Christliche Themen für jede Altersgruppe

Besuch in einer Traumfabrik

Lange Haare, ungeschminkt, irgendwie grau. Dann frisch gestylt, rote Lippen, glückliches Lachen. Die großen Frauenzeitschriften bieten diese Geschichten an: Bilder vor der großen Verwandlung und Bilder danach. Doch wie fühlt sich das an? Ein Selbstversuch. 




Vorher - nachher: Mit neuer Frisur Ballast abwerfen. (Foto: Rong Liu)


„Eine Frau kann mit 19 entzückend, mit 29 hinreißend sein, aber erst mit 39 ist sie absolut unwiderstehlich. Und älter als 39 wird keine Frau, die einmal unwiderstehlich war!“ Das Zitat stammt von Coco Chanel. Sie kannte mich nicht. Ich bin 40 geworden. Das ist neun Jahre her. Womöglich war ich niemals entzückend, hinreißend und unwiderstehlich? Jedenfalls bin ich in den Jahren jenseits der 39 unsichtbar geworden.

Es fing damit an, dass beim Warten an der roten Ampel der Typ im Auto nebenan seine Fingernägel reinigte. Im Zug musste ich Hilfe erbitten, um den Koffer auf die Ablage zu hieven. Es gab Zeiten, als drei Männer lächelnd aufsprangen, um mir diese kleine Gefälligkeit zu erweisen. Jenseits der 39 funktioniert das Gedächtnis der anderen nur noch um die Ecke: Ach, das ist die Ehefrau vom Chef, die Mutter von Finn-Luca oder das Frauchen des Labradors.

Theoretisch hätte ich viel Zeit, um mir vor dem Spiegel zu versichern, dass ich noch ansehnlich bin. Aber so bin ich nicht erzogen. „Der Spiegel ist nur zum Kämmen da.“ Deshalb klebte er auf der Innenseite der Schranktür. Eitelkeit ist Sünde, Emanzipation ist Pflicht. Die Generation meiner Mutter hat BHs verbrannt und die Hälfte der Welt gefordert. Bekommen haben sie die erste Lebenshälfte. Die Blüte nach der Midlife-Crisis gehört allein den Männern. Nicht nur solche Erkenntnisse tun weh.

Seit fünf Jahren war ich nicht beim Frisör. Meine langen Haare trage ich meistens zu einer Wurst gedreht und hochgesteckt. Die werden immer dünner und fisseliger. Über graue Haare reden wir erst gar nicht.

Dann wird ein „Vorher-Nachher-Modell Ü 40“ in meiner Facebook-Nachbarschaftsgruppe gesucht. Nicht bloß für eine neue Frisur, nein, es geht um eine große Umstyling-Aktion mit Foto­shooting und die Frage: Was macht das mit einem? Das haben sich Melania und Rong überlegt. Beide sind selbst über 40. Irgendwie muss man noch mal was anderes im Leben machen. Andere glücklich. Und sich selbst auch?

Wir sitzen bei Cappuccino im Hinterhof. Melania Martinez-Ruiz ist Frisörmeisterin, Visagistin und Stylistin; eben hat sie noch alle Kinder für die Show der Musikschule geschminkt. Ehrenamtlich. Sie ist dreifache Mutter und spricht zwei Sprachen. Models für Foto-Produktionen stylen, Bräute für den schönsten Tag des Lebens; waschen, schneiden, färben im eigenen Salon. Ihr Tag hat mehr als 24 Stunden scheint es. Rong hat Wirtschaft studiert und arbeitet in einer Bank, die Fotografen-Ausbildung hat sie nebenbei gemacht.

Rong nutzt jede Minute zum Fotografieren, außerdem entwirft und näht sie ihre Kleider selbst. Lernt Noten, liest die deutschen Klassiker. Sie ist geschieden, vielleicht wird sie zum Winter hin noch einen Tanzkurs belegen. Als Nachbarinnen haben Melania und Rong ein wenig herumgesponnen, was sie mal zusammen machen könnten. Dabei ist die Idee herausgekommen, eine „Traumfabrik“ zu eröffnen, sagt Rong. „Der geheime Traum aller Frauen“, präzisiert Melania. „Einmal so eine Vorher-Nachher-Aktion wie in den großen Frauenzeitschriften! Wer will das nicht?“ Ich nicke begeistert. Vorgestellt habe ich es mir, wie ich von Profis beraten und neu erfunden werde. Aber nie im Leben hätte ich mich dafür bei einer Frauenzeitschrift beworben. Total peinlich!

Ich erzähle, wie ich mich in den letzten Jahren aus den Augen verloren habe. Weil mir ein positives Vorbild von einer Frau um die 50 fehlt. Da ist nichts, worauf ich mich freuen könnte, kein Ideal, dem ich nacheifern möchte. Ich brauche mehr als Frisur und Make-up, kein falsches Lob, sondern ehrliches Feedback.

Rong und Melania wollen mich. Wie viele Wochen soll ich meine Haare nicht färben? Muss wohl eine Mütze aufsetzen in der Zeit. Meinen eigensinnigen Kopf vertrauensvoll in andere Hände zu legen, das wird ganz schön schwer.

Fangen wir mit den leichten Aufgaben an: also einen interessanten Ort zum Fotografieren finden. Ihn zu verschiedenen Tageszeiten besichtigen, damit man weiß, wann das Licht aus welcher Richtung kommt. Ideal wäre es draußen, aber überdacht, falls es regnet. Schließlich entdecke ich einen ehemaligen Güterbahnhof, der als Kreativ-Quartier und für Konzerte genutzt wird.

Als nächstes begutachten die Expertinnen meinen Kleiderfundus. Was ist Business-Outfit, was würde ich zu einer Sommerparty anziehen, was als Abendgarderobe? Worin fühle ich mich wohl? Ich denke an das rote Trikot und fange vorsichtig mit schokobraun-geschäftlich an. Aber lieber mag ich Orange und Rot, Türkis, Maigrün und Zitronensorbet. Melania findet, ich könnte dunkle Grüntöne und auch Dunkelblau tragen. „Das geht nur für Blondinen!“ „Wirst du noch sehen.“ Nächsten Freitag wird es ernst.

Ein letztes Foto mit den langen Haaren. Ein beherztes Schnipp und da liegen 25 Zentimeter Haare am Boden. Was ich so lange mit mir herumgetragen habe. Ärger, Krankheit, Mobbing, Pech – alles abgeschnitten. Das passt nicht mehr in mein neues, leichteres Leben. Melania pinselt Sonnenreflexe ins Haar. Kontrolliert hier eine Strähne, das muss noch länger einwirken. Ehe ich mich versehe, hat sie mir die Augenbrauen gezupft. Sortiert Lippenfarben und Grundierungen, voll konzentriert. Das alles kommt morgen zum Fotoshooting mit; dafür hat sie einen Schminkkoffer groß wie ein Werkzeugkasten gepackt.

Endlich darf ich meine Brille aufsetzen und mein neues Spiegelbild kennenlernen. „Wow, das bin ich?“ Mein Kopf leuchtet wie eine Kastanie, genau die Farbe, die ich immer wollte. Woher wusste sie das bloß?

Für ein Fotoshooting zu packen, entspricht etwa dem Aufwand einer zweiwöchigen Reise. Mein Auto ist voll. Melania hat an eine Thermoskanne mit Tee gedacht, die werden wir noch brauchen. Denn es ist grau und sieht nach Regen aus. Rong holt Silber und Goldreflektor heraus, Filter, die das Licht streuen. Die innere Musik läuft weiter, ich strahle Rong an und die fragt, ob ich mal versuchsweise ernst oder seriös gucken könne. „Nein, lass sie lachen, das ist Dianas Art, ihr Leuchten“, meint Melania. Etwas Ähnliches hat mir vor Jahren eine Psychologin gesagt, nur dass es viele Sitzungen gedauert hat, zu dieser Erkenntnis zu finden.

Heute gucke ich auf den langen Weg, der hinter mir liegt, und das ganz ohne Bedauern. Ich komme mir vor wie das gute Silberbesteck, das man nach vielen Jahren im dunklen Schrank wieder herausgeholt und poliert hat. Umziehen, nachschminken, Wolkenbruch – wir machen unter einem Vordach weiter. „Ja, jetzt ist der Pony nass“, tadelt Melania meine tolle Idee, unter einer tropfenden Regenrinne zu stehen. Föhnen, umziehen. Dunkelblau, na schön, ja, auch das grüne Seidenkleid. Durch den nassen Sand der ­Beachbar.

Wie fühlt es sich an? „Leicht“, sage ich. „Es ist Ballast abwerfen.“ Sicher, eine Massage, ein Wellnesswochenende lösen ähnliche Gefühle aus, aber das hier wird konserviert. Wenn mich Frust und Alltag einholen, kann ich mir die Fotos angucken. Das bin ich auch, die Diva mit der großen Geste. „Und ihr wollt das also jeder Frau als Service anbieten? Ein Geschäft daraus machen?“ Da lacht die Bankfrau und die Ladeninhaberin schüttelt den Kopf.

Es gibt schon einen Grund, dass es immer Frauen-Magazine sind, die solche Vorher-Nachher-Aktionen veranstalten. Sie müssen ohnehin Fotografen und Stylisten, Assistenten, Beleuchter bezahlen. „Die Traumfabrik bleibt ein Traum, das kann keine Frau privat bezahlen, wenn wir nur kostendeckend kalkulieren.“ Bleibe ich nun die Einzige, deren geheime Wünsche in Erfüllung gehen sollen? „Nein, vielleicht können wir ja einen Träger finden, es als Seminar oder zur Erholung anbieten.“ Also eine kleine Frauengruppe und so etwas wie die „Herzenswünsche“ für schwerkranke Kinder? Man muss doch nicht schwer krank sein! Jedes normale Frauenleben Mitte 40 hat genug schwere Zeiten, Stress und Ärger mit sich gebracht. Zeit für eine Positionsbestimmung, sich neu ansehen lassen. Von anderen Frauen.

Wie werfen Sie Ballast ab? Was machen Sie, um sich in Ihrer Haut wieder wohl zu fühlen?

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