Christliche Themen für jede Altersgruppe

Debatte über Luthers Judenhass

Am Anfang schien es harmlos. Martin Luther mochte Juden nicht besonders. Aber am Ende seines Lebens stand er ihnen zutiefst feindselig gegenüber und hetzte gegen sie. Doch erst in den vergangenen fünf Jahren ist Luthers Hass auf Juden einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. 

Diffamierungen aller Orten: die Schmähskulptur „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche Foto: epd-bild

Der erste Theologe, der damit an die Öffentlichkeit ging, ist Thomas Kaufmann, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen. Doch die ganze Wahrheit kam häppchenweise ans Licht. Zuerst war nur bekannt, dass Luther vor allem in seinen letzten Lebensjahren judenfeindlich war. Immerhin stammten seine schärfsten Schriften „Von den Juden und ihre Lügen“ aus dem Jahr 1543 – drei Jahre vor Luthers Tod. Diese „elenden, unverbesserlichen Leute hören nicht auf, Christen an sich zu locken“. Deshalb habe er nun ein Büchlein herausgegeben, weil er „die Christen davor warnen will, sich vor den Juden zu hüten“.

In dem Buch verunglimpft Luther vor allem die Bibelauslegung der Rabbiner, die nicht so direkt ist wie seine eigene. Das hat Matthias Morgenstern herausgefunden. Der Theologe und Judaist hat sich mit den Luther-Schriften gegen die Juden beschäftigt.

Nach Thomas Kaufmann hat der Reformator den Juden magische Praktiken, schrankenlosen Wucher und Christenhass unterstellt. Er habe auch bezweifelt, ob Juden, die sich taufen lassen wollten, es wirklich ernst meinten. Doch es war nicht nur Martin Luther, der solche Ansichten hatte. Luther teilte diese Vorstellungen mit vielen seiner Zeitgenossen.

Das zeigen beispielhaft die Schmäh-skulpturen „Judensau“, die an manchen Kirchen zu sehen sind. Das älteste hängt am Brandenburger, ein anderes am Kölner Dom. Das diffamierende Relief an der Wittenberger Stadtkirche wurde um 1300 angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen saugen. Sie, wie auch der Mann, der der Sau in den After schaut, sollen Juden sein. Mit der Schmähung sollten Juden abgeschreckt werden, sich in der Stadt niederzulassen.

Vielerorts wird inzwischen diskutiert, ob diese Reliefs heute überhaupt noch bleiben können. Die Stadtkirchengemeinde Wittenberg will die Skulptur an Ort und Stelle belassen. Als eine der ersten Kirchengemeinden in Deutschland hat sie 1988 ein Mahnmal eingeweiht.

Doch nicht nur der alte Luther, sondern schon der Luther mittleren Alters hatte merkwürdige Vorstellungen vom Judentum. Seit 1525 habe er sogar obsessive Angst gehabt, von Juden vergiftet zu werden. „Das speist sich aus einem trüben Rinnsal vormoderner antisemitischer Vorstellungen“, sagt Thomas Kaufmann.

Noch zwei Jahre zuvor war Martin Luther den Juden freundlich zugewandt. Päpste und Bischöfe hätten die Juden jahrhundertelang schlecht behandelt. Die kirchliche Obrigkeit habe nichts anderes getan „als die Juden zu schelten und ihr Gut zu nehmen“. So ist es in Luthers Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei!“ von 1523 zu lesen.

Luther hatte eine große Hoffnung: „Wenn man mit den Juden freundlich handelt und aus der heiligen Schrift sie säuberlich unterweist, so sollten viele von ihnen rechte Christen werden.“ Es geht dem Reformator um nichts anderes als um die Bekehrung zum neuen Glauben – später wird man den evangelisch nennen.

Doch die Juden wurden weder christlich noch evangelisch. Martin Luther war enttäuscht. Auch auf seine Aufforderung, die Juden sollten endlich anerkennen, dass mit Jesus Christus der von ihnen erwartete Messias bereits erschienen sei, reagierten die Juden nicht.

Luther wird immer verbitterter. Für ihn ist das ein Beleg für die jüdische Verstocktheit. Schließlich will Luther Juden enteignen lassen und sie zur Zwangsarbeit nötigen. Nachdem Luther zuerst darüber geklagt hatte, Juden würden wie Hunde und nicht wie Menschen behandelt, verlangt er nun, sie „wie die tollen Hunde“ zu verjagen. Inzwischen hält er es auch für unmöglich, die Juden zu bekehren.
Heute kann man den Antijudaismus kaum verstehen. Für Margot Käßmann, die Reformationsbotschafterin  der EKD, ist das „äußerst belastend“. Sie könne sich das nicht allein aus dem Zeitgeist erklären, obwohl Teile davon natürlich dem Geist der damaligen Zeit entsprungen sind. „Die Vehemenz, mit der sich seine sprachliche Gewalt auch gegen Juden richtet, ist bedrückend.“ In der Tat spricht Luther wie auch sonst eine deftige Sprache:  Die Synagogen sollen mit Feuer verbrennen. Und weiter: „Wer kann, soll Schwefel und Pech hinzuwerfen.“ Außerdem soll man den Juden die Gebetbücher und die Bibel wegnehmen.

Dennoch ist Margot Käßmann froh über das öffentliche Interesse und die wissenschaftliche Aufarbeitung. Aber die Haltung Martin Luthers zu den Juden ist eine große Belastung für die Geschichte der evangelischen Kirche. Fatal und bedrückend sei, dass sich die Nationalsozialisten 400 Jahre später auf Luther berufen hätten, sagt Kaufmann. „Man muss davon ausgehen, dass mit niemandes Worten so häufig und so nachdrücklich der Synagogenbrand propagiert worden ist wie mit Luthers Worten.“
Die Theologin Sibylle Biermann-Rau, die in Tübingen lebt, sagte: „Luther rief zur Vernichtung der Existenzgrundlagen auf. Darin konnten sich die Nazis und auch die Deutschen Christen auf Luther berufen.“ Ein schwacher Trost: Immerhin habe Luther nicht zur Massenvernichtung aufgerufen.
Die Protestanten reagieren unterschiedlich. Am Luther-Bild solle man nicht kratzen, fordern die einen. Luther sei schließlich nur ein Kind seiner Zeit gewesen. Doch Sibylle Biermann-Rau hat festgestellt, „diese Schärfe unterscheidet Luther von anderen“ . Bei anderen Reformatoren wie bei Andreas Osiander findet sich judenfreundliches Denken.

Andere Protestanten fühlen sich dagenen befreit. Denn erst jetzt kann das Thema aufgearbeitet werden.

Buch-Tipp
Sibylle Biermann-Rau: An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen. Eine Anfrage. Calwer Verlag,
2. Auflage 2014, 352 Seiten, 14,95 Euro.
ISBN 978-3-7668-4204-6.

Die Autorin ist Pfarrerin und lebt in Tübingen. Sie hat sich mit Luthers judenfeindlichen Äußerungen und den Folgen beschäftigt. Sie geht vor allem der Frage nach, warum Protestanten im Dritten Reich Juden vor den Nationalsozialisten nicht geschützt haben.

Thomas Kaufmann: Luthers Juden. Reclam Verlag 2014, 203 Seiten, 22,95 Euro. ISBN: 978-3-15-010998-4.
Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Juden- und Türken-Schriften von Martin Luther.

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Ausstellung
Museum Synagoge Affaltrach, Untere Gasse 6, Obersulm-Affaltrach: Ausstellung „‚Ertragen können wir sie nicht‘ – Martin Luther und die Juden“.
Geöffnet bis 22. November mittwochs und sonntags 15 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung, Führungen sind möglich. Weitere Informationen im Internet unter www.syn agoge-affaltrach.de

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