Christliche Themen für jede Altersgruppe

Echo in der Kirche blasen

OCHSENHAUSEN (Dekanat Biberach) – Stramme Wadln, eine Lederhose, und jodeln kann er auch noch: So stellt man sich gemeinhin einen Mann vor, der auf der Alm steht und das Alphorn bläst. Ein Naturbursche eben. Drumherum nur Berge und blauer Himmel – oder das Kirchengewölbe.

Nachhall der Kirche statt Echo in den Bergen. (Foto: Christina Kirsch)

Dass man mit einem Klischee ganz schön daneben liegen kann, zeigte ein Kurs für Alphörner an der Landesakademie in Ochsenhausen. Ochsenhausen liegt zwar auf einem Berg, aber von einem Felsmassiv mit Echo ist man in Oberschwaben weit entfernt. Auch der Anteil der lederbehosten Burschen ging an der Landesakademie geradezu gegen Null. Die strammen Wadln fristeten unter blauen Jeans eher ein Dasein im Verborgenen.

Mindestens die Hälfte der rund 30 Teilnehmer sind „Madeln“, die den Burschen ernsthaft Konkurrenz machen. Und noch viel mehr Teilnehmer haben daheim keine Berge, sondern Flachland. „Aber das macht nichts“, meint Martha Schoenacher aus Dietenheim. „Ich spiele auch im Urlaub an der Nordsee“, erklärt die Schwäbin. Womit dann noch ein weiteres Alphorn-Klischee baden ging.

Aber man hört in dem Alphorn-Kurs ab und zu auch ein paar Worte Schwiizerdütsch. Der Kursleiter, der professionelle Hornist Martin Roos, stammt aus der Schweiz. Martin Roos übt mit seinen Bläsern auf der Wiese unterhalb der barocken Klosterkirche. In einem Halbkreis stellen sich die Alphörner auf. Es sind mit Alpenblumen bemalte und blanke Hörner, es gibt mit Rinde oder Peddigrohr umwickelte Alphörner und auch ein schwarzes Horn mischt sich unter die braunen.

Zwischen den Obstbäumen scheinen sich Musiker und ihre Instrumente am wohlsten zu fühlen. Es riecht nach Gras und Fallobst. Ab und zu plumpst ein reifer Apfel vom Baum und ein paar Blätter segeln hinterher. Gelegentlich nähern sich auch neugierige Menschen. Denn der Klang von 30 Alphörnern ist kaum zu überhören.

„Ich liebe beim Alphorn die ruhigen, sanften Töne“, erklärt Susanne Griese aus Nackenheim bei Mainz ihre Liebe zu dem Alpeninstrument. „Am liebsten spiele ich in den Weinbergen“, sagt die Kursteilnehmerin, die ansonsten Posaune spielt. Mit dem Alphorn könne man schnell Erfolge erzielen und bald mit anderen zusammen spielen, meint die Musikerin. „Aber mit keinem anderen Instrument hat man so stark das Gefühl, dass man mit ihm eins ist“, weiß die Rheinländerin, die Gänsehaut bekam, „als ich das erste Mal in einer Kirche spielte.“

„Mir hat man das Alphorn in die Hand gedrückt, damit ich begreife, wo der Ton raus kommt“, schmunzelt die Schweizerin Beate Trösch. Das Alphorn war für die Musikerin aus Basel ein Erzieher, der ihren Atem lenkte. „Ein Alphorn ist nämlich so lang wie ein Waldhorn, bloß endet es woanders“, sagt sie. Der Ton kommt ungefähr drei bis vier Meter vom Mundstück entfernt aus dem Rohr.

Martin Roos dirigiert seine 30 Bläser wie ein Orchester. „Bitte da capo al coda“ gibt der Dirigent vor und mahnt, nicht zu schnell zu laut zu werden. „Das C ist zu tot“, findet er an anderer Stelle, „ich brauche da etwas mehr crescendo.“ Und wenn es beim Spielen einmal deutlich daneben ging, kommentiert der Dirigent lapidar „getroffen oder nicht getroffen“.

Die Mehrzahl der Kursteilnehmer spielt bereits ein Blasinstrument und einige haben auch Alphornerfahrung.  Trotzdem ist es schwierig, locker zu bleiben, damit das Alphorn schön schwingt und nicht kieksend überschnappt.

Das Alphorn ist ein seltsames Instrument. Es hat nur Ganztöne und beschränkt sich auf eine Palette von 16 Naturtönen. Für das menschliche Ohr, das an temperierte Musik gewöhnt ist, klingen der siebte und der elfte Naturton stets unsauber. „Das erzeugt die gewisse Spannung in der Alphorn-Musik“, sagt Martin Roos. Alphorn-Bläser sind ganz erpicht darauf, dieses unsaubere Alphorn-Fa und Alphorn-B heraus zu kitzeln.

Ursprünglich hatte das Alphorn den Zweck, dass man sich über ein Tal hinweg verständigen konnte. Als es in den Bergen noch kein Telefon gab, war das Alphorn auch Kommunikationsmittel.  „Man steht eigentlich meist unten und bläst gegen die Felsen“, sagt Martin Roos. Beim Blasen entstehe in den Bergen und in einem geschlossenen Raum ein ganz bestimmtes Raumgefühl.

„In der Kirche bleibt der Klang zusammen und ist geschlossener“, stellt Eckhart Fischer aus Esslingen fest. Allerdings hat das Blasen in der Natur einen riesigen Vorteil. „Sie können in den Bergen ein Echo bekommen“, weiß Eckhart Fischer. Das gehört dann zum Erhabensten, was man mit einem Alphorn erleben kann.

Eckhart Fischer freut sich, dass er im Kurs so schnelle Fortschritte macht, „obwohl ich ja Kontrabassist bin“. Mit einem Kollegen ergab sich eine Zusammenarbeit über den Kurs hinaus „und er leiht mir auch sein Instrument“.

Die ganze Palette an volkstümlichen, experimentellen und jazzigen Klängen des Alphorns erleben Konzertbesucher beim Abschlusskonzert in der Biberacher Kirche St. Martin. „Sie werden gebadet im Klang“, verspricht Martin Roos. Die Alphörner füllen mit ihrem eindringlichen Klang die Kirche bis in den letzten Winkel. Für die Besucher ist die Klangwolke körperlich spürbar, da sich die Musiker immer neu gruppieren und auch einmal hinter der letzten Bank oder auf der Empore spielen. Man hört das schweizer Volkslied „Luegid vo Bärg und Tal, flieht scho der Sunnestrahl“, aber auch „Spazifizottle“ mit Kirchenmusikdirektor Eberhard Roß an der Orgel. Mal wandert der Klang im Kreis, mal nutzen die Musiker ihr Alphorn auch als Schlagzeug und klopfen dagegen. „Die Klangwirkung ist einzigartig“, meint Kantor Ralf Klotz vom veranstaltenden evangelischen Kantorat nach dem Konzert.

Es war das erste Mal, dass 30 Alphörner gleichzeitig in der Kirche spielen und alle Möglichkeiten einschließlich der Obertonmusik ausloten. „Das Publikum war geradezu vom Klang umschlossen“, stellt Ralf Klotz fest.

In den Stücken mit der Orgel mischen sich zwei Blasinstrumente. „Die Klangfarben des Alphorns sind denen der Orgel nicht unähnlich“, sagte Eberhard Roß. Der weite und füllige Klang der Alphörner mit seinen schlichten Akkorden schafft eine friedliche und sakrale Atmosphäre, die geradezu voller Andacht ist.

Diese Stimmung liebt auch Martha Schoenacher. Wenn sie sich an einen Baggersee stellt und ihr Alphorn bläst, hat sie schnell Bewunderer und Frager an ihrer Seite. „Wie geht das, dass so eine kleine Person so große Töne macht“, sei die am meisten gestellte Frage. „Und manche wollen dann auch reinblasen“, ist die Erfahrung der Schwäbin. „Deshalb hab‘ ich immer ein Mundstück für ‚Dahergeloffene‘ dabei“, erzählt die Musikerin. Die Neugierigen merken dann schnell, dass bei einem Alphorn bald ein Ton heraus kommt, aber bis der erhaben und friedlich klingt, das braucht dann doch Übung.

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