Christliche Themen für jede Altersgruppe

Fremde sollen Freunde werden

LEONBERG – Im  Hoffnungshaus Leonberg wohnen und leben Flüchtlinge und Deutsche unter einem Dach. Zwar in eigenen Wohnungen, aber dennoch Tür an Tür. Sie teilen dabei auch ihren Alltag – ein wichtiger Schritt zur Integration, wie die Hausleiter finden.


Omar, Lubna und Ihre Kinder kommen aus Syrien und leben jetzt in Leonberg. (Foto: Brigitte Jähningen)

Rasch die Töchter geschnappt, auf der Couch neben Mutter und Vater plaziert, freundlich in die Kamera geschaut, fertig ist das Foto. Lubna, Omar und ihre Kinder kommen aus Syrien; seit wenigen Wochen leben sie im Hoffnungshaus in Leonberg. Hier, sagt Lubna, ist alles so viel angenehmer als in einer Flüchtlingsunterkunft: eigene Küche, eigenes Bad, Intimität. Acht abgeschlossene Wohnungen für bis zu 36 Bewohner gibt es hier. Derzeit sind es 17 Einheimische, 19 Flüchtlinge, insgesamt 14 Kinder. Sie teilen Alltagsfreundlichkeit, Gastfreundschaft und helfen einander. Im Untergeschoss gibt es Platz für Kinderspiel, Begegnung, Lernen.

Lubna, die arabisch und englisch spricht, lernt jetzt deutsch. „Ich verstehe mehr als ich sprechen kann“, nennt sie das Dilemma jedes Sprachschülers. Sie vermisst ihre Eltern. „Wir telefonieren jeden Tag“, sagt Lubna. „Ich wünsche mir eine friedliche Zukunft für meine Kinder“, sagt Omar, ihr Mann. Der war in Syrien Autolackierer, büffelt derzeit an fünf Tagen pro Woche die deutsche Sprache.

300 Flüchtlinge waren bisher in Leonberg vor allem in Turnhallen untergebracht, manche in Hotels und anderen Unterkünften. Dass ein privater Investor wie die Stiftung Hoffnungsträger sich für Flüchtlinge engagiert, ist neu im Ort. „Die Stiftung wurde von Tobias Merckle gegründet, es ging dem Initiator um den Schutz des Lebens“, sagt Thomas Röhm. Röhm, gelernter Schreiner, Vater von vier Kindern und mit der Familie die letzten zehn Jahre in Chile tätig, teilt sich den Hausleiterposten mit seiner Frau Angelika. „Die Kinder gehen morgens gemeinsam aus dem Haus, die einen zum Kindergarten, die anderen in die verschiedenen Schulen“, sagt Angelika Röhm.

Ja, die ersten Wochen und Monate seien anstrengend, für die Flüchtlinge sei schließlich alles neu in der Gesellschaft und sie brauchten natürlich die Unterstützung derer, die sich auskennen. „Auch wenn das intensive Zusammenleben Tür an Tür manchmal bis an die Grenze geht, sind wir überzeugt, dass nur in dieser Intimität Integration gelingen kann“, sagt sie.

Ein Sozialpädagoge, ein Sprachlehrer, eine Praktikantin und ein junger Mann im Freiwilligen Sozialen Jahr sind neben den Röhms für die Betreuung und Bildung zuständig. Außerdem müssen die deutschen Bewohner sich mit dem Unterschreiben des Mietvertrages für zehn Stunden im Monat verpflichten, sich ins Projekt einzubringen. „Sie wollen alle etwas geben, egal, ob Gitarrenunterricht oder selbstgebackenen Kuchen“, sagt Angelika Röhm. Finanziert wird das Leben im Hoffnungshaus, das als Pilotprojekt für weitere Standorte gilt, über die Stiftung Hoffnungsträger und die Stiftung Baden-Württemberg.

Afghavan war zehn, als sie Afghanistan verließ. Mit ihrer Familie flüchtete das Mädchen auf dem Landweg in die Türkei, von dort mit dem Boot nach Griechenland. „Wir sind viel gelaufen“, sagt Afghavan und hängt an diese Auskunft eine Handbewegung an, die soviel sagt wie „es ist vorbei.“ Sehr aufrecht sitzt die grazile 12-Jährige auf der Couch. Die Mutter und das jüngst geborene Baby schlafen, auch der jüngere Bruder wird während des Gespräches nicht eine Minute lang wach. Ja, die Flucht war schwierig, aber nun sind sie ja in Deutschland, wo sie sich sehnlichst wünscht, Ärztin zu werden. Der Start in das neue Leben ist schon geschafft: Afghavan spricht nach nicht einmal zwei Jahren ein wortgewandtes Deutsch.

Inzwischen lernt auch der Vater die deutsche Sprache und wird in Kürze ein Praktikum beginnen. Wann immer es die fünf Kinder zulassen, ist auch die Mutter beim Sprachkurs. Manchmal, sagt Afghavan, plagen sie Alpträume, böse Bilder von der Flucht. „Aber ich bete, dass wir in Deutschland bleiben können“, sagt sie und fragt noch kurz Thomas Röhm, wann der neue Schrank käme und ob er ihn aufbauen helfe. „Wir müssen Afghavan entlasten, sie übernimmt zu oft die Rolle der Mutter“, sagt Angelika Röhm. Das ist so ein Moment, der aufblitzen lässt, worum es im Leonberger Hoffnungshaus geht: Verantwortung zu übernehmen für den neuen Nachbarn, sich um seine Probleme zu kümmern und nicht nachzulassen in der Fürsorge für den Einzelnen.

Information zur Stiftung Hoffnungsträger

Die Stiftung Hoffnungsträger gibt es seit 2013. Nach eigenen Angaben setzt sie sich weltweit für die Kinder von Strafgefangenen, für Versöhnung sowie für Flüchtlinge und Menschen in sozialen Brennpunkten in Deutschland ein – und für Projekte, die diese Anliegen unterstützen. Zum Stiftungsrat gehört neben dem Stifter und Unternehmerssohn Tobias Merckle auch dessen Mutter Ruth. Die Stiftung plant in Esslingen drei und im badischen Sinsheim ein weiteres Hoffnungshaus nach Leonberger Vorbild.

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