Christliche Themen für jede Altersgruppe

Im Rausch der Farben

STUTTGART- BAD CANNSTATT – Sie nennen sich „Cannstatter Stichlinge“ und pflegen eine alte Handwerkskunst: Das Quilten. Am 19. und 20. Oktober sind die Arbeiten der Frauen in der Stadtkirche zu sehen. Vom Erlös sollen neue Hörhilfen angeschafft werden. 

Gemeinschaftsquilt mit den Maßen 1,60 auf 1,30 Meter, der für den guten Zweck verlost wird. (Foto: Brigitte Jähnigen)

Was für eine Stofffülle! Was für ein Farb­rausch! Katrin Möller (52) braucht Material für einen neuen Quilt und greift in die Stoffballen. Seitdem die Frau aus der IT-Branche das Quilten (englisch quilt für Steppdecke) als Freizeitbeschäftigung entdeckt hat, kommt sie davon nicht mehr los. Eine Decke im Snail-Trail-Muster (wiederkehrend schneckenförmig) für die neugeborene Nichte war das erste Werk. Alle guten Wünsche für das Ungeborene hat sie hineingenäht.

Inzwischen werden es wohl mehr als 30 Decken sein, die Katrin Möller entworfen, genäht und in Ausstellungen auch in der Stadtkirche Bad Cannstatt präsentiert hat. Vielleicht war es ein Quilt der Fellbacherin, von dem Friederike Busch (32) so fasziniert war, dass auch sie das Quilten zur Leidenschaft machte. Vor vier Jahren kam die Zuffenhauser Bau-Ingeneurin zur Ausstellung in die Stadtkirche Bad Cannstatt, sah und staunte. „Früher hab ich geklöppelt und gestickt, ein Babyquilt mit Sternenmuster als Geschenk für die Nachbarin war mein erstes Nähwerk“, sagt Friederike Busch.

Die Bau-Ingeneuerin ist das jüngste Mitglied einer Gruppe, die sich „Cannstatter Stichlinge“ nennt und in der sich auch Katrin Möller einmal im Monat mit etwa 20 anderen Frauen unterschiedlichen Alters trifft. Gegründet hat die Gruppe vor 13 Jahren Uschi Schultz-Schwanitz (57). Wer die Quilts der Geschäftsfrau sieht, kommt ins Träumen und Nachdenken. Abstrahierungen von Gemälden des Jugendstil-Künstlers Gustav Klimt sind zu entdecken und manchmal auch theologisch-philosophische Themen.

Wenn vom äußeren dunklen Rand umgeben, in der Mitte des Quilts ein silberhelles Zentrum Assoziationen zu Tod und Auferstehung anregt, dann ist das auch so gewollt. „Eigentlich wollte ich Textil-Design studieren, doch dann kam es anderes“, sagt Uschi Schultz-Schwanitz. Dann hat sie Kunstgeschichte studiert, vier Kinder geboren und groß gezogen und immer mit Stoff gearbeitet. „Alle Tricks und Kniffe des Nähens hab ich von Klein auf bei unserer Hausschneiderin gelernt“, sagt sie. Beim Urlaub in den Niederlanden in einem Patchworkladen bekam die Geschäftsfrau den endgültigen Impuls fürs Quilten.

Quilts zu entwerfen und zu produzieren ist eine alte Handwerkskunst. Von China aus waren Quiltstoffe im ganzen Orient verbreitet. Kreuzritter nutzten den Stoff für Unterhemden. Sie brachten das Quilten zur Herstellung von Kleidung, Decken und Wandteppichen nach Europa. Frühe amerikanische Siedler, die aus Geldknappheit mit kleinsten Stoffstücken arbeiteten, führten das Quilten gemeinsam mit dem Patchwork zu einer bis heute gepflegten handwerklichen Kunstform. Die Quilts der Amischen, einer täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft, sind berühmt für ihre leuchtenden Farben.

„Quilts bestehen aus mindestens zwei, meist aber drei Stofflagen“, sagt Uschi Schultz-Schwanitz. Oben liege die Schauseite, auch Top genannt, die Zwischenlage bilde ein wärmendes Vlies aus Wolle, Baumwolle, Seide oder Synthetik. Die Rück- oder Unterseite bestehe meist aus einer Stoffbahn. Mit einer kurzen, dünnen Nadel werden die zwei oder drei Textilschichten mit möglichst kleinen Stichen zusammengenäht. „Wir arbeiten entweder mit der Hand oder mit der Nähmaschine“, sagt Katrin Möller.

Die eigentlich kreative und oft auch raffinierte Arbeit aber ist das Entwerfen der Muster und das Zusammenfügen der Farben. „Manchmal habe ich eine konkrete Vorstellung, manchmal lasse ich mich von der Intuition leiten“, sagt Friederike Busch. Manchmal verleitet das Quilten zum Meditieren, manchmal ist es eine strenge Herausforderung. Und erst, wer die Wunderwerke an Bildkraft und Präzision im Original gesehen hat, kann ermessen, wieviel geistiges Potential, Herzblut und Handwerkskunst in diesen speziellen Textilien liegt.

Alle zwei Jahre stellen die „Cannstatter Stichlinge“ etwa 20 Quilts aus ihrer Kreativwerkstatt in der Stadtkirche in Bad Cannstatt aus. In diesem Jahr wird die Ausstellung am 19. Oktober von 10 bis 18 Uhr und am 20.Oktober von 11 bis 17 Uhr stattfinden. Als Höhepunkt der Ausstellung wird ein Gemeinschaftsquilt mit den Maßen 1,60 Meter mal 1,30 Meter verlost. Den Erlös spenden die Stichlinge für die Anschaffung neuer Hörhilfen in der Stadtkirche in Bad Cannstatt.

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 47/2017

THEMA - Angst überwinden

Ausgabe 4/2017

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Soll man an Weihnachten aufs Schenken verzichten?
Ja.
Nein
Ich bin unentschieden.