Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Es ist Zufall, wen es trifft“

UNTERENSINGEN (Dekanat Nürtingen)/ULM – Der Militärseelsorger Thomas Thiel, früher Gemeinde­pfarrer in Unterensingen, war im vergangenen Jahr als Militärpfarrer in Afghanistan. Dieser Einsatz hat auch seinen Glauben verändert. Darüber spricht er auch in einem Vortrag. 


Thomas Thiel war viereinhalb Monate lang als Militärseelsorger in Kabul im Einsatz. (Foto: privat)

Thomas Thiel verweigerte den Wehrdienst und studierte Theologie. Ironie des Schicksals, dass er jetzt als Militärpfarrer tätig ist und vor kurzem von einem viereinhalbmonatigen Afghanistan-Einsatz zurück kam? „Nein“, sagt Thomas Thiel, der 20 Jahre lang als Gemeindepfarrer tätig war. „Ich wollte mit Menschen in Grenzsituationen reden und nicht über sie.“

Mit solchen Menschen bringt ihn seine jetzige Tätigkeit im Militärpfarramt II am Ulmer Bundeswehrkrankenhaus (BWK) ständig in Kontakt: 200 Soldatinnen und Soldaten hat er zu betreuen; für Ärzte und Ärztinnen, Pflegende und Patienten ist er Ansprechpartner. Etwa 200 Patienten sterben jährlich im BWK. Jeden Tag spricht er mit Menschen, die nicht wissen, was morgen sein wird.

Die Zeit in Afghanistan habe ihn persönlich und auch seinen Glauben verändert, sagt Thomas Thiel. Was jedoch nichts mit den Fragen zu tun habe, ob der militärische Einsatz in Afghanistan generell in Ordnung war. Sein Aufgabengebiet ist das Gespräch mit den Soldaten, die nach Afghanistan geschickt wurden, meist, ohne sich das ausgesucht zu haben. Jeder kann zu ihm kommen – vom einfachen Soldaten bis zum General. Mit jedem kann er auf der gleichen Ebene sprechen.

Kaum Kontakt

Mit der Zivilbevölkerung in Kabul sei es dagegen fast nicht möglich gewesen, in Kontakt zu kommen: „Es ist ausgeschlossen, mit den gepanzerten Fahrzeugen in der Stadt anzuhalten und auszusteigen. Das ist viel zu gefährlich.“ Menschen aus Afghanistan begegneten Thiel fast nur dann, wenn sie im Camp arbeiteten. Oder bei der Wiedereinweihung einer Schule, die eine Fahrstunde von Kabul entfernt liegt. Die evangelische Kirchengemeinde Ulm-Wiblingen hatte Geld für die Renovierung dieser Schule vorgestreckt. „Um die Schule wurde davon auch eine Mauer gebaut“, berichtet Thiel. „Andernfalls schicken afghanische Eltern ihre Töchter nicht dorthin. Für Mädchen ist es sonst zu gefährlich.“

Fast jeden Tag Tote

Thiels Erfahrungen gehen unter die Haut. „Es gibt fast jeden Tag Tote in Kabul“, sagt er. „Pro Woche sterben in Afghanistan 70 Soldaten im Auslandseinsatz; dabei ist es völlig egal, welche Uniform der Soldat trägt. Wen es trifft, das ist zufällig, und man weiß: Es hätte auch mich treffen können. 10.000 Menschen kamen im letzten Jahr durch Bomben und Raketenangriffe ums Leben.“

Wie ging er mit der ständigen Gefährdung des Lebens um, auch des eigenen? „Man denkt in der Extremsituation über sich selbst nach und über seine Beziehungen. Man kommt mehr zu sich, herausgelöst aus allem, was sonst das Leben ausmacht.“

Die Begegnungen mit den Soldaten aus allen Ländern, aber auch mit den Zivilisten haben Thomas Thiel während seines Einsatzes in Afghanistan fasziniert: „Im Camp sitzt der Soldat aus der Türkei neben dem aus den USA, der Mongole neben dem Kanadier. Soldaten aus 30 Nationen essen miteinander und reden Englisch, oder mit Händen und Füßen.“ Keine Vorbehalte, keine Vorurteile.

Angst vor dem Fremden

Es muss die Angst vor dem Fremden im Menschen sein, das den Menschen in Hass und Kriege treibt, vermutet Thiel. „Wenn man mit jemandem gesprochen und – noch mehr – mit ihm gegessen hat, würde man nie mehr auf ihn losgehen. Wenn man den anderen als Menschen wie ich selbst wahrgenommen hat.“ Über diesen zwischenmenschlichen Begegnungen habe sich auch sein Glaube verändert, resümiert Thiel: „Ich habe begriffen, dass es Gotteserfahrungen sind, wenn Menschen einander begegnen. Wenn ich einem anderen Menschen in die Augen schaue, leuchtet mir Gott entgegen. Es kommt nicht darauf an, welcher Religion dieser Mensch angehört. Gott ist Mensch geworden. Deshalb begegnen wir ihm im anderen Menschen.“



  • Am 21. April, um 19.30 Uhr, berichtet Thomas Thiel in Unterensingen im Gemeindehaus über seine Zeit in Afghanistan.

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