Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das „Wohnzimmer Gottes“ ist weg

ASPERG (Dekanat Ludwigsburg) – Nach 50 Jahren Provisorium wurde die Johanneskirche in Asperg-Grafenbühl abgerissen, die Gemeindemitglieder sind auf der Suche nach Heimat. 

Noch ein letzter Blick auf die von Kinderkirch-Kindern gemalten Bilder in der inzwischen abgerissenen Johanneskirche. (Foto: Carl C. Fink)


„Entsorgung mit System“ verheißt die Aufschrift auf dem Bagger. Und so, wie sich seine Zähne in die Leichtbauwände der Johanneskirche beißen, wird hier tatsächlich Tabula Rasa gemacht. Die „Joki“, wie die Gemeindemitglieder der Johanneskirche in Grafenbühl ihr Provisorium nannten, geht nach 50 Jahren zu Boden.

Gottesdienst, Kinderkirche, Krippenspiele, Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Krabbelgottesdienste, Jungscharen, Bastel- und Gesprächsgruppen, Chorproben, Posaunenchor, Osterfrühstück und ­Tischabendmahl: Alle Formen gemeindlichen Lebens hatten im Montagebau stattgefunden. Und nun verliert die Gemeinde ihr „Wohnzimmer Gottes“, wie sie es ihrer mobilen Bestuhlung wegen nannten. Die Pfarrer standen bei der Predigt nicht über den Köpfen der Zuhörer, sondern sprachen auf gleicher Augenhöhe, was durchaus symbolischen Charakter hatte.

Mit einem langen, atmosphärisch bewegenden Gottesdienst war am 23. März Abschied von der „Joki“ genommen worden. Noch einmal hatte Mesner Dietmar Franz die einzige hell klingende Glocke in Bewegung gesetzt. Noch einmal hatte das Pfarrers-Ehepaar Judith und Peter Heiter (sie teilten sich den Seelsorgebezirk Grafenbühlstraße) gemeinsam mit ihren Töchtern die Gottesdienstbesucher begrüsst. Noch einmal stimmte der Posaunenchor unter der Leitung von Volker Berner ein Vorspiel an und begleitete einige Kirchenlieder. Und noch einmal hatten sich nach dem Gottesdienst Paula Fink (20), ihre Schwester Sophia (23) mit Samuel Ceruso (15) unter den Altar gesetzt und innegehalten. „In der Joki bin ich getauft, auch wenn ich mich daran nicht erinnere, aber unter dem Altar haben wir als Kinder immer gesessen“, sagt Paula Fink.

„Danke, dass Sie trotz einiger Mühen solange durchgehalten haben, wir waren in diesem Gotteshaus viel länger als ursprünglich geplant“, sagte das Pfarrers-Ehepaar Heiter den Gemeindemitgliedern. Und dass nur die toten Steine abgetragen würden, die lebendigen Steine der Gemeindemitglieder blieben und sich weiter entwickeln würden. Da füllten sich dann doch einige Augen mit Tränen. Denn die neue Gemeinsamkeit, die wird auf breiter Ebene noch zu schaffen sein.

So emotional der Abschiedsgottesdienst, die Monate währenden Vorabdiskussionen der „Zukunftswerkstatt“ nach dem Beschluss des Kirchengemeinderates im Frühjahr 2013 zum Abriss des Hauses und mehrere Erinnerungs-Aktionen auch waren, so abgeklärt wirken die Zuschauer, die nun dem Baggerbiss zuschauen. Nur eine Stimme aus dem Hintergrund meldet sich und kommentiert: „Endlich hört das Gebimmel auf.“

13?000 Einwohner leben heute in Asperg. Etwa 4000 von ihnen gehören der evangelischen Gesamtkirchengemeinde an. Der Stadtteil Grafenbühl war nach dem Krieg gebaut und nach einem Fürstengrab der späten Hallstattzeit bei Asperg benannt worden. Da auch die Zahl der Protestanten immer größer wurde, plante die Gemeinde eigentlich den Bau einer großen Kirche. Bis zu deren Fertigstellung sollten die Christen im Osten Aspergs in einem Montagegemeindehaus unterkommen. Die Johanneskirche bot dann vor fünf Jahrzehnten das Angebot der kurzen Wege für die Grafenbühler. Als Gegenstück zu einem historischen Prunkbau oder einem funktionalen Neubau hatte sie Fertigbauwände aus Holz, im Winter bollerte die Heizung, im Sommer konnte es schon mal ziemlich warm werden. Die Wände waren nicht durch wertvolle Gemälde, sondern durch Selbstporträts von Kindern aus dem Kindergottesdienst geschmückt.

Inzwischen ist an einen größeren Kirchenneubau nicht mehr zu denken. Bei einer Gemeindemitgliedszahl von unter 5000 sieht der Oberkirchenrat nur ein Gotteshaus vor – und das ist die 450 Jahre alte Michaelskirche. Die zwei Pfarrer bleiben erhalten, doch nur, weil sich Judith und Peter Heiter ein Gehalt teilen.

Zwiespältige Gefühle haben Susanne und Carsten Dathe, als sie mit ihren Kindern Lina und Julius nach dem Abschiedsgottesdienst mit der Pfarrerschaft und anderen Gemeindemitgliedern den Fußweg von der „Joki“ zur Michaelskirche im Zentrum von Asperg nehmen. „Jetzt, wo es konkret ist, spür ich Kummer“, sagt Carsten Dathe. Die 450 Jahre alte Michaelskirche wird die neue religiöse Heimat für ihn und seine Familie sein. Daran, meint der Familienvater, werde man sich erst gewöhnen müssen. Vor allem der Kinder wegen, die in der „Joki“ niemals gestört hätten. Erinnernswert, meint Carsten Dathe, sei auch die in der Joki gelebte Ökumene mit den Katholiken gewesen. Die Joki habe nämlich auch für Gottesdienste der katholischen Gemeinde bereit gestanden. „Da fand Ökumene zu einer Zeit statt, in der sie von manchen noch kritisch beäugt wurde“, sagt Dathe und wandert mit seiner Familie weiter Richtung Michaelskirche. Zu diesem Zeitpunkt weiß noch keiner, was aus dem städtischen Grundstück, auf dem die Johanneskirche stand, künftig werden soll. Umso freundlicher fällt der Beifall aus, als Ulrich Storer, Bürgermeister von Asperg, in der Michaelskirche – hier fand der zweite Teil des Abschiedsgottesdienstes statt – sagte: „Über die Johanneskirche wird Gras wachsen. Wir schaffen eine Grünfläche, die die Kinder des städtischen Kindergartens in der Grafenbühlstraße nutzen werden.“

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