie aus einem Tourismus-Prospekt, so präsentiert sich Tuttlingen an diesem Tag. An dem neu gestalteten Donauufer genießen Bewohner und Besucher die wärmenden Sonnenstrahlen, in den Fußgängerzonen sind die Plätze in den Cafés und Restaurants voll besetzt. Wer kann, genießt die frühlingshaften Temperaturen bei Essen, Eis und spritzigen Getränken. Mitten durch die Stadt führt der Donau-Radwanderweg, die Bodenseeregion ist nicht weit.

In der Stadthalle ist das ganze Jahr über ein breitgefächertes Kulturprogramm geboten, und nicht weit von der Dekanatsstadt entfernt lockt in Neuhausen ob Eck mit dem „Southside“ jedes Jahr ein Musikfestival. Auch bei Pfarrern ist der Kirchenbezirk Tuttlingen, der ganz am Rande der Landeskirche liegt, beliebt. Ehemals junge Vikare und Pfarrer zur Anstellung, die in Tuttlingen waren, kommen gerne nach einigen Jahren wieder zurück.

Wer die Armut in der Dekanatsstadt sucht, findet sie nicht direkt im Zentrum, sondern ein paar Straßen weiter, abseits des regen Treibens, in der Karlstraße. Hier hat die Tuttlinger Wärmestube seit 2000 ihren festen Sitz. Sie ist ein zentraler Anlaufpunkt für Menschen ohne festen Wohnsitz und mit geringem Einkommen.

Almi ist einer von ihnen, seit zwei Wochen ist er wieder in Tuttlingen. Der gebürtige Franke mit der roten Schirmmütze ist seit 25 Jahren obdachlos und auf Durchreise. Er freut sich, wieder hier zu sein. „Das ist wie in einer kleinen Familie“, sagt er und schaut aus dem Fenster des sonnendurchfluteten Raums. „Man trinkt Kaffee zusammen, und dann geht jeder wieder seiner eigenen Wege.“

Heute ist der 47-Jährige seit neun Uhr hier, hat sich erst einmal einen Tee geholt und mit den anderen Besuchern unterhalten. Almi erzählt von der abgebrochenen Metzger-Lehre, Alkoholproblemen, einem Herzfehler. Davon, wie ihn irgendwann ein obdachloser Bekannter auf die Straße mitgenommen hat. Dass er seinen Hund vor kurzem hat einschläfern lassen müssen und seitdem alleine unterwegs ist. „Eine feste Wohnung liegt für mich einfach nicht drin“, sagt er und lächelt durch die schwarzgerahmte Brille.

Yvo sitzt ebenfalls im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss der Einrichtung. Sie wartet, zwischen lautem Geschirrklappern, auf das Mittagessen. Anders als Almi kommt sie direkt aus Tuttlingen, ist aber auch ohne feste Bleibe. In einem der drei Wohnungen, die sich im ersten Stock des Gebäudes befinden, hat sie vorübergehend eine Unterkunft gefunden.

In Tuttlingen eine Wohnung zu finden sei für sie schwer bis unmöglich, sagt sie. Seit der Trennung von ihrem Mann, die sie nicht verkraftet habe, „dürfen meine drei Kinder nur noch alle paar Wochen zu mir kommen“. Momentan versuche sie, eine Umschulung zu machen, doch wegen eines Lymph­ödems im Fuß kann sie nicht voll arbeiten. Die Wärmestube ist für Yvo ein Treffpunkt, der aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Auch sie spricht vom Gefühl, „wie in eine kleine Familie zu kommen“.

Seit 18 Jahren ist die Wärmestube Tuttlingen inzwischen eine wichtige Anlaufstelle für Menschen wie Almi und Yvo. Zur Anfangszeit, erzählt Doris Mehren-Greuter, habe es zwar in den Großstädten bereits entsprechende Angebote gegeben. Aber auf dem Land habe man die Notwendigkeit dafür noch nicht gesehen, sagt die Einrichtungsleiterin. Zu den Angeboten gehören auch eine Fachberatung und ein Aufnahmehaus, in dem Betroffene vorübergehend, für drei Monate, eine Bleibe finden. Anschließend helfen die Mitarbeiter bei der Wohnungssuche. „Niemand wird nach dieser Zeit einfach auf die Straße geschickt“, sagt Mehren-Greuter. Auch wenn es nicht einfach sei, eine dauerhafte Bleibe zu vermitteln.

Die Wärmestube sei das „Herzstück“ der ganzen Einrichtung. „Jeder, der sich reintraut, kann kommen – und muss noch nicht einmal seinen Namen sagen.“ Es sei ein Ort, an dem sich keiner ausgegrenzt fühlen müsse, für Menschen „in außergewöhnlichen Lebenssituationen“. Das Angebot finanziert sich zu einem Großteil durch den „Förderverein Wärmestube für den Landkreis Tuttlingen“. Träger ist die Arbeiterwohlfahrt (AWO). Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche sind im Vorstand vertreten. Im Untergeschoss des Gebäudes befindet sich eine Kleiderkammer, bei der etwa Jacken und Hosen für einen Euro erhältlich sind. Die Waschmaschine im Raum nebenan kann ebenfalls genutzt werden, Besucher dürfen umsonst duschen. Jeden Sonntag kommt eine Gruppe von ehrenamtlichen Helfern, die von 10 bis 13 Uhr kochen.

Konkrete Unterstützung gibt es auch in der Fachberatungsstelle der Einrichtung, neben dem Tagestreff der Wärmestube. Das kleine Büro ist an diesem Vormittag nicht besucht, hier bekommen Menschen, die etwa mehr über Hilfeangebote vor Ort, über ärztliche Versorgung, erfahren wollen, Auskunft. Auch die Tagessätze von Hartz IV werden von den Mitarbeitern hier ausgezahlt. Die Klienten brauchen dafür keine Termine, auch hier soll das Angebot niederschwellig sein. Alle zwei Wochen besucht eine Ärztin die Einrichtung und bietet ihre Sprechstunde an, ein Friseur schneidet einmal im Monat auf Wunsch die Haare.

Armut, sagt Doris Mehren-Greuter hat in einem reichen Landkreis wie Tuttlingen ein anderes Gesicht als anderswo. Fast 600 Unternehmen im Bereich Medizintechnik sind hier ansässig; insgesamt haben über 1900 Unternehmen in der Kreisstadt ihren Sitz, darunter einige weltführende Firmen. „Die Industrie benötigt hierzulande hochqualifizierte Kräfte, der Arbeitsmarkt verlangt Menschen mit 150-prozentiger Leistungsfähigkeit.“ Menschen, die dem nicht gewachsen seien, würden schnell an den Rand gedrängt, entsprechende Mittel gekürzt, „weil wir ja in einem reichen Landkreis leben“. Oft fehle das Verständnis und der Zugang dafür, wie Menschen in solch eine Situation hineingeraten können.

Doch es gibt auch Bewegungen und Netzwerke, wie etwa den „Arbeitskreis Armut Tuttlingen“, die versuchen, auf die Lebenssituation von armen Menschen in Tuttlingen und Umgebung aufmerksam zu machen. Der Vorteil in eher ländlichen Gebieten wie diesem: „Es gibt nicht die Anonymität der Großstadt, die Hilfe ist näher“, sagt Mehren-Greuter. Auch Dekan Sebastian Berghaus beobachtet „ein großes Verantwortungsbewusstsein, füreinander einzustehen“. Etwa in Form von großen Spendenaufkommen, von denen der Förderverein der Wärmestube lebt.

Almi ist wieder unterwegs, dieses Mal in Richtung Donauufer. Mit Kochgeschirr im Rucksack macht er sich auf, um dort einen Bekannten zu treffen. „Ich brauche regelmäßig Luftveränderung“, sagt er. „Aber in die Wärmestube komme ich immer wieder gerne zurück.“

Informationen

Die Wärmestube ist eine Einrichtung der AWO. Sie befindet sich in der Karlstraße 33, hat im Sommer montags bis freitags von 8 bis 14 Uhr und im Winter von 8 bis 15 Uhr geöffnet sowie sonn- und feiertags von 10 bis 13 Uhr.

Telefon: 07461-969076

Der Förderverein Wärmestube für den Landkreis Tuttlingen wurde am 27. Januar 2011 unter der Schirmherrschaft von Landtagspräsident Guido Wolf gedründet.

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