Christliche Themen für jede Altersgruppe

Besuch hinter Gittern

Für Strafgefangene haben Besuche eine ganz besondere Bedeutung. Sie sind ein kostbares Gut, unterliegen Beschränkungen und bilden die Brücke zu den Freunden und Verwandten draußen. Ein Rundgang durch die Justizvollzugsanstalt (JVA) Heilbronn, wo 400 Männer ihre Haftstrafe verbüßen und mancher verurteilte Vater fürchtet, den Kontakt zu seinen Kindern zu verlieren. 


Geschlossener Bereich: das leben im gefängnis findet hinter Stacheldraht statt, am Abend gehen die Zellentüren zu. (Foto: Gemeindeblatt)

Peter M. (Name geändert) ist seit einem Jahr Strafgefangener. In der JVA Heilbronn verbüßt er eine Haftstrafe von zwei Jahren, wenn alles gut läuft, wird er in sechs Monaten entlassen. Über den Grund seiner Inhaftierung will der 47-Jährige lieber nicht sprechen. Die Haft ist für ihn eine schwere Zeit, die er möglichst gut und schnell hinter sich bringen will.

Zu den schwierigsten Dingen gehört die Trennung von seiner Familie. Zwei Söhne hat er, drei und elf Jahre alt, die Augen leuchten, wenn er von ihnen erzählt. „Der Große kommt immer mit“, sagt Peter M., „aber es ist nicht einfach, den Kontakt aufrecht zu erhalten“. Wenn die, die sich im Besucherzimmer gegenübersitzen, den Alltag nicht mehr teilen, fällt es mitunter schwer, ein gutes Gespräch in Gang zu bringen.

Deshalb ist Peter M. froh, dass es in Heilbronn das Vater-Kind-Projekt gibt. Alle acht Wochen gehört dann der gesamte Besucherbereich des Gefängnisses den Gefangengen und ihren Kindern. Statt nur miteinander zu reden, dürfen sie hier herumtoben, spielen, kochen und gemeinsam essen. Das Essen bereiten die Väter dabei selbst zu, „eine Annäherung an das normale Leben“, wie Peter M. sagt, bei dem sie ein wenig vergessen können, in welcher Ausnahmesituation sie sich gerade befinden.
Es ist eine heikle Situation, insbesondere für jene, die nicht aus dem kriminellen Milieu kommen, sondern aus bürgerlichen Verhältnissen. Da wird dann schnell mal verschwiegen, was eigentlich Sache ist. „Der Papa ist auf Montage oder für längere Zeit im Ausland“, lauten einige der gängigsten Ausreden. Peter M. hingegen hat von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Sonst könnten ihn seine Kinder auch nicht in der JVA besuchen.

Das Besuchsprojekt für Vater und Kind wird begleitet von intensiven Gruppengesprächen. Wie war’s? Was ist gut gelaufen, was nicht, wie habe ich mich als Vater verhalten? Eine Sozialarbeiterin bereitet mit den Gefangenen jeden dieser Besuchstage vor. Nur wer an diesen Treffen teilnimmt, hat ein Anrecht auf diese Vergünstigung.

Grundsätzlich haben die 400 Insassen der Justizvollzuganstalt Heilbronn Anspruch auf drei Besuche im Monat von einer Stunde und zwanzig Minuten. Kommen Besucher von weither, dürfen Besuchszeiten auch mal zusammen gelegt werden. Jeder Besuch muss vorher genehmigt werden. Dazu erstellen die Gefangenen eine Liste mit Freunden, Bekannten und Verwandten, zu denen sie Kontakt wünschen. Wer nicht draufsteht, kann auch nicht vorbeikommen. Ferner gibt es für Vorbestrafte eine zweijährige Besuchssperre.

Das alles regelt eine spezielle Abteilung im Gefängnis, der Besuchsdienst. Sechs Justizvollzugsbeamte sind dort angestellt. Sie sitzen am Telefon, koordinieren die Termine und beaufsichtigen die Gefangenen, wenn der Besuch eintrifft.

15 Minuten vorher muss er da sein und wird gründlich durchgecheckt. Männer, Frauen und Kinder. Es wird viel geschmuggelt in den Gefängnissen, in der Unterwäsche, in den Schuhen, in Geschenkpaketen. Oft geht es dabei um Drogen, „rund ein Drittel aller Insassen hat ein Suchtproblem“, sagt der evangelische Gefängnisseelsorger Jochen Stiefel.

Seit drei Jahren ist Stiefel in der JVA als Pfarrer tätig. Für die Gefangenen ist er genauso da wie für die Angehörigen und für die Bediensteten. Das Schlüsselklappern gehört zu seinem Handwerk, eiligen Schrittes geht er von Stockwerk zu Stockwerk, grüßt die Vollzugsbeamten und Gefangenen, von denen er die meisten kennt. In Ausnahmefällen darf sich ein Häftling mit seiner Frau auch in seinem Büro einmal aussprechen, „kommt selten vor, aber wir können das beantragen“, sagt Stiefel. Stiefel redet viel mit den Gefangenen und mit der Anstaltsleitung, „nur so kommt man hier weiter“.

Fast immer sind Besuchssituationen hochemotional. „Wir haben hier schon alles erlebt“, sagt Manfred Bollmann, der seit 26 Jahren im Vollzugsdienst arbeitet. Im Wechsel mit seinen Kollegen sitzt er in einer kleinen Glaskabine und beobachtet das Geschehen an den sieben Besuchertischen.

Da fließen Tränen, weil einer der Partner gerade Schluss gemacht hat, kommt es zu Händeleien oder Handgreiflichkeiten. „Einer“, sagt Bollmann, „hat sogar mal einen Herzinfarkt gekriegt“. Doch genauso gut kann es vorkommen, dass Paare sich im Gefängnis finden. Dann läuten die Hochzeitsglocken in der Haftanstalt und der Standesbeamte besiegelt den Bund hinter Gittern.

Selbst der Kinderwunsch kann im Gefängnis erfüllt werden. Im Hof stehen zwei Wohncontainer, in die sich Paare zurückziehen dürfen. Die äußerste Form der Privatheit, „es gibt sogar immer wieder Vollzugskinder“, sagt Rebecca Neef mit einem Lächeln. Rebecca Neef gehört zu den wenigen weiblichen Beamten im Gefängnis, eine Ausnahmeerscheinung in der exklusiven Männerwelt der JVA Heilbronn.
400 männliche Insassen gibt es in diesem Gefängnis, die meisten im geschlossenen Vollzug, ein paar Freigänger, ein paar Untersuchungshäftlinge. „Bei denen ist die psychische Belastung besonders groß“, sagt Gefängnispfarrer Jochen Stiefel. 23 Stunden bleiben U-Häftlinge  in der Zelle, eine Stunde Freigang im Hof, viel Zeit zum Grübeln und Nachdenken über ein Leben, das erst mal gescheitert ist.

Gescheitert sind auch viele Lebenspläne von Günter B. (Name geändert). Acht Bewährungsstrafen hat er bekommen. Alkohol am Steuer, Fahren ohne Führerschein, es hat sich immer weiter hochgeschaukelt. „Beim neunten Mal“, sagt Günter B., „war es dann keine Bewährung mehr“. Seither sitzt er im Gefängnis, „zwischen Mördern und Drogenhändlern“, wie er mit einem sarkastischen Lächeln hinzufügt. Seinen Handwerksbetrieb draußen hat er erst mal abgemeldet, dafür streicht er nun im Knast Zellen und Wände. „Die Arbeit hilft“, sagt er, „wer nur in der Zelle sitzt, wird blöd.“

Eine zweite Art von Arbeit ist der Mesnerdienst in der Kirche. Sonntag für Sonntag legt Günter B. Gesangbücher aus, zündet Kerzen an, richtet die Stühle. „Eine schöne Abwechslung“, findet er, jedes Mal kommen rund 30 Gefangene in den Gottesdienst mit Pfarrer Stiefel oder seinem katholischen Kollegen. Die Ökumene hinter Gittern ist eine Selbstverständlichkeit, „wir vertreten uns gegenseitig und helfen, wo es nur geht“, sagt Jochen Stiefel.

Hilfe hatte auch Günter B. schon nötig. 2017 war ein schwieriges Jahr für ihn. „Kannst du vergessen“, meint er. Die Inhaftierung im März, kurz darauf stirbt der Vater, die Tochter wird 18 Jahre alt, er selbst wird 50 Jahre. Aber nur zur Beisetzung des Vaters darf er kurz raus, vor dem Leichenschmaus bringen ihn die Beamten wieder zurück ins Gefängnis.

Auf jeden Besuch von außen freut sich Günter B. „wie ein Kind“. Bruder, Schwägerin und Tochter kommen regelmäßig. „Das tut gut.“ Doch von den 20 Leuten, die auf seiner Besucherliste stehen, kommen längst nicht alle. Vielen ist es peinlich, man will mit ihm als Strafgefangenen lieber nichts zu tun haben. Seine Mutter hat Angst vor dem Gefängnis und den Körperkontrollen, bis heute hat sie den Besuch in der JVA Heilbronn vermieden.

Tatsächlich gibt es auch Gefangene, die überhaupt gar keinen Besuch kriegen. „Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen, aber es gibt Menschen, da kommt überhaupt nie jemand vorbei“, sagt Pfarrer Stiefel. Für sie ist das Gefängnis die einzige Familie. Oft sind sie deshalb bald nach ihrer Entlassung auch wieder drin.

Peter M. aus der Vater-Kind-Gruppe ist da vergleichsweise gut dran. Seine Familie hält bis heute. Die Aktionstage haben geholfen, die Beziehung zu seinen Söhnen zu stablisieren. Am Heiligabend wird er sie trotzdem schrecklich vermissen. Um 17.30 Uhr geht  die Zellentür zu. Es ist ein Tag wie jeder in der JVA Heilbronn, wo Menschen ganz unterschiedlicher Nationen, Religionen und Haftsituationen auf ein besseres Leben am Tag X in der Freiheit hoffen.

JVA Heilbronn
Die Justizvollzugsanstalt Heilbronn ist ein Gefängnis mitten in der Stadt. Der Altbau wurde um 1870 errichtet, es gibt eine Außenstelle, den Hohrfainhof bei Talheim, wo die Gefangenen in der Landwirtschaft arbeiten können. Einmalig in Deutschland ist, dass auch Weinbau im Rahmen des Strafvollzugs möglich ist. Die 400 Häftlinge sind ausschließlich Männer, viele von ihnen mit langen Haftstrafen. Über  300 Arbeitsplätze stehen zur Verfügung.

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