Christliche Themen für jede Altersgruppe

Auf der Suche nach Weihnachten

Einfach zu finden ist der Klettergarten im Wald oberhalb von Stetten im Remstal nicht. Für den Samstagabend vor dem vierten Advent gilt aber: Immer den Menschenmengen hinterher. Nur ein Beispiel dafür, wie das Weihnachtsfest große und kleine Menschen zutiefst bewegt – ob Christen oder nicht.

Bild: Dietrich Hub

Eigentlich ist dieses Klettergelände ein stillgelegter Steinbruch

Mitglieder der Bezirksgruppe Remstal des Deutschen Alpenvereins haben vor einigen Jahren die Felswände des aufgelassen Steinbruchs zu einem sicheren Übungsgelände für Bergsteiger ausgebaut. Doch es sind keineswegs nur Bergsteiger, die sich jedes Jahr an diesem entlegenen Ort zur Bergweihnacht versammeln. Im Klettergarten angekommen, fällt als erstes das zentrale Feuer in der Nacht auf. Ringsherum sind Stände aufgebaut. An ihnen wird Tee, Kinderpunsch, Glühwein oder Hefezopf angeboten. Freudige Erwartung blitzt aus den Gesichtern von Kindern und Eltern. Denn die Besucher wissen: Oben auf der Felswand wird bald der Weihnachtsmann erscheinen – im roten Mantel mit weißem Saum aus Kunstpelz. Eigentlich kaum ein Unterschied zur Figur des Nikolaus, der bekanntlich am 6. Dezember seine Aufwartung macht. Der Weihnachtsmann, so wie er gleich hier bei der Stettener Bergweihnacht von der
Kante des Steinbruchs herab sichtbar sein wird, ist jedenfalls auch ein Mann mit weißem Bart. Und er kommt ebenfalls „von drauß´ vom Walde“. Wie war das noch mit dem historischen Vorbild vom Nikolaus? Der Heilige lebte in Myrna, einem Ort in der heutigen Türkei. Er war dort im vierten Jahrhundert Bischof. Und so lautet seine Legende: Er habe einem armen Mann bei Nacht heimlich Geschenke gebracht, damit dessen Töchter standesgemäß heiraten konnten. Daher übrigens stammt
auch unsere Tradition des Schenkens. Sie wird auch hier bei der Stettener Bergweihnacht gepflegt: Nach seinem Auftritt oben auf der Felswand kommt der Weihnachtsmann nach unten und alle Kinder bekommen Süßigkeiten aus seinem Geschenkesack.

Ein Brause-Hersteller läßt grüßen

Wie aber wurde unser Nikolaus, der heilige Bischof von Myrna, zum heutigen Weihnachtsmann? Das weiß kaum einer der Besucher, die sich von Feuerglanz und Lebkuchenduft im Steinbruch verzaubern lassen. Tatsache zumindest ist: 1931 hat der Coca-Cola-Konzern die Tradition des Nikolaus aufgegriffen und in eine eigene Werbekampagne mit einem Weihnachtsmann eingebaut. Dass die Pädagogik des Weihnachtsmannes – für die „bösen Kind“ mit der Rute „auf den Teil, den rechten“ – nach heutiger Gesetzgebung ein Fall für den Staatsanwalt wäre, stört heute noch kaum jemanden. Der Coca-Cola-Weihnachtsmann soll ja die Eltern bei ihrer Erziehungsarbeit unterstützen, „Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an. Stecke deine Rute ein, ich will auch immer artig sein“, heißt es dementsprechend auch in einem Kindergedicht.

All dies trübt das Erleben der Stettener Weihnachtsfeier nicht. Bei der Bergweihnacht im Steinbruch flankieren Fackelträger den Weihnachtsmann oben auf der Felswand. Unten ziehen Funken aus dem Feuer nach oben in die Schwärze des Nachthimmels. Alphornbläser und Posaunen geben dem
Auftritt einen musikalischen Rahmen. Die Atmosphäre, man merkt es, beeindruckt die Erwachsenen wie die Kinder tief.

Die Sehnsucht nach Weihnacht eint

Warum kommen so viele Menschen zu einer solchen Veranstaltung? Der Theologieprofessor Rudolf Bultmann wollte vor 60 Jahren das Neue Testament radikal „entmythologisieren“. Damals stellte er fest: Viele der Jesusgeschichten seien historisch kaum haltbar. Daher komme es allein auf das „Gekommensein“ an, so Bultmann. Soweit die Theorie. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Die Menschen strömen zu Hunderten samt ihren Kindern in den Klettergarten, um vom völlig unhistorischen Weihnachtsmann berührt zu sein. Denn: Sie wollen Weihnachten erleben, in welcher Form auch immer! „Euch ist ein Kindlein heut geborn“ heißt es im Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Heute! Weihnachten soll gegenwärtig werden, auch wenn das christliche Fest von anderen Traditionen bisweilen nahezu verschüttet worden ist.

Woher aber stammt diese Sehnsucht? Ein wichtiger Grund für dieses alle einigende Gefühl dürfte sein: Die Menschen wollen Weihnachten feiern, weil sie sich nach diesem Licht der Welt sehnen. Nach kleinen Zeichen dieser neuen Welt, die damals im Unscheinbaren sichtbar wurde. Nach einer heilen Welt mit kaltem Schnee und wärmendem Glühwein. Nach einer Umgebung der Geborgenheit, wie sie so selten erlebt wird, aber wie sie sich so viele wünschen.

Wenn die Wölfe mit den Lämmern

Vielleicht aber ahnen zugleich auch viele dieser Menschen, dass ein Traum wahr wird, der die Menschen seit Tausenden von Jahren im Innersten bewegt: Eines Tages werden, um es einmal in biblischer Sprache zu formulieren, „sich alle Knie vor dem Christuskind beugen und alle Zungen bekennen, dass er der Herr über alles ist“. Und dann bricht, so die Hoffnung aller Gläubigen, endlich die verheißene Zeit an, in der die Wölfe friedlich bei den Lämmern wohnen; dann wird kein Leid und kein Geschrei mehr auf der Erde sein; dann werden keine Kinder mehr geschlagen; und vor Lampedusa keine Leichen von Menschen auf der Flucht mehr geborgen. Ein Traum? Vielleicht! Eine Hoffnung? Ja!

Kleine Anzeichen von dieser Hoffnung erleben wir jetzt schon an unserem Weihnachtsfest. Sichtbar davon ist vielleicht ein winziger Anklang im Gesicht von Kindern, wenn sie Geschenke auspacken.

Am Heiligen Abend um 17 Uhr sind die Kirchen voll wie an keinem anderen Tag im Jahr. Es kommen dann auch Menschen in unsere Gotteshäuser, die gar nicht Mitglied der Kirche sind. Und auch sie beten sogar – so eine Art geistliches Schwarzfahren, aber durchaus legal. Der Zuspruch des Evangeliums gilt allen, auch wenn man Jesu Anspruch nicht hören möchte. Mit dem Gottesdienstbesuch am Heiligen Abend ist es dann aber auch genug. Für die meisten gilt: Wer zweimal pro Jahr in die Kirche geht, ist ein Fanatiker. Aber das unbewusste Suchen nach Weihnachten bleibt.

Übrigens, wer solchermaßen die Gefühlswelt des Weihnachtsfestes sucht, der kann den Weihnachtsmann nicht nur im Dezember erleben. In Schweden ist zum Beispiel der Weihnachtsmann das gesamte Jahr über zu besichtigen. In Mora in Mittelschweden lebt der Weihnachtsmann bis weit in den Frühling hinein im schneebedeckten Wald. Aber auch im Sommer kann man ihn besuchen. Mit seinen Begleiterinnen, den hübschen Elfen, wohnt er in einem weitläufigen Gelände. 120 000 Menschen besuchen jedes Jahr den schwedischen Weihnachtsmann, natürlich gegen Eintritt: etwa 20 Euro für Erwachsene, 16 Euro für Kinder. Geschäftstüchtig ist er also durchaus, unser Weihnachtsmann. Erst etwas schüchtern, dann aber doch erfreut war unsere Tochter, als der Weihnachtsmann persönlich mit ihr redete. Der sprach zwar nur Schwedisch, was aber für eine Eineinhalbjährige ziemlich unwichtig ist. Bei der international üblichen Kinder-Kommunikation kommt es viel mehr auf den Klang der Stimme und auf die Mimik als auf die sprachliche Information an. Emanuelle sah, wo der Weihnachtsmann die Geschenke verpackt und wo die Post abgeschickt wird. Alle Traditionen vom Bischof Nikolaus von Myra, vom Christuskind aus Bethlehem und von skandinavischen Elfen und Trollen werden in Mora in Mittelschweden fröhlich vermischt.

Aber seien wir ehrlich: Solch eine Vermischung von Traditionen hat keineswegs erst der Coca-Cola-Konzern erfunden. Das gibt es, seit Christus damals auf die Erde kam. Das Datum des Weihnachtsfestes wurde im 4. Jahrhundert so festgelegt, um den auferstandenen Christus dem „unbesiegbaren Sonnengott“ entgegenzusetzen. Auch dessen Fest lag am Tag nach der Wintersonnenwende, also nach der längsten Nacht im Jahr. Und die Lichtsymbolik des „unbesiegbaren Sonnengottes“ konnte man gleich christlich recyceln. Schon allein der Weihnachtsbaum ist nicht genug christlich. Warum sind so viele Menschen offensichtlich auf der Suche nach Weihnachten, nicht nur in Stetten in Remstal oder in Schweden? Tradition wird nur dann weitergetragen, wenn sie auch in der Gegenwart als heimatgebend und wohltuend erfahren wird. Es ist wohl tatsächlich so: Viele Menschen spüren etwas von dem Licht, das damals in die Welt gekommen ist. Dieses Licht leuchtet für alle – sogar für diejenigen, die kaum etwas davon wissen. Und zeitlos gut ist diese Botschaft erst recht für alle, die weiter denken. Eine junge Frau wird schwanger. „Und es kam die Zeit, da sie gebären sollte“ – sie musste ihr Kind in einem Stall zur Welt bringen. Wer aus dieser Szene eine Idylle gemacht hat, der hat vermutlich noch nie einen Viehstall von innen gesehen und gerochen. Doch ein Stern leuchtete über dem Stall, führte die Hirten zu der Krippe. Und das, was damals angefangen hat, leuchtet seitdem über dieser Welt. Die Suche nach Weihnachten wird nie ein Ende finden.

Bergweihnacht im Klettergarten Stetten am 21. Dezember um 18 Uhr

Die Bergweihnacht findet 2013 am 21. Dezember statt, Beginn ist um 18 Uhr. Stetten im Remstal – bekannt durch die Diakonie Stetten – ist einer der beiden Teilorte der Gemeinde Kernen. In Kernen-Stetten fährt man mit dem Auto ab der Steigstraße durch die Weinberge nach oben. Das Auto muss am Wanderparkplatz an der Gaststätte „Sängerheim“ stehen bleiben. Von dort aus gelangt man zu Fuß in etwa 15 Minuten bis zum Klettergarten.

Der Alpverein zeigt auf seiner Internetseite die Anfahrtsskizze.

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