Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die vergessenen Toten

STUTTGART – Manche Menschen sterben vollkommen einsam. Ihre Bestattung wird öffentlich angeordnet, weil sich keiner darum kümmert. In Stuttgart erweist diesen vergessenen Toten ein Chörle die letzte Ehre: Männer und Frauen, die freiwillig da stehen, wo sich sonst keiner findet. 

Keiner soll einfach „entsorgt“ werden: Das Chörle singt bei anonymen
Bestattungen.(Foto: Gemeindeblatt)

„Mann stirbt bei Wohnungsbrand“: So lautete die Schlagzeile in der Zeitung. In einem Dachgeschoss in Stuttgart-Bad Cannstatt verbrannte der 53-jährige Ingo W., ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Erst die Rettungskräfte fanden seinen Leichnam. Seit seine Mutter vor zwei Jahren gestorben war, hatte Ingo W. niemanden mehr. Seine kleine Wohnung war sein Ein und Alles sowie am Ende das Gefängnis, dem er nicht mehr entkommen konnte.

Niemand hat sich um die Beisetzung von Ingo W. gekümmert. Kein Angehöriger, kein Freund, kein Nachbar. Niemand aus seinem erloschenen Leben sitzt in der Unteren Feierhalle im Pragfriedhof in Stuttgart, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Diakon Eberhard Steinhilber ist hörbar erschüttert, als er die Geschichte von Ingo W. an diesem kalten Mittwochmorgen erzählt: „Es ist ein Alptraum.“

Früher sprach Eberhard Steinhilber (57) in solchen Fällen oft mit leeren Stühlen. Oder mit Organistin Sabine Ostmann (65). Die Frau an der Orgel und der Mann mit der Bibel waren zumeist die einzigen, die am Sarg der einsamen Toten standen. Das hat sich erst 2010 geändert. Da hatte Sabine Ostmann die Idee, einen Aufruf zu starten: „Wer hat Interesse, für Menschen ohne Angehörige in einem kleinen Chor zu singen?“

Den Aufruf veröffentlichte sie in evangelischen und katholischen Gemeindebriefen in Stuttgart – und war vollkommen erstaunt, wie viele sich gemeldet haben. Rund 30 Männer und Frauen sagten spontan ja. Gerne würden sie kommen, singen und beten für die, die sonst niemanden haben, wann immer sie dazu Zeit hätten.

Es sind zehn, die für Ingo W. an diesem Morgen Zeit haben. Ein paar Tage vorher wurden sie verständigt: per E-Mail oder Telefon. „Das ist der aufwändigste Teil, das Herumtelefonieren“, sagt Sabine Ostmann, die nun hinter ihrer kleinen Orgel Platz nimmt und ein Lied anstimmt: „Wir waren dein, oh Gottes Sohn,“ ist das erste Stück, das für Ingo W. gesungen wird.

Dann spricht Diakon Eberhard Steinhilber ein wenig über den Toten. Es ist nicht viel, was es zu sagen gibt, doch genug, dass aus dem unbekannten Mann, der bei einem Hausbrand stirbt, ein Mensch wird, „eine Person mit einem Leben.“ Eberhard Steinhilber ist besonders berührt an diesem Morgen, weil er selbst bei der Feuerwehr ist und weiß, wie grauenhaft der Tod von Ingo W. war. Die Rettungskräfte konnten nichts mehr für ihn tun.

Dann blickt er hoch zu den Männern und Frauen vom Stuttgarter Chörle und sagt: „Mein Trost ist, dass Sie heute da sind. Sie gehören für mich zur Rettungskette.“ Es ist eine Rettung der anderen Art, ein Trost in einer trostlosen Situation, eine letzte Ehre für einen Toten, den als Lebenden kaum einer gekannt hatte.

Das Chörle singt jetzt Lied 266: „Der Tag, mein Gott ist nun vergangen.“ Einen Dirigenten gibt es nicht, genauso wenig wie Proben. Es ist eher wie im Gottesdienst, wenn der Pfarrer ein Lied ankündigt und alle mit einstimmen. „Wir sind eigentlich gar kein Chor“, sagt Kurt Fuchs (64), „sondern die Trauergemeinde.“ Eine Trauergemeinde, die ohne das Erscheinen des Chörles gar nicht vorhanden wäre.

Kurt Fuchs ist Ruheständler wie manche seiner Mitstreiter. Männer und Frauen, die auch unter der Woche einmal kommen können. Aber auch Freiberufler sind darunter, Teilzeitbeschäftigte, Kirchennahe und Kirchenferne: Sie kommen in aller Stille und gehen wieder, so wie sie gerade Zeit haben. Von den 30 sind immer ein paar da, und immer wieder mischt sich die Runde auch neu, weil weitere Leute dazukommen und andere sich verabschieden.

Manchmal hören sie einen Monat lang nichts und dann sind es plötzlich vier „Anordnungen“ in der Woche. So heißen die Bestattungen, die von der Stadt organisiert werden, wenn sich sonst keiner darum kümmert. Die meisten Verstorbenen werden danach verbrannt und in anonymen Urnengemeinschaften bestattet.

Es gibt so viele Einsame in der Großstadt. Alleinstehende, Depressive, Alkoholiker, Drogenabhängige, Menschen, die sich mit ihren Nächsten so zerstritten und überworfen haben, dass selbst der Tod sie noch scheidet. Es gab auch schon Zeiten, in denen sie gar keine Trauerfeier bekamen und nur still eingeäschert wurden. Oder „entsorgt“, wie Diakon Eberhard Steinhilber voller Verbitterung anmerkt.

Der Sarg von Ingo W. sieht schön aus. Auf dem hellen Fichtenholzschrein liegen bunte Blumen. Jeder aus dem Chörle hat ein Sträußchen für ihn darauf gelegt und dann in der ersten Reihe Platz genommen. Am Ende stehen alle um den Sarg herum. „Großer Gott wir loben dich.“

Es ist der letzte bewegende Augenblick am Sarg von Ingo W. Der Totengräber mit der grauen Mütze und dem grauen Anzug kommt herein, stellt sich neben den Leichenwagen und schiebt ihn hinaus.

Aufbruchsstimmung. Eine halbe Stunde hat die Trauerfeier für Ingo W. gedauert. Eine halbe Stunde, in der ihm mehr Aufmerksamkeit zu Teil wurde, als in vielen Momenten seines Lebens. Anne Riethmüller (52) aus Stuttgart-Nord muss los und Kurt Fuchs auch. Heute Morgen haben sie sich die Zeit etwas vom Munde absparen müssen, aber deshalb beklagt sich hier keiner.

Sie haben etwas gegeben, aber auch viel für sich etwas mit nach Hause mitgenommen. Es ist das Gefühl von Nächstenliebe und Barmherzigkeit, das sie erfüllt. Barmherzigkeit: das Wort fällt immer wieder, wenn man die Männer und Frauen des Chörles nach ihrer Motivation fragt, nach dem Grund, der sie immer wieder in aller Herrgottsfrühe auf den Friedhof kommen lässt. Organistin Sabine Ostmann ist die Seele des Chörles. Seit über 40 Jahren spielt sie Orgel an der Christuskirche in Stuttgart und werktags auch in der Stiftskirche. Demnächst wird sie in Ruhestand gehen, mit 65 ist Schluss im Berufsleben.

Das Chörle und den Friedhofsdienst für die einsamen Verstorbenen wird sie weiter machen. „Das ist etwas ganz anderes. Wenn ich hier bin, fällt alles andere ab, ich werde ganz ruhig und gelassen. Man sieht das Leben plötzlich aus einem anderen Blickwinkel.“

Noch heute ist sie berührt von dem Gedanken, wie viel andere Menschen sich bei jeder Trauerfeier einfinden und mit ihr an die vergessenen Toten denken. „Es gibt Spuren des Leides und der Einsamkeit in der Stadt, aber genauso viele wunderbare Spuren des Mitleids und der Barmherzigkeit“, hatte Diakon Steinhilber in seiner Ansprache gesagt.

Draußen donnert der Verkehr an einem Friedhof vorbei, auf dem viele prominente Gräber zu finden sind. Der Graf Zeppelin und der Dichter Eduard Mörike liegen hier. Und irgendwo auch Ingo W., dessen Name auf keinem Wegweiser und keiner Grabplatte verzeichnet sein wird.

Information
Wer sich für das Beerdigungs-Chörle in Stuttgart interessiert, kann sich bei Sabine Ostmann  (Tel. 0711-2268334, E-Mail: sabine.ostmann@freenet.de oder bei Kurt Fuchs melden (Tel. 0711-22264902, E-Mail: post@menu-buffet.de).


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