Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein bibelfester Bildhauer

ECHTERDINGEN (Dekanat Bernhausen) – Kaum ein anderer Künstler hat so viele moderne Kirchenräume gestaltet wie Gerhard Tagwerker. Seine Altäre, Tabernakel, Taufsteine sind vielbeachtete Kunstwerke, die der 83-Jährige in seiner Werkstatt entwirft.

Hier ist Gerhard Tagwerker zuhause: sein Atelier in Leinfelde-Echterdingen. Fotos: Markus Heffner

Wo anfangen mit einer Geschichte über einen Menschen, der mehr erlebt und erschaffen hat als man erfassen kann? Bei all den Kirchen und Schlössern, die er mit seiner Kunst gefüllt hat? Den Parks und Friedhöfen, auf denen so mancher prominente Zeitgenosse unter einem seiner Grabsteine ruht? Dem Rathausbrunnen von Echterdingen, der Heiligen Katharina, dem tschechischen Exekutionskommando, dem Offizierskasino der amerikanischen Besatzertruppen, in dem er abends am Schlagzeug einer Bigband saß?

Oder vielleicht doch im Herkulessaal der Münchner Residenz, in den Gerhard Tagwerker am 19. November 1980 geladen war. Gastgeber war Johannes Paul II., der zum Abschluss seines Deutschlandbesuchs Persönlichkeiten aus Kunst und Publizistik treffen wollte, wie es in dem päpstlichen Brief hieß. Alphabetisch in Dreigruppen sortiert, trat der Bildhauer Tagwerker dann mit der Bergsteigerlegende Luis Trenker und der Schauspielerin Luise Ullrich vor Karol Wojtyla, der ihn sehr beeindruckt habe, wie er heute sagt.

Der Papst sei sehr volksnah gewesen und habe sich beim Empfang mit bayrischem Bier und Gesprächen immer mitten unter die Menschen gemischt.„Das war eine dolle Sache“, sagt der 83-Jährige.

So unprätentiös er aus seinem erlebnisreichen Leben erzählt, so bescheiden führt Gerhard Tagwerker auch durch die weite Welt seiner Werke. Das meiste davon ist in seinem Atelier entstanden, das zum Verweilen einlädt. Im Gärtchen draußen meditiert eine bronzene Madonna, drinnen balanciert inmitten der schönen Künste ein Tablett mit Butterbrezeln und einer Kanne Kaffee auf einem Tischchen. Frisch gebrüht und unvergleichlich gut, wie er sagt. „Meine Frau hat mir nie verraten, wie sie den macht.“
Kunstvolles Handwerk hat Tradition im Hause Tagwerker, das mitten im alten Ortskern von Leinfelden-Echterdingen steht. Ein Bauernhäuschen mit altem Fachwerk und neuem Innenleben, das ihm das Ehepaar vor 30 Jahren eingehaucht hat. Den Heuboden haben sie zur Wohnung umgebaut, die Scheune wurde zum Atelier, in dem der Bildhauer nach wie vor fast jeden Tag an alten Eichenstämmen schnitzt, neue Skulpturen entwirft und sich treiben lässt von seiner Inspiration. Derzeit arbeitet er an einem Kruzifix, auf das er die Worte „Materialismus“ und „Egoismus“ geschrieben hat. „Ich bin gespannt, wie diese Idee von den Theologen aufgenommen wird.“

Theologische Diskussionen hat Gerhard Tagwerker so manche geführt in den vergangenen Jahrzehnten, in denen er von den großen Kirchen im Land beauftragt wurde, die Innenräume der Gotteshäuser und anderes zu gestalten. Die Kirche St. Klemens in Böblingen machte 1959 den Anfang, heute stehen alleine 116 Kirchenbauten in ganz Deutschland in seinem Werkverzeichnis. Für die meisten hat er eine Gesamtkonzeption entworfen, von der farblichen Wandgestaltung bis zu den Altären, Kreuzen, Tabernakeln, Taufsteinen, Figuren und Portalen.

Berühmt ist etwa das bronzene Stephanusrelief, das in der evangelischen Kirche in Echterdingen hängt. Eine Auftragsarbeit zur Namensänderung der Kirche im Jahr 2006, für die Tagwerker ein ausführliches Literaturstudium über den Diakon Stephanus und dessen Martyrium betrieben hatte. „Ich habe mich immer schon gerne mit theologischen Themen auseinander gesetzt, mich sehr für biblische Geschichten interessiert.“

Direkt vor der Stephanuskirche steht seit Anfang der 60er-Jahre ein steinernes Denkmal, das auch von ihm ist und auf ganz andere Weise an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnert, wie sich der damalige Gemeinderat das vorgestellt hatte. Statt irgendwelcher Kriegsmotive hat Tagwerker nach einigen Diskussionen und mit Unterstützung des damaligen Pfarrers das himmlische Jerusalem mit seinen zwölf Engeln und Toren dargestellt, dazu den tröstlichen Spruch: „Siehe, ich mache alles neu.“ Mit Stahlhelmen, erzählt der Bildhauer, „wollte ich aufgrund meiner eigenen Geschichte nichts mehr zu tun haben.“

1932 im österreichischen Klagenfurt geboren, wuchs Gerhard Tagwerker im Haus der Großeltern im nordböhmischen Teplitz-Schönau auf, wo sich sein Talent zum Modellieren schon früh zeigte. Und seine Begabung zum Improvisieren. Um bei seiner deutschen Mutter bleiben zu können, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs ausgewiesen wurde, tauschte der damals 13-Jährige kurzerhand seine rot-weiß-rote Armbinde mit einer weißen. Dazu beschaffte er sich einen falschen deutschen Ausweis, der ihn während des Transports allerdings fast das Leben kostete. Er sei dem tschechischen Exekutionskommando nur entkommen, erzählt er, weil ihm zufällig sein österreichischer Pass aus der Tasche gerutscht war, als er nach einem Sturz mit zertrümmertem Fersenbein am Boden lag. Anstatt ihn zu erschießen, wie jene deutschen Flüchtlinge, die nicht mehr weiter konnten, ließen die Soldaten den jungen Österreicher einfach zwischen den Toten liegen. „Ein furchtbares Erlebnis“, sagt er.
Hat er Trost und Frieden gesucht in den biblischen Geschichten, nach all dem Schrecken der apokalyptischen Bilder? Wollte er Bleibendes erschaffen, nach all der Zerstörung? „Das alles hat mich sehr geprägt“, sagt Gerhard Tagwerker, der in Eisenach das Gymnasium zu Ende brachte, nachdem er die Odyssee überstanden hatte.

In Bamberg ließ er sich dann zum Bildhauer und Stuckateur ausbilden, zum Restaurator, der im dortigen Dom, in Schlössern und Wahlfahrtskirchen seinen Teil zum Wiederaufbau beitrug. Am Bodensee restaurierte er später für ein Mittagessen am Tag die Schlosskirche von Friedrichshafen. Nebenbei machte er auf dem Ausflugsdampfer Schwaben Tanzmusik für die Gesellschaften. Gelernt hatte Gerhard Tagwerker diese Kunst auf einem Jazz-Konservatorium in Würzburg, wo er als junger Kerl in Abendseminaren Bass, Posaune und Schlagzeug studierte und dabei Musikern wie Louis Armstrong, Benny Goodman, David Oistrach und Yehudi Menuhin begegnete, die damals vor der Truppe spielten. „Die sind ganz schön berühmt geworden“, sagt er.

Für ihn selber gilt das derweil auch, in aller Öffentlichkeit aussprechen würde Gerhard Tagwerker das freilich nie. Er hat eine Vielzahl von Skulpturen, Plastiken und Brunnen geschaffen, die an vielen Orten das Stadtbild prägen. Die lebensgroße Ackermann-Gruppe in Zuffenhausen gehört zu seinen Werken, die Plastik von Edith Stein in der Freiburger Klosteranlage St. Peter, die Bischof-Moser-Gruppe im Stuttgarter Bohnenviertel, das Relief „Christus trägt uns als sein Kreuz“ am Rottenburger Bischofshaus.
Die tiefsten Spuren hat er in der Landeshauptstadt hinterlassen, wo er Anfang der 50er-Jahre als Experte für Gotik beim Aufbau der Stiftskirche half. Hier freundete er sich auch mit dem Maler und Bildhauer Otto Herbert Hajek an, der ihn ermunterte, selber Kunst zu studieren.

Mit diesem Studium hat er bis heute nicht aufgehört – und er denkt auch gar nicht daran. Unentwegt experimentiert er mit Materialien, macht in Keramik, Spiegelbronze und Holz, probiert vieles aus. Nebenbei führt er immer wieder Gruppen durch seine Werkstatt, Studenten, Architekten und Mitglieder von Kirchengemeinden, die aus dem ganzen Land zu ihm kommen. Ohnehin ist ihm jeder willkommen, der sich für die schönen Künste interessiert: „Es ist mir wichtig, etwas weitergeben zu können.“

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