Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erziehung mit Gewalt

Kinderheime waren über lange Zeit Orte, an denen Schutzbedürftigen großes Unrecht angetan wurde. Die Kinder wurden geschlagen und gedemütigt. Das war in staatlichen Einrichtungen so, das war aber auch in christlichen Heimen nicht anders. Die Diakonie Württemberg hat die Geschichte ihrer Kinderheime jetzt bis zum Aufbruch in den 1970er Jahren aufgearbeitet. 


In den Heimen waren die Kinder als ­Arbeitskräfte ­gefragt, wie hier beim Torfstechen. Damit wurde im Winter geheizt.  (Foto: Landeskirchliches Archiv)

„Wenn Du nicht gut tust, kommst Du ins Heim!“ Der Theologe Friedrich Schweitzer, Jahrgang 1954, erinnert sich in seinem Nachwort zu dem jetzt erschienenen Buch „‚Meine Seele hat nie jemanden interessiert‘ – Heimerziehung in der württembergischen Diakonie bis in die 1970er Jahre“ daran, dass er zwar nicht genau wusste, was in diesen Heimen passierte. Aber dass es den Kindern dort nicht gut ging, das war klar – sonst wäre der Satz auch keine so nachdrückliche Drohung gewesen.

Tatsächlich waren Kinderheime noch bis in die 70er Jahre vor allem Aufbewahrungsstätten, aber keine pädagogischen Einrichtungen. Die Kinder,  die oftmals im Elternhaus schon vernachlässigt wurden oder als Waisen oder Halbwaisen in den Einrichtungen der Diakonie landeten, wurden dort geschlagen, waren demütigenden Disziplinierungsmaßnahmen ausgesetzt und bekamen wenig oder keine Zuwendung zu spüren. Aufgewachsen am Rande des Gesellschaft, haben viele der Heimkinder auch später ihren Platz im Leben  nicht gefunden.

„Man hat uns die Zukunft genommen, ich fühle mich wie ein Zombie. Wer bin ich, welche Talente habe ich? Was wäre aus der kleinen Iris geworden, wenn mir das alles nicht passiert wäre?“ Das fragt Iris Schäfer, die 1958 geboren ist, und vom dritten bis zum 14. Lebensjahr in verschiedenen Heimen aufgewachsen ist. Sie hat dabei sadistische Misshandlungen und auch Vergewaltigungen erlebt. Die Täter wurden dafür nie belangt.

Iris Schäfer ist eine von mehreren Betroffenen, die in dem Buch der Diakonie ausführlich zu Wort kommen.  Dass den ehemaligen Opfern ein Forum gegeben wird, ist eine große Stärke des Buchs. Die Geschichten der gequälten und vereinsamten Kinder gehen unter die Haut. „Diese Aufarbeitung ist ein schwer verdauliches Dokument vom Versagen kirchlicher Institutionen gegenüber den uns anvertrauten Kindern“, sagte Oberkirchenrat und Diakonie-Chef Dieter Kaufmann bei der Vorstellung des Heimerziehungsbuchs.  

Die Diakonie Württemberg ist kein Vorreiter in der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.  2009 hat sich der „Runde Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ im Auftrag der Bundesregierung auch um finanzielle Entschädigung bemüht, den Anstoß dazu haben ehemalige Heimkinder gegeben. Die Karlshöhe in Ludwigsburg hat schon vor zehn Jahren dokumentiert, was Kindern in ihrer Einrichtung widerfahren ist und sich bei den Betroffenen entschuldigt. Auch die Zieglerschen in Wilhelmsdorf und die Reutlinger Bruderhaus Diakonie haben sich ihrer Geschichte gestellt.

Wie schwierig das sein kann, zeigt der Dauerstreit in Korntal: Dort haben sich die Betroffenen auch untereinander entzweit, an dem Zwist zwischen Brüdergemeinde und den unterschiedlichen Gruppierungen der Opfer sind schon zwei Mediatoren gescheitert. Derzeit arbeiten sich der Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger und die ehemalige Richterin Brigitte Baums-Stammberger durch die Akten und befragen die ehemaligen Heimkinder. Dass diesen nicht nur nur körperlich, sondern auch seelisch Gewalt angetan wurde und dass dies nicht nur bei Einzelnen geschah, steht schon jetzt fest. „Es war ein System, das Kinder im Prinzip erniedrigen wollte. Das Kinder züchtigen wollte, weil nur dann den Kindern die Sünde ausgetrieben werden kann“, sagte Benno Hafeneger in einer Sendung der ARD im Mai dieses Jahres.

Der Frage, welches System hinter den erschreckenden Zuständen in den christlichen Kinderheimen in Württemberg in der Nachkriegszeit gesteckt hat, sind auch die Autoren des Diakonie-Buchs nicht ausgewichen. Die Historikerin Inga Bing-von Häfen hat darin die Geschichte und den geistigen Hintergrund der Kinderheime von den Anfängen im frühen 19. Jahrhundert bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet.

Die ersten sogennanten Rettungshäuser für Waisen und Kinder aus ärmlichen Verhältnissen  waren einerseits Ausdruck christlicher Nächstenliebe,  standen zu Beginn des 19. Jahrhunderts aber auch im Zeichen der Sozialdisziplinierung: Hier sollten treue Untertanen und Arbeiter erzogen werden. Die „Hausväter“,  oftmals Pfarrer, manchmal Lehrer, übernahmen dabei stellvertretend die Rolle des strafenden Gottes. Die körperlichen Züchtigungen wurden durch die grundsätzliche Sündhaftigkeit des Menschen gerechtfertigt. Statt Erziehern arbeiteten in den Rettungshäusern „Aufseher“ –eine verräterische Wortwahl.

Die reformpädagogischen Bewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden in den christlichen Kinderheimen nur geringen Widerhall, vollends erstickt wurde dieses zarte Pflänzchen durch den Nationalsozialmus. Rund die Hälfte der diakonischen Einrichtungen wurde nach 1933 verstaatlicht. Diese Heime wurden nach 1945 zwar an die Kirchen zurückgegeben. Doch die Nachkriegszeit stand weniger im Zeichen der Erneuerung als des Mangels. Es fehlte an allem: an Nahrung, an Kleidung, an geeigneten Bauten und an ausgebildetem Personal. Über 40 evangelische Kinder- und Jugendheime entstanden in Württemberg, in denen bis zu 4000 Kinder betreut wurden, darunter auch viele Kriegswaisen und Kinder, die auf der Flucht ihre Eltern verloren hatten. 1948 waren 60 Kinder einem Betreuer zugeteilt.

Die heillose Überforderung der Erzieherinnen und Erzieher hatte oft genug Gefühlskälte, aber auch Brutalität gegenüber den Schutzbefohlenen zur Folge. Dass sexuelle Übergriffe teilweise bekannt waren, aber nur selten geahndet wurden, gehört zu den dunkelsten Seiten der Geschichte der diakonischen Heimerziehung.

Erst der gesellschaftliche Aufbruch in den 60er Jahren hat die Struktur in den Heimen grundsätzlich in Frage gestellt. Die Kritik an den immer noch praktizierten Schlägen wie auch an der mangelnden Vorbereitung der Kinder auf das Leben außerhalb der Institution Heim wurde von Praktikanten und Ersatzdienstleistenden geäußert.

Aber auch die Einrichtungen selbst machten sich auf den Weg: 1970 wurde bei einer Tagung aller württembergischen diakonischen Heimleiter das Wildbader Memorandum entwickelt – ein Meilenstein. Die Forderung nach mehr Personal und der Stärkung von Elternkompetenz, der Ruf nach einer Demokratisierung des Heimlebens hat  die evangelischen Einrichtungen seitdem grundlegend verändert.

Buch-Tipp im Shop

Diakonisches Werk Württemberg (Heraus­geber): Meine Seele hat nie jemanden interessiert. Heim­erziehung in der württembergischen Diakonie bis in die 1970er Jahre. Veerlag und Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft 2017. 279 Seiten, 29,95 Euro.

ISBN 978-3945369-432.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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