Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Athos und seine Pilger

Die Mönchsrepublik Athos im Nordwesten Griechenlands ist eine ganz eigene Welt. Eine archaische Insel der Orthodoxie, ohne Frauen, Zeitung, Fernsehen und Radio. Für manche ist sie der Inbegriff der Abgeschiedenheit, ein letztes Bollwerk gegen die Globalisierung. Doch das ist nur die halbe Wahrheit und die Realität ernüchternder, als sich das mancher Pilger vorgestellt hat. 


Pilger und Mönch: Die Republik Athos ist für Frauen tabu. Seit fast 1000 jahren sind dort nur Männer zugelassen.  (Foto: Gemeindeblatt)

In Nea Skiti ist die Welt noch in Ordnung. Unten am Schiffsanleger steht eine Abordnung Esel mit aufgeschnallten Tragekörben bereit, in die die Rucksäcke der Pilger verladen werden. Außerdem noch die Post, Zementsäcke und ein paar Eisenträger.

Ein großer, schwarz gekleideter Mönch führt die Muli-Karawane an und steil den Berg hoch. Auf dem Athos geht es fast immer hinauf oder hinunter, eine unwegsame Bergwelt, die bis heute nur mühsam zugänglich ist. Die Pilger keuchen deutlich stärker als die Esel und müssen an die 250 Höhenmeter zurücklegen, ehe sie an der Siedlung ankommen.

Skiten werden diese Mönchsdörfer genannt. Eine Ansammlung von Häusern am Hang, in denen mehrere orthodoxe Ordensbrüder zusammenwohnen. In jedem Wohngebäude gibt es eine Hauskapelle mit Ikonen, eine Küche und Übernachtungsplätze für die Pilger. Die schlafen zu acht oder zu neunt in einem Zimmer und wissen am Anfang zumeist noch nicht so richtig, wie sie sich hier verhalten sollen. Muss man an allen Gottesdiensten teilnehmen? Darf man die Mönche fotografieren? Gilt beim Essen strenges Schweigegebot?

Nea Skiti ist eines der größeren Mönchsdörfer. Rund 40 Athos-Brüder leben hier inmitten einer Welt, die nicht ganz von dieser ist. Autos sind ein Fremdwort, Fabrikschornsteine ebenfalls. Dafür duftet es nach Feigen, Ginster, Oleander und Zitrusfrüchten. Zikaden zirpen und Katzen schnurren auf der von Steineichen und wunderlichen Erdbeerbäumen umgebenen Terrasse. Ein kleiner Garten Eden am Rande der griechischen Halbinsel Chalkidiki.

In diesen Paradiesgarten hat sich vor sechs Jahren auch Pater Philipp verirrt. Pater Philipp ist ein Mann von 32 Jahren mit langem rotem Bart und geflochtenem Haupthaar. Wenn er redet, wirkt er ganz vertraut: Geboren wurde er nämlich im Siegerland in Nordrhein-Westfalen, als Protestant, den irgendwann die Sinnsuche packte. Er machte sich auf den Weg nach Indien und mittendrin auf dem Athos Station. Indien hat er nie gesehen, dafür aber hier seine Berufung gefunden.

Nun ist er ganz und gar in der orthodoxen Welt angekommen. „Luther, na ja “, sagt er, „seine Kritik am Papst war schon gut, mit dem Rest kann ich nicht mehr viel anfangen“. Der Athos ist für Philipp heute Heimat und auch deshalb so faszinierend, „weil sich hier nichts verändert hat.“ Ein Leben wie in alten Zeiten, unbeeinflusst von den Strömungen der Zeit.

Das freilich ist nur eine Seite der Medaille. Schon wer eine Stunde weiterwandert, erlebt einen anderen Ausschnitt aus der Wirklichkeit der Mönchsrepublik Athos. Zubringerbusse rattern die Piste zur Klosterpforte von Pavlou hoch. Es gibt eine Aussichtsplattform mit einem Pavillon für Raucher und täglich Dutzende von Pilgergruppen, die anlegen.

Pavlou ist eines von 20 Großklöstern auf Athos, Nea Skiti eines der Dörfer, die zu ihm gehören. Sämtliche Großklöster sind inzwischen durch Straßen miteinander verbunden, seit der ersten, 1963 erbauten Schotterpiste vom Hafen Dafni zur Hauptstadt Karyes ist viel passiert.

Überall wird gebaut auf dem Athos, kaum ein Großkloster, das nicht gerade renoviert oder erweitert wird. Erst kürzlich bekam die staubige Straße von Karyes nach Panteleimonos einen Asphaltbelag. Mit dem Großkloster Panteleimonos hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Es gehört der russisch-orthodoxen Kirche und damit zum Reich Wladimir Putins.

Als seine Renovierung 2016 abgeschlossen und der 1000. Jahrestag der Ankunft des ersten russischen Mönchs auf Athos gefeiert wurde, kam Putin persönlich. Er wurde dort hofiert wie ein König, für viele Mönche ist er das weltliche Oberhaupt der Orthodoxen, der Schutzpatron, der dem Athos jederzeit beisteht, wenn es brenzlig wird.

Gerüchteweise war es fast eine Milliarde Euro, die Putin dort investiert hat. Es ist auf jeden Fall so viel Geld gewesen, dass das Kloster Panteleimonos heute aussieht wie ein Palast aus dem Zarenreich. Sein sechsstöckiger Übernachtungsbau gleicht einer Kaserne, rund 2000 Pilger können dort Unterkunft finden.

Das klingt jetzt nicht direkt beschaulich und ist es auch nicht. Wer im Hafen von Ouranoupoli das Treiben verfolgt, reibt immer wieder verwundert die Augen. Dort versammeln sich Pilgergruppen aus aller Welt, um ihr Diamonitirion, die Einreisegenehmigung in Empfang zu nehmen.

Ouranoupoli ist der letzte Hafen vor der Mönchsrepublik Athos. Die Fähre ist brechend voll, es sind durchaus Zweifel erlaubt, ob die festgelegte Obergrenze der Pilger wirklich noch eingehalten wird. An Bord geht es zu wie auf einem Ausflugsdampfer. Es wird fotografiert, Kaffee getrunken, ein Bier gezischt und sogar ab und zu eine Zigarre geraucht. Die gesamte orthodoxe Welt trifft sich auf dem Athos: Russen, Bulgaren, Griechen, Serben, Rumänen. Dazu ein paar Sinnsucher aus Deutschland, Schweiz und Österreich.

Der Hafen von Ouranoupoli ist zugleich der Abschied von der weiblichen Welt. Auf dem Athos sind seit dem Jahr 1045 nur Männer zugelassen, die einzige Frau, die hier ihren Platz hat, ist die Mutter Gottes, die heilige Maria, die über allem schwebt.

Rund 2200 Mönche leben in der Republik Athos. Ihre Zahl hat wieder zugenommen, viele der verlassenen Einsiedeleien wurden wiederbelebt. Abseits der Großklöster ist es noch immer ausgesprochen idyllisch auf dem Athos. Es gibt kaum Landwirtschaft, dafür ausgedehnte Wälder und ursprüngliche Landschaften. Auf den 336 Quadratkilometern der Mönchsrepublik wurde eine Natur konserviert, die im restlichen Griechenland so schon längst nicht mehr existiert.

Kein Wunder, dass der Honig auf Athos so gut schmeckt. Die Mönche produzieren ihn auch, weil sie Bienenwachs für ihre Kerzen brauchen. Einen besonders guten Honig macht Pater Meliton von der Einsiedelei zum Heiligen Georg. Der Mann kann überhaupt gut kochen: Seinen Pilgern serviert er Bohnensuppe, Oliven, Salat, selbstgebackenes Brot und handgeschnitzte Pommes frites.
Meliton wohnte früher im Großkloster Pantokratoros. Er galt dort schon immer ein wenig als Außenseiter und fühlt sich nun pudelwohl in seiner Zelle zwischen dem Großkloster und der Hauptstadt Karyes. Die Pilger schlafen beengt in seinem Haus, doch er ist gerade kräftig am Erweitern.

Wer die Umgegend dort erkundet, der vergisst schnell wieder den Rummel, der ihn bei der Ankunft auf Athos verstört hat. In den dichten Wäldern der Halbinsel wachsen Buchen, Eichen, Linden und Lorbeer. Bäche plätschern den Steilhang hinunter, inmitten malerischer Schluchtenwälder, die in der heißen Jahreszeit eine herrrliche Sommerfrische sind. Kein Wunder, dass der Athos auch bei Wanderern beliebt ist, das Netz der alten Eselspfade ist auch für moderne Pilger ein Segen.

In Melitons Haus sitzen sie abends zusammen. Blättern in den Gästebüchern aus aller Welt. Betrachten die goldfarbenen Ikonen an den Wänden und erwerben im kleinen Laden mitunter selbst welche. Es duftet nach Myrrhe und einem köstlichem Kaffee, den Meliton serviert.

Pilger auf dem Athos sind stets dazu eingeladen, in der Küche mitzuhelfen. Im Großkloster Pantokratoros gibt es viele hungrige Mäuler zu stopfen. „Wer hilft beim Kartoffelschälen mit?“, fragt ein junger Gästepater und macht dabei schnell deutlich, dass ein Nein überhaupt nicht in Frage kommt.
Also schälen die Pilger brav zusammen fünf Sack Kartoffeln, die dann am nächsten Tag wieder als Athos-Pommes auf dem Teller landen. Das Essen in den Großklöstern ist ein Ereignis. Da sitzen nicht selten 100 Pilger neben 20 Mönchen. Erst wenn der Abt das Mahl freigegeben hat, kann angefangen werden. Es gibt Fisch, aber kein Fleisch, Gemüse, Salat, Oliven und Wasser. Dazu ein Tischwein aus eigener Kellerei, in Zinnkannen serviert. Wer nicht schnell genug ist und rechtzeitig einschenkt, hat gerne mal das Nachsehen.

Nach einer Viertelstunde ist das Essen vorbei. Wenn der Abt die Tafel aufhebt, gehen alle gemeinsam hinaus. Essen gilt als weltliche Notwendigkeit, der man nicht allzu viel Zeit widmen sollte. Ganz im Gegensatz zum Gottesdienst, der in den orthodoxen Kirchen viele Stunden dauern kann.
Von den Pilgern auf dem Athos wird erwartet, dass sie den Gottesdienst besuchen. Die wenigsten bleiben dabei vom Anfang bis zum Ende. Es ist ein Kommen und Gehen, ein Stehen und Umherlaufen, während weiter vorne Priester und Kantor den Ton angeben. Eine Orgel sucht man vergebens, den Gemeindegesang ebenfalls.

Dafür sind die sinnlichen Eindrücke umso stärker. Der Duft des Weihrauchs, das Zeremoniell zwischen Altären und Ikonen, die liturgischen Gesänge in einer fremden Sprache: Das alles hinterlässt durchaus tiefe Eindrücke, die nachwirken. Selbst wenn das realistische Bild des Athos ein wenig anders ist als in den allermeisten Klischeevorstellungen, die von ihm existieren.

Information
Wer als Pilger nach Athos einreisen will, braucht ein Diamonitirion, ein Visum für die Republik Athos. Bei gebuchten Gruppen besorgt das in aller Regel der Veranstalter. Einzelreisende müssen sich vorab wegen eines Reisetermins an das Pilgerbüro in Thessaloniki wenden, es sind maximal vier Tage Pilgeraufenthalt erlaubt: Telefon 0030-2310252578, Fax 0030-2310222424. E-mail: athosreservation@gmail.com, Internet: www.agioritikiestia.gr/en/visit-mount-athos

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