Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Erfindung der Kindheit

Kinder gab es schon immer, aber die Kindheit? Die Sichtweise auf diese Lebensphase hat sich mit der Zeit deutlich verändert. Im frühen 19. Jahrhundert ­entsteht ein neues Bild von Kindern und Familie. Damit beginnt die Zeit der Kinderporträts, wie eine Ausstellung dokumentiert. 


Die Kindheit wurde entdeckt, als die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. (Foto: epd-Bild)

Inmitten einer üppig blühenden Landschaft steht ein Mädchen mit einer Pusteblume. Unscheinbar, fast anonym wirkt die Momentaufnahme, die der Künstler Vitus Staudacher (1850 –1925) im Jahr 1906 gemalt hat. Und doch vermittelt die Szene eine unsichtbare Grenze zwischen Kindheit und Jugend, zwischen der Blüte und Vergänglichkeit des Lebens.

Staudachers Porträt ist eines von rund 40 Gemälden, die das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden zeigt. Nachdenklich steht das Mädchen auf der Wiese, in Gedanken versunken scheint auch der Hirtenknabe von Karl Blechen (1798?–1840), dessen Ölgemälde um 1832 entstanden ist. Kinder bekommen in der Malerei des frühen 19. Jahrhunderts plötzlich Wesenszüge, die sie nun als junge und heranreifende Erwachsene zeigen.

Kindheit als eigene Lebensphase hat es in der Kunst vor 1800 kaum gegeben, sagt Museumsdirektor Matthias Winzen. Zuvor seien Kinder eher als historische Personen etwa im Adels­porträt gezeichnet worden. Vor dem 19. Jahrhundert hätten kindliche Körper in der Malerei eher als Dekoration oder Symbolträger gedient, etwa in der Gestalt von Engelchen oder in „der überindividuellen Verkörperung des Jesuskindes“, betont Winzen.

„In der Malerei der Romantik und des Biedermeier begegnen wir dann neuen Menschen, Mädchen und Jungen, deren Gesichtszüge schon bestimmte Charakteranlagen andeuten“, sagt Kuratorin Barbara Wagner, die die Schau zusammengestellt hat. „Kinder sind plötzlich als eigene Personen bildwürdig geworden“, sagt Winzen.

Aus den Gemälden schauen jetzt neugierige, nachdenkliche oder auch verzagte Kinder. Ursächlich dafür sind laut Museumschef Winzen der Beginn der Romantisierung und Emotionalisierung in der Gesellschaft.

Mit der Schulpflicht werden Kinder nicht mehr wie zuvor „als kleine Erwachsene behandelt, die arbeitsfähig gemacht werden sollen“, sagt Winzen. Vielmehr habe man im frühen 19. Jahrhundert in der Gesellschaft und damit auch in der Malerei entdeckt, dass Kinder ein eigenes Seelenleben haben und entwickeln.

„Die Porträts spiegeln auch die sich verändernde Wertschätzung der Eltern gegenüber ihren Kindern wider“, fügt Winzen hinzu. Schließlich bildet sich die Familie, wie man sie heute kennt, erst in den Jahrzehnten zwischen 1800 und 1850 – in der Zeit also, als die Kinder langsam flächendeckend in die Schulen geschickt wurden, selbst wenn viele Kinder noch etwa in Bergwerken oder in der Landwirtschaft arbeiteten.

Außer den Kinderporträts von Künstlern wie Blechen, Staudacher oder Franz von Lenbach (1836?–1904) zeigt das Museum auch 40 Lithographien aus Romantik, Biedermeier und der Gründerzeit. Ergänzt wird die Ausstellung unter dem Titel „Kindheit. Eine Erfindung des 19. Jahrhunderts“ durch Sammlerstücke historischer Spielsachen aus dem Technoseum in Mannheim.

Zu sehen sind außerdem Originalhandschriften von Schülern aus dem 19. Jahrhundert, die aus persönlicher Perspektive Einblicke in das Leben der Heranwachsenden geben.

Die Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, geöffnet an allen Feiertagen. Die Ausstellung ist bis 9. März zu sehen.

Mehr im Internet www.museum.la8.de

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