Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Schatz auf dem Wasen

STUTTGART-BAD CANNSTATT – Volksfest: Das ist Vergnügen, Geselligkeit, Festzeltstimmung. Aber schon seit 80 Jahren mischen sich die Aidlinger Schwestern unter die Festgäste. Auf dem Krämermarkt verkaufen sie Bibeln und religiöse Bücher. Parallel hat sich daraus noch eine Betreuung für die Schaustellerkinder entwickelt. Die Aidlinger Schwestern sind da, wo das Leben pulsiert. 


Wacher Blick, Bücher, Kalender, CDs und Post­karten im Angebot: Schwester Hanna Bühler verkauft auch fremdsprachige Bibeln. (Foto: Gemeindeblatt)

Neugierig gespannt späht Schwester Susi Engelmann über das Wasen-Gelände. Sie steht auf der Plattform des Berger Stegs über den Neckar. Es ist der Eröffnungstag des Volksfestes und sie wartet auf die Kinder der Schausteller. Friedlich wirkt der Wasen noch. Kein Lärm, keine Betrunkenen. Hoch hinaus ragt das Riesenrad in den blauen Himmel. In der Ferne sieht man den Krämermarkt. Dort wo für die Schwestern vor 80 Jahren alles begann. Wo es nach Kräutern, Gewürzen und Ölen duftet. Wo die Krämer mit Schmuck, Gürteln, Glaskunst und Trachten locken.

Seite an Seite mit der Kondome- und Scherzartikel-Bude wartet eine Besonderheit: der Bibelstand der Aidlinger Schwestern. Seit 1934 verkaufen sie religiöse Schriften so wie der Socken-Spezialist seine Strümpfe. „Der größte Schatz der Welt“ stand früher über der Auslage. Heute liest der Besucher dort schlicht „Die Bibel“.

Bis in die Nacht hinein ist Schwester Hanna Bühler für ihre Kunden da. Zupackend, augenzwinkernd und mit Herz beobachtet sie das Publikum, gibt Tipps, befreit die eingeschweißten Bücher von der Folie und legt ein Buch oder einen Kalender zurück, damit die Leute erst mal über den Wasen bummeln können.

Ihren Nachbarn mit den etwas unanständigen Produkten nimmt sie übrigens mit Humor. Der Bibel- neben dem Kondome-Stand: „Das ist ein beliebtes Fotomotiv“, erzählt sie lachend. „Es zeigt, wie pluralistisch unsere Gesellschaft ist.“ Und irgendwie hat man das Gefühl, dass Schwester Hanna es als Vorteil zu nehmen weiß, dass sie auf diese Weise von der Welt wahrgenommen wird. Dass sie aber nicht nur wahrgenommen wird, sondern dass auch viele Bibeln verkauft werden, überrascht Schwester Hanna Bühler selbst oftmals.

Vor allem Migranten würden Bibeln in ihrer Sprache suchen, erzählt sie. Einmal kam eine Frau und suchte nach einer Bibel in Farsi, in modernem Persisch. Schwester Hanna hatte eine. „Da hat Sie ein Engel geleitet“, sagte die Frau sofort. Manchmal kommen auch junge Männer vorbei, die bei den Aidlinger Schwestern im Pfingst-Jugendtreffen waren und rufen ihr zu: „Bei Ihnen gibt es den besten Hefezopf.“

Ob Hefezopf, Kalender oder die Suche nach dem S-Bahn-Eingang: Der Bibelstand der Schwestern ist eine Anlaufstelle. Auch für die Schaustellerkinder. Denn diesen bieten die Schwestern seit Jahrzehnten eine Nachmittagsbetreuung an. Und manchmal, erzählt Schwester Hanna, kommen die Kinder und möchten auch so eine Kinderbibel haben wie Schwester Susi Engelmann sie benützt.

Hinter dem Bibelstand begann einst die Kinderbetreuung, weil die Jungen und Mädchen ganz von selbst neugierig herumstanden und die Schwestern dann Kakao und Hefezopf verteilten. Seit 1965 können sie die Räume der Kirchengemeinde Berg nutzen. Montag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr, am Wochenende von 14 bis 18 Uhr. Den Kakao und den Hefezopf gibt es immer noch.

Schwester Susi Engelmann wartet wie jeden Tag um 14 Uhr mit ihrem Team am Berger Steg, der vom Wasen zur Kirchengemeinde Berg führt. Im dortigen Gemeindezentrum und auf dem Spielplatz daneben können die Kinder singen, spielen, lachen. Sie hören Geschichten aus der Bibel und beten miteinander.

„Es ist jedesmal spannend, wie viele Kinder kommen“, sagt Schwester Susi Engelmann. Zwischen einem Jahr und 14 Jahren reicht die Altersspanne. Sieben bis zwölf Mitarbeiter hat sie. Sie selbst ist Krankenschwester in Kirchheim/Teck und genießt die Vitalität und Lebensfreude der Kinder. Aber auch den Kindern tut es gut, dass jemand für sie da ist und sie auch in ihrem Glauben ermuntert. Die Kinder bekämen ja viel mit: den Streit, Betrunkene, und das ständige Unterwegssein sind eine harte Herausforderung.

„Jesus liebt dich ganz toll“, habe sie einmal einem Jungen gesagt, erzählt Schwester Susi. „Mich? Er weiß doch gar nicht, wie ich bin!“, war dessen Reaktion. Die Diakonissen wollen den Kindern zeigen, dass jeder geliebt ist. Durch die Betreuung lernen die Kinder sich aber auch untereinander kennen. „In Stuttgart habe ich immer Freunde“, erzählen viele Kinder stolz.

„Hallo, Willi“, ruft Schwester Susi. Der Junge mit dem neongrünen Kapuzenpulli und dem Totenkopf auf der Brust hüpft heran. Seine blonden Haare sind nass gescheitelt. Er hat vor kurzem Geburtstag. „Herzlichen Glückwunsch nachträglich und Gottes Segen“, sagt Schwester Susi und nimmt ihn in den Arm. Er erzählt, dass nachmittags der Platz immer so voll ist und seine Muter Angst um ihn habe. Deshalb komme er zu den Schwestern. Sein Wunsch für diese Tage: Waffeln backen. „Ich möchte dann der Chefkoch sein“, sagt er. Dann springt er weg. Er muss noch zu Mittag essen.

Schwester Susi gibt derweil letzte Anweisungen. Wer verteilt Essen und Getränke? Wer räumt ab? Schon kommen die Eltern mit den Kindern. „Hallo, Moses.“ Moses springt einer Betreuerin auf den Arm. Der Vater fragt: „Seid ihr bereit für unsere Kinder?“

Angela Wittmer bringt ihre 14-jährige Tochter. Sie selber war schon als Kind bei den Aidlinger Schwestern, erzählt die Betreiberin eines Bistros und einer Schießbude. Ihre Tochter kommt seit elf Jahren hierher. „Ich bin katholisch, und ich finde es gut, dass die Schwestern religiöse Erziehung machen“, sagt sie.

16 Kinder sind es heute. Die Gruppe macht sich auf ans andere Ufer. „Es ist so cool, weil wir alle zusammen sind“, sagt ein Mädchen. Ein anderes Kind studiert das Namensschild von Schwester Susi Engelmann und sagt: „Ihr Name passt zu Ihnen: Engel.“

Ein Engel – ein Gottesbote: das will wohl auch Schwester Hanna Bühler sein. Deshalb bringt sie einem Standkollegen ein Geschenk. An Weihnachten hat er sie gebeten, für seine schwangere Frau zu beten. Das Kind ist jetzt da. Gott sei Dank. Eine Frau interessiert sich derweil für das Buch „Wo wohnt eigentlich Gott?“. Sie lässt es zurücklegen, will erst ihren Freund fragen. In einem Korb gibt es gratis Gideon-Bibeln. Einige greifen zu.

Ein kleines Männlein kommt, freut sich über die Schwestern: „Denn in 20 Jahren seid ihr weg“, poltert er. „Dann herrscht hier der Muslim.“ Der Mann lädt seinen Weltschmerz ab: Die Flüchtlinge bringen den Islam, verdrängen das Christentum. „So pauschal kann man das wohl nicht sagen“, sagt Schwester Hanna diplomatisch. Alle Probleme kann man an so einem Stand nicht lösen. „Und ich muss sie auch nicht lösen“, sagt Schwester Hanna und lacht befreit.

Informationen zu den Aidlinger Diakonissen

Die Aidlinger Diakonissen haben viele Aufgaben: Neben Verkündigung und Seelsorge, Alten- und Krankenpflege, Gästebetreuung und Ausbildungsangebote kümmern sich die Frauen auch um Kinder- und Jugendbetreuung sowie christliche Literatur. Seit 1934 sind sie mit einem Schriftenstand auf dem Stuttgarter Volksfest vertreten. Seit 1954 betreuen sie zudem die Schausteller-Kinder.

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