Christliche Themen für jede Altersgruppe

Forschen im Flüsterton

STUTTGART – Wen das Ahnenfieber packt, der findet den richtigen Platz dafür im Landeskirchlichen Archiv. Auf den Spuren von adligen Vorfahren oder auf der Suche nach den Großeltern forschen manche hier viele Jahre lang. Was fesselt sie bloß derart?


Das Tübinger Totenbuch von 1737–1766. Zu sehen ist das handgemalte Gedenkblatt für die am 8. Oktober 1749 verstorbene Sibylla Regina Canz, Ehefrau des Theologen und Philosophen Israel Gottlieb Canz. (Foto: Christof Schrade)

Seit zehn Jahren kommt Karlheinz Eckstein jede Woche für einen Tag ins Landeskirchliche Archiv nach Stuttgart, um Ahnenforschung zu betreiben. Bald wird er 75. Er wird weiterforschen, so lange es etwas zu entdecken gibt. Wen der Virus der Familienforschung einmal gepackt hat, den scheint er nicht mehr loszulassen. Archivarin Birgitta Häberer betreut die Familienforscher im Archiv: „Bisher habe ich nur ein einziges Mal erlebt, dass einer gesagt hat: ‚Jetzt bin ich fertig mit meiner Forschung.‘ Alle anderen recherchieren immer weiter.“

Wie wird man zum Familienforscher? Was treibt einen an? Nicht wenige der Hobbyforscher, meist Männer im Ruhestand, gehen einem vagen Hinweis nach, sie hätten adlige Vorfahren. Andere wollen einfach einen schönen Stammbaum haben, der möglichst weit zurückreicht. Das sind die „Datenjäger“, wie Birgitta Häberers Kollege Michael Bing sie nennt.

Dann gibt es noch die „Weihnachtsund Osterforscher“. An den Festtagen kommt die Familie zusammen, man redet über alte Zeiten, fragt, woher die Groß- und Urgroßeltern stammen – und landet irgendwann im Landeskirchlichen Archiv, zumindest, wenn man evangelische Vorfahren aus Württemberg hat. Warum gerade dort? Hier sind sämtliche ältere Kirchenbücher verwahrt, vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Nur in diesen Büchern wurden Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen verzeichnet: Sie waren bis zur Einrichtung der staatlichen Standesämter im 19. Jahrhundert die maßgeblichen öffentlich-rechtlichen Urkunden.

Karlheinz Eckstein hat nicht nach hochgeborenen Vorfahren gesucht. Eine junge Verwandte aus Amerika hat sich für ihre Herkunft interessiert. Er begann zu forschen und stieg hinab in die lange Reihe seiner Vorfahren bis ins 16. Jahrhundert. Ein halbes Jahrtausend seiner Familie aus Öhringen hat er dokumentiert: „Ich bin jetzt in der 13. Generation.“ Er hat durch seine Forschungen Verwandte in Nah und Fern gefunden, von denen er nichts wusste. Der Postdirektor i.R. hat sich mit Ortsgeschichte, Kirchen- und Sozialgeschichte beschäftigt. Er hat die alte deutsche Schrift gelernt, um handschriftliche Quellen entziffern zu können. Er ist zu einem Spezialisten geworden, der sein Wissen gerne mit anderen Genealogen teilt.

Aber nicht im Mikrofilm-Lesesaal! Dort wird nicht einmal geflüstert. Vor riesigen, geheimnisvoll grünlich leuchtenden Kisten, die wie alte Röhrenfernseher aussehen, sitzen die Forscher und vertiefen sich in die alten Handschriften – allerdings nicht in die wertvollen Originale, sondern in Mikrofilme, die in jahrzehntelanger Arbeit angefertigt wurden.

Viele hier drin kennen sich seit Jahren. Da gibt es die „Ulmer Gruppe“, die kommen immer zu viert. Es gibt den beinahe 90 Jahre alten Forscher, nach dessen Gesundheit sich die andern erkundigen, wenn er mal an seinem Tag nicht da ist. Alle, die hier zwar hobbymäßig aber doch ernst und zielstrebig arbeiten, profitieren von drei großen Vorteilen des Archivs: vom intensiven Austausch untereinander, von der Betreuung durch die Archivarinnen und Archivare, denen man auch die kniffligsten Fragen stellen kann, und von der Zentralbibliothek der Landeskirche, die unter demselben Dach untergebracht ist und jedes Buch enthält, das sich ein Genealoge nur wünschen kann.

Doch das Mikrofilm-Lesezeitalter geht definitiv zu Ende, seit alte Urkunden und Akten digitalisiert werden. „Archion“ heißt das große Vorhaben, zu dem sich die meisten evangelischen Kirchen in Deutschland zusammengeschlossen haben. Ziel ist es, sämtliche verfügbaren Kirchenbücher online bereitzustellen. (siehe Kasten unten). Die etwa 500 Genealoginnen und Genealogen, die jährlich ins Archiv kommen, könnten künftig also ihre Forschungsarbeit am heimischen PC erledigen. Viele wollen trotzdem weiter kommen. Denn Austausch, Beratung und Bibliothek haben sie nur hier.

Im Laufe der letzten Jahre hat sich das Publikum verändert, haben Michael Bing und Birgitta Häberer festgestellt. Es kommen auch jüngere Leute – und sie kommen mit anderen Erwartungen. „Manche hoffen, dass sie an einem halben Tag einen Stammbaum zusammenbekommen. Dass wir uns neben sie setzen und ihnen die alten Kirchenbücher vorlesen. Oder dass wir ihnen gleich die Arbeit abnehmen.“ Doch der Ansatz des Archivs ist ein anderer und wird es auch nach der Digitalisierung bleiben. Die Archivare sind da, um aus neugierigen Zeitgenossen kompetente Forscher zu machen – nicht, um ihnen die Forschung abzunehmen. Deshalb bietet das Archiv regelmäßig Einsteiger-Seminare an. Man lernt das Lesen der alten Handschriften und die Benutzung von Archiv und Bibliothek.

Gleichwohl kann man gegen Gebühr, etwa, weil einem selbst der Weg nach Stuttgart zu weit ist, auch Recherchen in Auftrag geben. Manchmal müssen aber auch die Profis kapitulieren. Das Interesse von Nachfahren ehemaliger Württemberger in Amerika etwa wächst stetig: „Da kriegen wir dann bloß einen Namen – und sollen den Stammbaum rausfinden. Einen Ort wissen sie nicht mehr. Aber ohne Ort brauchen wir erst gar nicht anzufangen“, sagt Birgitta Häberer.

Die Archivarin weist nachdrücklich darauf hin, dass Familienforschung immer Zeit brauchen wird. Auch durch die digitalisierten Bücher muss man sich mühsam durcharbeiten. Jede Handschrift ist anders: „Es ist leider so, dass Schönschreiben noch nie eine Voraussetzung war, um in den Pfarrdienst zu kommen.“ Doch umso größer ist die Freude, wenn man der Klaue eines Dorfpfarrers aus dem 17. Jahrhundert doch noch einen Namen entlocken kann.

Information

Vor einem Jahr wurde „Archion“ offiziell gestartet. Die Evangelische Kirche in Deutschland und bisher elf evangelische Landeskirchen haben eine Firma mit Sitz im Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart gegründet, die Kirchenbücher online bereitstellt. Noch sind nicht alle der vielen tausend Kirchenbücher einzusehen, aber Archivar und Archion-Geschäftsführer Harald Müller-Baur (Foto) rechnet damit, dass im Lauf des Jahres die Digitalisierung abgeschlossen werden kann.

Die Zahl der Nutzer, die aus aller Welt kommen, wächst stetig. Will man die „Digitalisate“ nutzen, also eine Doppelseite als pdf-Datei auf dem eigenen Computer speichern, wird es kostenpflichtig. Harald Müller-Baur empfiehlt Anfängern, einen „Monatspass“ für 19,90 Euro zu erwerben. Das Portal lebt davon, dass die Forscher sich austauschen  teilen. Müller-Baur: „Das ist die Demokratisierung des Archivwesens.“

Im Internet: www.archion.de

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