Christliche Themen für jede Altersgruppe

Eintauchen ins Mittelalter

ERSINGEN (Dekanat Biberach) – Es ist Reformationsjahr. Auch in Oberschwaben. Die evangelische ­Kirchengemeinde Ersingen veranstaltet ein zweitägiges Lutherfest mit Theater und Mittelaltermarkt. Die Frauen nähten dafür eigens historische Gewänder. 

Hier wird alles auf Maß geschneidert. (Foto: Christina Kirsch)

„Deetsch d‘ mir amol die Seite zubinda?“ , fragt Gerda ihre Kollegin Barbara. Es geht um ein Kleid mit gekreuzten Schnüren unter der Achsel. Für moderne Frauen ist es ungewohnt, sich ein Kleid seitlich zu schnüren. Gerda ist dankbar für jede Anziehhilfe.

Wie das die Damen im Mittelalter wohl gemacht haben? Das fragen sich rund 15 Frauen, die in Ersingen für ein großes Lutherfest im Juli die mittelalterlichen Gewänder schneidern. Im Gemeindehaus wurden die Tische zu Schneidertischen zusammengerückt. Papierschnitte rascheln, große Scheren werden ausgepackt und Frauen drehen sich selbstkritisch vor einem Spiegel. Überall stehen Wäschekörbe mit Stoffen und Weidenkörbe mit Kuchen herum. Das dient der Stärkung für zwischendurch. Aber erst einmal wird gearbeitet.

Die Anprobe haben die Frauen bereits hinter sich. Jede hat sich ein Kleidermodell herausgesucht und Stoffe organisiert. Barbara Jagodzinski, die Verantwortliche des Festausschusses, hat einen Möbelstoff aufgehoben, der jetzt ein Mieder werden soll. Petra Riedmüller findet in den Wäschekörben einen Kleiderstoff, der perfekt zu der Borte passt, die im elterlichen Esszimmer einst die Vorhänge schmückte. Alle tragen zusammen, was irgendwie passen könnte. Allzu knallige Farben und Herrschaftsfarben wie Purpur dürfen nicht dabei sein. Darum kümmert sich die Designerin Christine Diebel aus Erbach, die einen Blick für Stoffe hat, die es vor 500 Jahren gegeben haben mag. Leinenstoffe in gedeckten Farben kommen bei den Näherinnen besonders gut an. Dazu Kordeln, Schrägstreifen und Borten, die heute nirgends mehr hinpassen.

Ein Wams aus schwarzem Walkstoff, das beim Mittelalterfest ebenfalls getragen werden soll, landet nach der Anprobe sofort wieder auf dem Kleiderständer. „Das beißt“, kommentiert eine Landfrau das Kleidungsstück. „Und außerdem ist das viel zu warm“. Das Dorffest „Luther hilft Franziskus“ findet nämlich am 1. und 2. Juli statt. Und erfahrungsgemäß ist es dann heiß. Die mittelalterlich gekleideten Frauen müssen zudem am Fest arbeiten. „Wir stehen beim Ausschank und verkaufen Häppchen“, erklärt Barbara Jagodzinski. Auch ein Tanz ist geplant. „Gut, dass die mittelalterlichen Tänze langsam und gemächlich sind“, freut sich Gerda Klein. Die Erbacherin macht beim „Forum 50plus“ mit, bei dem ältere Damen miteinander gesellig sind und tanzen. Für das Erbacher Lutherfest haben sie sich bereit erklärt, tatkräftig zu helfen, „weil es schön ist, wenn man was miteinander macht“, sagt Gerda Klein.
Ursprünglich plante die Kirchengemeinde anlässlich des Reformationsjubiläums zugunsten der Dach- und Deckensanierung ihrer Ersinger Franziskuskirche ein kleines Lutherfest. „Doch dann wurde das Fest immer größer“, berichtet Barbara Jagodzinski. Sämtliche Ersinger Vereine erklärten sich zum Mitmachen bereit. Der Musikverein, Gesangsverein, die Skifahrergruppe der Gipfelstürmer und der „Rote Hai“ als Förderverein der Feuerwehr ließen sich genauso einspannen wie der Kirchenchor und der Gospelchor. Der Kindergarten macht mit, die katholische Schwestergemeinde engagiert sich und die DLRG stellte ihr Heim zur Verfügung. Dort schminken sich die Theaterleute für ihren Auftritt. So kann das Lutherfest zugunsten St. Franziskus am Seeufer über die Bühne gehen. Die Ersinger Luther-Projekt-Gruppe setzt sich aus Barbara und Wolfgang Jagodzinski, Christa Sulz, Irene Paal und Jutta Hoffmann zusammen.

Richtig Schwung bekam das Lutherfest, als sich Claudia Lemke, die Tochter der zweiten Vorsitzenden der Landfrauen, bereit erklärte, ein Theaterstück zu Luther zu schreiben. Die Theaterpädagogin hat früher schon Kinderstücke geschrieben und beschäftigte sich eingehend mit Luthers Biografie. Und dann ging es ihr wie vielen Stückeschreibern. „Ich habe gemerkt, dass ich in das Stück gar nicht alles reinbringe“, sagt die 47-Jährige. Nun ist es ein Dialog zwischen einer katholischen und einer evangelischen Frau geworden, die sich Gedanken zu Luther machen.

Etwa 30 Darsteller machen mit. „Durch die Regie hat sich bei mir meine Sicht auf Luther verändert“, sagt Claudia Lemke, die dem Zweiakter den Titel „Luther, ein Mensch“ gab. „Ich finde es toll, dass Luther sich stets treu war“, fasst die Theaterpädagogin ihre Erkenntnisse zusammen. „Luther war ein Mensch, der seiner Zeit voraus war.“ Moderne und historische Textpassagen beleuchten das Leben Martin Luthers als Kind, Jugendlicher, Professor und Familienmensch. „Wir haben vier Luther-Darsteller“, verrät Lemke. Als Statisten sind drei Bürgermeister und zwei Ortsvorsteher der bürgerlichen Gemeinden zu sehen. Pfarrer Gunther Wruck spielt den Kaiser. „Die Hälfte der Leute war noch nie auf einer Bühne“, sagt Lemke. Der Enthusiasmus ist jedoch groß.

Für Gesprächsstoff sorgte in Ersingen ein Bauernkrieg. Der kommt in dem Stück vor und dafür trainierten Jugendliche drei Tage lang mit dem ausgebildeten Bühnenkämpfer Matthias Fittkau aus Freiburg. „Die Jungs hatten danach alle Muskelkater“, weiß Claudia Lemke. Man hantiert schließlich nicht jeden Tag mit Eisenschwertern und großen Schutzschilden. Im Faustkampf sind die Ersinger Jugendlichen jedoch schon ganz gut.

Was den Männern die grobe Kampftechnik, das ist den Frauen die Feinarbeit mit Faden und Nadel. Adelheid Wagner, die Vorsitzende der Machtolsheimer Landfrauen, gab Tipps für den richtigen Sitz von Schürze und Haube. Die ausgebildete Schneiderin wusste natürlich, wie man eine Hose enger macht oder wie man Schlaufen bügelt, und gab das Wissen weiter. Petra Riedmüller bügelte beinahe meterlange Schlaufen, die an den Gewändern die Reißverschlüsse ersetzen. Für das Zuschneiden der Hauben brauchte man irgendetwas Kreisrundes und schon schleppten die Damen einen Topfdeckel und Papierkorb als Schablone an. „Wenn die zu klein sind, nehmen wir einen Mülleimer“ , witzelten sie.
Am Lutherfest beteiligen sich aber nicht nur Ersinger und ihre Freunde, sondern es kommen auch Leute von auswärts. Die „Freunde alter Technik“ aus Römerstein-Donn­stetten sowie die Württemberger Ritter aus Niederstotzingen-Stetten werden dem Fest ein mittelalterliches Flair geben. Man erwartet Korbflechter und Seiler, ein Kräuterstand wird aufgebaut und auch das Mähen mit der Sense ist zu sehen. Die Kirchengemeinde hofft, dass sich die Besucher mittelalterlich kleiden oder zumindest auf die Zeit einlassen. Das ganze Fest steht unter der Schirmherrschaft von Prälatin Gabriele Wulz.

Derzeit wird im ganzen Dorf geschneidert und geprobt, damit beim Theater am Ersinger Baggersee auch alles klappt. Die Hauben, Hosen und Kleider sitzen schon. Auch das Zusammenschnüren von Kordeln unter der Achsel geht den Frauen mittlerweile leichter von der Hand. Manche wollen ihr Kleid gar nicht mehr ausziehen. So ein geschnürtes Mieder stand nämlich nicht nur Luthers Frau Katharina gut zu Gesicht.

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