Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der harte Schnitt tut weh

Auf die Menschen in der Landeskirche kommen schwere Zeiten zu: Bis 2030 werden fast ein Drittel der Pfarrstellen wegfallen. Gemeinden müssen zusammenarbeiten, Pfarrer Teams bilden. Nach dem Zahlen-Schock steht die Frage: Ist das auch eine Chance?  

Umbauten sind nicht immer angenehm: Sie verursachen Lärm, Schmutzund Ärger, egal ob es Schweißarbeiten bei der Kirchenrenovierung sind oder der Pfarrplan, der die Landeskirche umgestaltet. (Foto: Werner Kuhnle)


„Das ist eine gewaltige Zahl“, sagt Hardecker. „Aber danach könnte Ruhe einkehren.“ Vielleicht ist es wie beim Baumschnitt im Frühjahr: Man erhofft sich danach gutes Wachstum. Interessant sind bei diesen Zahlenspielen vor allem die Gemeindepfarrstellen. Denn von den aktuell 1666 Pfarrstellen sind weniger als 1500 Gemeindepfarrer-Vollzeitstellen. Diese Zahl, so die Personalstrukturplanung, könnte auf rund 1200 im Jahr 2024 und auf unter 1000 im Jahr 2030 sinken. Das wären sogar rund 35 Prozent weniger.
Der Hintergrund: der demographische Wandel führt dazu, dass es immer weniger Kirchenmitglieder geben wird. 1,45 Prozent war der Rückgang im Jahr 2015. Von jetzt 2,08 Millionen Mitgliedern wird die Landeskirche auf rund 1,6 Millionen 2030 schrumpfen, so die Prognose. Dies wird auch zu immer weniger Kirchensteuern führen. Gleichzeitig geht eine große Anzahl an Pfarrern in Ruhestand, deren Pensionen aber gezahlt werden müssen. So geht es auch um den Ausgleich der Generationen, so dass die Jüngeren später nicht nur den Ruhestand der Älteren zu finanzieren haben. Und es geht um die Anpassung der Pfarrerzahl an die sinkende Mitgliederzahl. Dazwischen steht die Frage, was mit den 1312 Kirchengemeinden passiert, die teilweise auf einen eigenen Pfarrer verzichten müssen. Die Kirche steht am Anfang dieser Entwicklung.
Karl Hardecker hat die „begründete Hoffnung“, dass dieser Prozess bis 2030 abgeschlossen sein wird. Doch bis dahin ist es ein steiniger Weg. Es ist nicht nur die Umsetzung, die kompliziert ist. Es ist auch die Frage, wie die Kirche diese Entwicklung ihren Mitgliedern erklärt. Gerade jetzt wo die Kirchensteuern so reichlich fließen, stößt der Sparkurs auf Widerstand. „Wir haben ein Kommunikationsproblem“, sagt er. Viele Synodale  seien hin- und hergerissen. Die Notwendigkeit des Pfarrplans sei für sie nachvollziehbar, aber sie gerieten unter Begründungszwänge.
Auch der zuständige Oberkirchenrat, Personaldezernent Wolfgang Traub, spürt deutlich, dass der Pfarrplan ein Akzeptanzproblem hat. Ihm ist klar, warum: „Weil die Einschnitte deutlich spürbar sind.“ In den Jahren zuvor habe eher ein Umverteilungsprozess stattgefunden, weil die Bevölkerung sich aufgrund veränderter Mobilität im Land anders verteilt habe.
Ziel des Pfarrplans, der nach dem Stellenmangel in den 90er-Jahren eingeführt worden war, sei es gewesen, in der Fläche kein Ungleichgewicht aufkommen zu lassen und die Stellensituation nicht dem Markt zu überlassen. Denn ansonsten bestünde die Gefahr, dass Ballungsräume gut versorgt sind und der ländliche Raum leer ausgeht. Daher betont Traub: „Der Pfarrplan nützt dem ländlichen Raum, weil sonst eine Vollversorgung nicht mehr möglich wäre.“
Jetzt aber geht es nicht mehr um Verteilung, sondern um Reduzierung. Das tut weh. Die Situation wird an den starken Jahrgängen der künftigen Ruhestandspfarrer deutlich: Laut Statistik gehen 1097 Pfarrer in den Jahren von 2019 bis 2030 in Pension. Etwa 30 Prozent dieser Theologen können so nicht ersetzt werden, sagt Traub. Dieser Prozess wird 2019 beginnen.
Die komfortable Situation ist laut Oberkirchenrat Traub, dass durch die jetzigen hohen Kirchensteuereinnahmen keine Rücklagen für die Besoldung, Beihilfe und Pensionen angetastet werden müssen. Zusätzlich würden in diesem Bereich Rücklagen gebildet, um den kommenden Generationen Luft zu lassen. Auch er weiß, dass der Zeitpunkt, den Pfarrplan umzusetzen, jetzt ungünstig ist. Aber eine Verschiebung um ein Jahr komme nicht in Frage – wegen der Legislaturperiode der Synode. Bei einer Verschiebung um drei Jahre würde die Pensionierungswelle bereits im Gange sein.
Dem Synodalen Karl Hardecker ist bewusst, dass die Umsetzung des Pfarrplans vor allem in den ländlichen Regionen schwierig sein wird. Denn während man in der Stadt ohne Probleme Gottesdienste oder Angebote in anderen Kirchengemeinden wahrnehmen könne, weil die Verkehrsverbindungen gut und die Wege nicht weit sind, sind die Entfernungen auf dem Land ungleich größer. Auch sind Teilzeitstellen auf dem Dorf schwerer zu vermitteln, und viel schneller stellen die Menschen dort die Frage: Ja, gibt es dann unsere Gemeinde überhaupt noch?
Eine Lösung könnten so genannte Verbundkirchengemeinden sein. Wenn sich vier Kirchengemeinden zusammentun, hätten sie beispielsweise 2,5 Pfarrstellen. Bei fünf bis sechs kleinen Gemeinden wären es sogar drei ganze Vollzeitstellen. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Kirchengemeinden unterschiedliche Schwerpunkte setzen und die Pfarrer mit allen Hauptamtlichen ein Team bilden.
Eine Notwendigkeit. Denn wie Hardecker einräumt, wird in der Zeit um 2030 ein Pfarrermangel bewusst in Kauf genommen. Außerdem wird die Zahl der Gemeindemitglieder pro Vollzeit-Pfarrer in den nächsten Jahren ansteigen. Wie Oberkirchenrat Traub zu diesem Thema darlegt, werden es im Durchschnitt 1817 Gemeindemitglieder pro 100-Prozent-Stelle im Jahr 2030 sein. Im Augenblick sind es 1422. Er betont, dass die maximale Belastung von 3000 im Einzelfall nicht überschritten werde und erinnert daran, dass es 1971 schon 2000 gewesen seien. In Baden seien es jetzt schon 2100 Gemeindeglieder pro 100-Prozent-Stelle. Klar sei aber, so Hardecker, dass es Hilfen geben müsse.
Neben den Verbundgemeinden wird es noch weitere Maßnahmen geben, die die Pfarrer entlasten und den Gemeindepfarrdienst stärken sollen: Wie Karl Hardecker erklärt, sollen Gemeindepfarrer weniger Religionsuntericht geben. Diakone sollen künftig Handlungsfelder abdecken, die nicht zum Kernbereich des Pfarrers gehören wie Flüchtlings- und Sozialarbeit. Dazu kommt die Beauftragung von Ruhestandspfarrern. Außerdem wird ein Betrag von 30 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um Gemeinden im Pfarrdienst zu entlasten. Für Gemeinden, die verstärkt zusammenarbeiten wollen, gibt es das Integrierte Beratungskonzept.
Um für die Akzeptanz dieses Plans zu werben, hat die Landeskirche nun eine Kommunikationsagentur beauftragt. Außerdem gibt es zentrale Veranstaltungen. Für den Besuch aller 50 Kirchenbezirke und Dekanate durch den Oberkirchenrat fehle aber die Zeit. Da ist dann, sagt Pressesprecher Dan Peter, „eine Grenze der Kommunikation erreicht“. Für die Umsetzung des Pfarrplans vor Ort seien die Dekane zuständig, die ja selbst Teil der Kirchenleitung seien. Oberkirchenrat Traub ist in diesem Punkt zuversichtlich: „Strukturveränderung ist kein neues Thema. Das hat es immer gegeben“, sagt er.
Parallel zum Strukturwandel mit Mitgliederschwund und Pfarrstellenkürzungen kommt aber noch ein weiteres Problem hinzu: der Nachwuchsmangel bei Pfarrern. Denn selbst für die gekürzte Zahl der Stellen könnte es Besetzungsengpässe geben. Gegensteuern will die Landeskirche mit 15 so genannten Quereinsteigern, die in den Jahren 2020 bis 2024 einen Zugang zum Pfarramt nach einem Erststudium über ein Theologie-Masterstudium erhalten sollen. Entlastend soll auch wirken, dass 21 Sonderpfarrstellen durch Nicht-Theologen besetzt wird, so dass die Auswahl an Gemeindepfarrern größer wird.
Zahlen und Strukturen dürfen jedoch nicht alles sein, wenn der Umbauprozess gelingen soll. Karl Hardecker ist überzeugt, dass der Teamgedanke in der Kirche verstärkt werden muss und der Strukturwandel in der Landeskirche eine geistliche Begleitung braucht. Werden nur Pfarrstellen abgebaut, ohne es geistlich aufzufangen, bekämen die Menschen das Gefühl: „Wir werden kleiner und sägen auch noch den Ast ab, auf dem wir sitzen.“ Hardecker fordert daher, das Bewusstsein zu schärfen, dass „wir alle eine Kirche sind“. Das Versäumnis von vielen vergangenen Jahrzehnten sei gewesen, dass der Gedanke einer gemeindeübergreifenden Kirche nicht gefördert worden sei. „Wenn jetzt an der Ortsgemeinde etwas verändert  wird, mit der sich die Leute identifizieren, dann bricht gefühlsmäßig alles weg“, gibt Hardecker zu. Die Perspektive müsse daher über den Pfarrplan hinaus reichen. Ganz falsch wäre es, wenn jetzt ein Tunnelblick entwickelt würde. „Es ist ein notwendiger Weg“, sagt Hardecker. „Und danach wird es uns immer noch geben. Denn das Wesentliche wird bleiben.“



Neues Verständnis von Gemeinde
Kommentar von Andreas Steidel

Wenn man etwas länger über die tiefen Einschnitte nachdenkt, die der Pfarrplan bis 2030 mit sich bringt, dann kommt man zu dem Ergebnis: Drum herum kommen wird man grundsätzlich wohl nicht. Wenn Kirchenmitglieder und Kirchensteuern langfristig zurückgehen, sind Einsparungen unausweichlich.
Dennoch sind die Veränderungen, die damit einhergehen, diesmal so groß, dass es nicht ausreicht, den Pfarrplan und die damit verbundenen Stellenstreichungen als reinen Verwaltungsvorgang zu betrachten. Er tastet das Selbstverständnis der Gemeinden an, von denen viele in Zukunft keinen eigenen Pfarrer oder eine eigene Pfarrerin mehr haben werden.
Das fordert Ehrenamtliche und Laienvorsitzende in einem ganz anderen Maße, als das bisher der Fall ist. Alle müssen sich daran gewöhnen, dass man in Zukunft mit anderen Gemeinden im Umland zu kooperieren hat. Das ist für viele eine sehr neue Erfahrung: Die Distrikte, die es bisher schon gab, waren häufig doch eine rein theoretische Größe, die die Vertretung im Pfarramt regelte, aber nur selten darüber hinaus identitätsstiftend wirkte.
Das ist jetzt anders. Wer mit einer Nachbargemeinde fusioniert, muss sich vollkommen umstellen. Aber auch das neue, durchaus sinnvolle Modell der Verbundgemeinden ist eine Herausforderung, die sich in der Praxis noch bewähren muss.
Schließlich stellt sich die Frage, was eine Gemeinde von ihrem Pfarrer und der Pfarrerin künftig erwarten darf, wenn nun mehrere Kirchen gleichzeitig versorgt werden müssen. Was ist Pfarrersache und was Sache der Ehrenamtlichen? Und was ist in einer Gemeinde eigentlich wirklich wichtig und gibt ihr Halt?
Vielleicht geht es eben darum, wenn immer wieder von geistlicher Begleitung die Rede ist. Dass man die Menschen in den Gemeinden mit ihren Sorgen nicht alleine lässt und ihnen Orientierung gibt. Eine Idee, was Kirche in Zukunft bedeutet und welche Chancen vielleicht auch darin liegen, wenn die Zahl der Christen weniger wird.
Der Pfarrplan ist eine Herausforderung für alle mit viel Erklärungs- und Diskussionsbedarf. Wenn es dabei Proteste und Widerstände gibt, dann sollte man das als Chance begreifen. Es ist ein notwendiges Korrektiv, ein wichtiger Abgleich und gehört einfach dazu auf dem Weg zu einer Lösung, die ja möglichst von allen Beteiligten auch mitgetragen werden soll.

Thomas Großbölting
Der verlorene Himmel
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