Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Ich bin ein Fan von Luther“

Christiane Kohler-Weiß ist Reformationsbeauftragte der württembergischen Landeskirche. Andreas ­Steidel sprach mit ihr über die speziellen Herausforderungen für einen evangelischen Landstrich, in dem Luther persönlich gar nie war und dennoch in vielerlei Hinsicht seine Spuren hinterlassen hat.

Frau Kohler-Weiß, im Reformationsjahr 2017 richten sich alle Augen auf die Lutherstädte Wittenberg, Eisleben und Eisenach. Was haben wir in Württemberg zu bieten?

Christiane Kohler-Weiß: Das ist in der Tat eine Herausforderung, wenn man bedenkt, dass Luther, mit Ausnahme eines Kurzbesuchs in Ulm, hier bei uns nie war. Aber es ist auch eine Chance, wegzukommen von der reinen Historisierung, touristischen Vermarktung und eine inhaltliche Debatte zu führen.

Das heißt?

Christiane Kohler-Weiß: Das heißt, dass wir kein Geld für die Renovierung von Luther-Stätten ausgeben müssen, sondern es für andere Projekte einsetzen können. Ganz wichtig sind dabei die Klausurtagungen und Studientage der Kirchengemeinderäte, bei der sie sich mit der Theologie der Reformation beschäftigen. Das wird von der Landeskirche bezuschusst und hat Breitenwirkung.

Wie zugänglich sind die Texte Luthers eigentlich noch für heutige Menschen?

Christiane Kohler-Weiß: Das ist ein zweites Projekt, unsere Kampagne „Baden-Württemberg liest Luther“.  Dafür haben wir seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ in „Leichte Sprache“ übertragen lassen. Die Idee ist, dass kirchliche Gruppen andere Menschen einladen, um mit ihnen über Luther und seinen Freiheitsbegriff ins Gespräch zu kommen.

Was ist Ihnen persönlich denn beim Thema Reformation wichtig?

Christiane Kohler-Weiß: Die Theologie Luthers ist für mich eine Quelle geistlicher Inspiration. Und sie gibt Kraft, zum Beispiel die Kraft, über Veränderungen nachzudenken. Was bedeutet denn Freiheit für uns heute, wo sind die Dinge in unserer Kirche, die wir neu gestalten wollen? Da steckt eine Vision drin und vielleicht auch die Aufforderung, neue Dinge ohne Verlustängste auszuprobieren.

Wie sehen Sie denn die Person Martin Luther?

Christiane Kohler-Weiß: Ich bin ein Fan von ihm, ohne dass ich die Augen vor seinen dunklen Seiten verschließe. Sein Mut, seine Stärke, sein befreiender Spirit, der scharfe Blick auf den Menschen, das ist bewundernswert. Auch die Zartheit seiner Poesie und mancher Briefe berührt mich. Daneben gab es aber auch den schrecklichen Luther, dessen Verhältnis zur Gewalt ungeklärt war, den Antisemiten. Er war – wie wir alle – ein Sünder und Gerechter zugleich, ein Mensch, an dem man sich reiben und abarbeiten kann.

Wie muss man sich denn konkret die Arbeit einer Reformationsbeauftragten vorstellen?

Christiane Kohler-Weiß: Am Anfang ging es darum, konzeptionelle Schwerpunkte zu setzen und zu motivieren. Ich war in fast allen Kirchenbezirken, um für das Jubiläum zu werben. Dann geht es um den Kontakt zur EKD, zu den großen Kampagnen auf Bundesebene oder um den Auftritt Württembergs bei der Weltausstellung in Wittenberg. Die Konzeptions- und Motivationsphase ist nun aber vorbei, jetzt geht es um die Umsetzung aller Projekte und die großen Veranstaltungen.

Was kommt denn konkret auf uns zu?

Christiane Kohler-Weiß: Es ist ein richtiger ökumenischer Weg, den wir da gemeinsam gehen. Er beginnt mit dem Gottesdienst in Backnang am 31. Oktober 2016, an dem auch Katholiken und Mennoniten teilnehmen. Dann gibt es einen Bußgottesdienst am 12. März in Biberach. Am Pfingstmontag geht es um die weltweite Kirche und am 14. September feiern wir im Zeichen des Kreuzes in Schwäbisch Gmünd, da nehmen auch die Orthodoxen teil. Und am 23. und 24. September steigt dann die große Feier auf dem Schlossplatz mit Jugendwerk und Diakonie. Abschluss ist am 31. Oktober 2017 mit zwei Gottesdiensten in der Stiftskirche. Nicht zu vergessen die musikalischen Highlights, das Pop-Oratorium Luther am 21. und 22. Januar und das Landeskirchenmusikfest vom 14. bis 16. Juli.

Was, glauben Sie, wird bleiben vom Reformationsjubiläum? Der Feiertag ja nicht, der ist einmalig …

Christiane Kohler-Weiß: Ich freue mich erst mal darüber, dass der 31. Oktober 2017 ein gesetzlicher Feiertag ist. Man darf nicht immer alles auf einmal wollen. Ich denke schon, dass die öffentliche Wahrnehmung bleibt, dass Religion mehr ist als nur Gewalt und Fanatismus. Sie kann Demokratie, Frieden und eine Vielfalt der Kulturen fördern. Innerhalb der Kirche hoffe ich, dass wir verstärkt darüber nachdenken, ob wir das auch wirklich leben, was Luther angestoßen hat. Was bedeutet Reformation, Erneuerung für uns heute, das ist doch dabei die wichtigste Frage.

Am 17. November ist um 19 Uhr im Kursaal von Bad Cannstatt die Auftaktveranstaltung für das Projekt „Baden-Württemberg liest Luther“.

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