Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Bücher der Toten

TÜBINGEN – Auf dem Stadtfriedhof der Universitätsstadt haben viele Dichter und Gelehrte ihre letzte Ruhe gefunden. Jetzt steht dort ein Bücherregal, in dem die Werke der Toten zur Lektüre für die Friedhofsbesucher bereitstehen. 

Carlo Schmid liegt auf dem Stadtfriedhof in Tübingen begraben. Seine "Erinnerungen" stehen im Bücherregal bereit. (Foto: Gerhard Bäuerle)


„Ein Vorhang hatte sich gesenkt, ein anderer hob sich empor, vor einer verwandelten Welt“, erinnert sich Kurt Georg Kiesinger an seine Schulzeit. Kaum war der Zehnjährige auf der Realschule, brach der Erste Weltkrieg aus. In seinem Buch „Schwäbische Kindheit“ hat der spätere Bundeskanzler es so beschrieben: „Ich erinnere mich an die ausziehenden blumengeschmückten Truppen, die von den kommenden Schrecknissen nichts ahnten, von den Millionen Toten und endlich dem Zusammenbruch der alten, scheinbar für ewig gegründeten Ordnung.“

Das steht in einem schmalen Bändchen aus dem Jahr 1964, nur noch antiquarisch zu finden. Und auf dem Tübinger Stadtfriedhof. Eine grüne Oase mit üppigem Grün, einer der schönsten Friedhöfe Deutschlands, der unter Denkmalschutz steht. Denn er ist auch ein Gedenkort geschichtlicher und kultureller Prominenz. 112 Pfarrer, 170 Professoren, berühmte Politiker wie Carlo Schmid, Kurt Georg Kiesinger, aber auch der Grünen-Mitbegründer Walter Schwenninger sind hier begraben. Und viele Autorinnen und Autoren: Ottilie Wildermuth, Friedrich Hölderlin, Ludwig Uhland.

„Diese hohe Autorendichte hängt mit dem Protestantismus und dem Pietismus zusammen“, sagt Irene Monreal-Wickert, Französisch-Dozentin und Anwohnerin des Stadtfriedhofs. „Tübingen hat keine Filmstars oder ähnliche Prominente. Die Leute saßen in der Gelehrtenstube und haben Bücher geschrieben. Hier haben wir alle fünf Meter das Grab von jemanden, der ein Buch hinterlassen hat.“
Was aber heute nicht mehr so gewürdigt werde: „Bücher stellen materiell keinen Wert mehr dar.“ Um dem etwas entgegenzusetzen, hat Irene Monreal-Wickert initiiert, dass am ehemaligen Aufseherhäuschen mit Hilfe des Kulturamtes ein Bücherschrank, witterungssicher aus Metall und Glas, aufgestellt wurde. „Was sie schrieben, die hier liegen“ steht auf den Öffnungsklappen.

Eine Art Erstausstattung ist schon eingestellt: Uhlands Gedichte, Carlo Schmids Erinnerungen, ein Kunstreiseführer des Kunstgeschichte-Professors Georg Dehio. Die feministisch-theologischen Schriften von Elisabeth Moltmann-Wendel wie „Die Weiblichkeit des Heiligen Geistes“. Aber auch ein Buch des Lokaljournalisten Helmut Hornborgen über den Tübinger Stadtfriedhof.

Eine Bibliothek der Tübinger Stadtfriedhof-Toten könnte Wiederentdeckungen versammeln wie von Ferdinand Kittel, einem Jesuiten, der im 19. Jahrhundert in Indien wirkte und das erste Wörterbuch eines indischen Dialektes geschrieben hat. Wichtig ist nur: Es sollen Werke der Verstorbenen sein, keine Bücher über sie. „Es ist diese Unmittelbarkeit der Begegnung mit den Verstorbenen, die die Leute anspricht“, hat Irene Monreal-Wickert beobachtet.

Ein paarmal in der Woche geht sie auf den Friedhof und guckt nach dem Schrank. Und freut sich daran: „Das war ein einfacher Gedanke, ein einfaches Projekt, einfach umzusetzen ohne Workshops, ohne Machbarkeitsstudie – das hat mir Spaß gemacht.“

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