Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gnade vor Recht ergehen lassen

Die Rechtfertigung allein aus Glauben ist ohne Frage die zentrale Erkenntnis Martin Luthers. Von hier aus entfaltet sich die Theologie der Reformation. Die württembergische Landessynode hat deshalb im Reformationsjubiläumsjahr die Rechtfertigungslehre zu einem Schwerpunktthema gemacht. 


Der damalige Augsburger Annahof-Pfarrer Frank Witzel erinnerte 2009 an die Unterzeichnung der Gemeinsamen erklärung zur Rechtfertigungslehre zehn Jahre zuvor, im Jahr 1999. (Foto: epd-bild)


Ständig müssen sich Menschen rechtfertigen: Manager für ihre Entscheidung, Mitarbeiter zu entlassen, Familienfrauen dafür, dass sie ihre Kinder zu Hause großziehen und sie nicht einer Tagesmutter überlassen wollen, Fußballspieler dafür, kein Tor geschossen zu haben.

Im Mittelalter musste man sich vor allem vor einem rechtfertigen: vor Gott. Alles drehte sich darum, ihm zu genügen. Lebe ich richtig? Spende ich genug? Bete ich zu wenig? Äußere ich manchmal sogar laut meine Glaubenszweifel?

Erst als Martin Luther den Römerbrief neu interpretierte, änderte sich die Vorstellung vom Verhältnis zwischen Gott und Menschen. Gott war kein strafender Richter mehr, sondern ein barmherziger Gott, einer, der einen auffängt, wenn man sich fallen lässt, einer, der einen nimmt, wie man ist.

Heute spielt das kaum noch eine Rolle, weil für viele Religion keine Rolle mehr spielt. Das kann aber auch zu einer Unfreiheit führen. Wer nicht an Gott glaubt oder nicht glauben kann, der kann sich auch nicht in Gottes Arme fallen lassen. Dabei kann gerade heute in unserer schnelllebigen Zeit die Rechtfertigungslehre eine große Chance sein. Sie hat nach Auffassung von Karl Hardecker, Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der Landessynode, „das Potenzial, die Entwicklung, sich ständig rechtfertigen zu müssen, zu hinterfragen“.

Für Professor Christoph Schwöbel ist Luthers Erklärung zum Dritten Artikel im Kleinen Katechismus eine zentrale Aussage: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann.“ Dazu können wir nichts beitragen, sondern wir können das Geschenk nur entgegennehmen.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann kennt die einschlägigen Sätze der Unternehmensberater: „Wer sich rechtfertigt, macht sich klein“, „Rechtfertigung schwächt“. Kretschmann ist sich sicher: „Von Rechtfertigung wollen viele nichts mehr wissen.“

Er selber ist Katholik und schätzt die Rechtfertigungslehre. „Wenn ich als Politiker scheitere, scheitere ich noch lange nicht als Mensch“, sagte er. In seinem Vortrag „Zur Aktualität der Rechtfertigungslehre für unsere Gesellschaft“ sagte Kretschmann: „Gott macht den Menschen gerecht aus Liebe, ja völlig unverdient. Das hat für mich persönlich etwas sehr Befreiendes und Entlastendes.“

„Gott lässt Gnade vor Recht ergehen“, formulierte Kretschmann und sagte dann gleich hinterher, dass ein baden-württembergischer Ministerpräsident etwa einen Mörder begnadigen kann, der lebenslang hinter Gittern sitzt. Doch er wende dieses Modell selten an. Nicht einmal in fünf Fällen seiner Amtszeit hat er Gnade vor Recht ergehen lassen und verurteilte Straftäter begnadigt.

Als Katholik frage er sich dennoch immer wieder, ob wir uns nicht an unseren Taten messen lassen müssen. Zur Freiheit, davon ist er überzeugt, muss die persönliche Verantwortung kommen. Eine Konsequenz daraus sollte nach Ansicht des Ministerpräsidenten der Einsatz für die Freiheit aller Menschen sein. Aber letztendlich werde unser Tun und Lassen immer ein fragmentarisches Wirken sein, das „Gott dann zu einem Ganzen zusammenfügen wird“.

Vor dem pragmatischen Politiker Winfried Kretschmann sprach bei der Tagung in Reutlingen die politische Theologin Simone Sinn. Sie ist Studienleiterin für öffentliche Theologie und interreligiöse Beziehungen beim Lutherischen Weltbund. Ihr Anliegen ist vor allem die Verbindung von Theologie und Politik.

Politische Statements untermauerte Simone Sinn mit der Bibel, diesmakl mit dem Lobgesang Marias „Meine Seele erhebet den Herrn“ (Lukas 1,44–55). Das Magnificat bringe auf prägnante Weise das biblische Zeugnis von Gottes Barmherzigkeit zum Ausdruck.

Marias Lobgesang beschreibe, wie Gott heilsam in dieser Welt interveniert, indem er das Leben von Menschen verändere. Etwa in Vers 53 des Magnificats: „Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Simone Sinn ist davon überzeugt, dass die Gewissheit und Freude über Gottes Barmherzigkeit uns die Sorge um das eigene Heil nimmt und uns dazu befreit, uns den Armen zuzuwenden.

Gottes Barmherzigkeit sei aber nicht nur die Voraussetzung und der Ermöglichungsgrund, sondern auch der Orientierungsmaßstab für unser Handeln als Christen in der Welt. „Seid barmherzig, wie auch eurer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36).

Aktuelles Beispiel sind für Sinn die Vereinten Nationen: „Sie sind so schwach wie noch nie und die G-20 so unberechenbar wie noch nie.“ Die Auseinandersetzung mit der ökologischen Krise werde in den Hintergrund gedrängt zugunsten der Durchsetzung von Eigeninteressen. Deshalb brauche die Agenda 2030 der Vereinten Nationen die Unterstützung der Kirchen.

Und damit sind der pragmatische Politiker Winfried Kretschmann und die politische Theologin Simone Sinn wieder ganz eng beeinander.

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