Christliche Themen für jede Altersgruppe

Im Ruhestand etwas bewegen

Menschen, die in den Ruhestand gehen, haben Wissen gesammelt. Schade, wenn es einfach brach liegt. Gerhard Protze ist deshalb Senior-Experte geworden. Seit 2003 ist der Ravensburger für einen Ehrenamtsservice unterwegs und fördert in Deutschland und auch im Ausland die Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften. Ein Modell auch für andere Ruheständler. 

Viel in der Welt herum­gekommen ist Gymnasiallehrer Günther Dress (Foto: Hanna Eder)

Gerhard Protze ist gerne aktiv. Auch im Ruhestand packt der 70-Jährige gerne neue Aufgaben an. „Ich genieße es, neue berufliche Welten kennenzulernen, meinen Horizont zu erweitern und dabei meine Erfahrungen weiterzugeben“, erklärt Protze. Durch den Senior Experten Service (SES) hat er die Möglichkeit dazu.

Berufs- und Lebenserfahrung hat Protze reichlich. 21 Jahre arbeitete der studierte Maschinenbauingenieur und Betriebswirt in der Papierindustrie, danach war er vier Jahre Vorstandsvorsitzender in zwei mittelständischen Unternehmen mit jeweils rund 1500 Mitarbeitern. Seit 2003 hat die ehemalige Führungskraft insgesamt 18 Einsätze in Deutschland und im Ausland hinter sich gebracht.

Als Senior-Experte reiste er unter anderem nach Paraguay und Saudi-Arabien und bot Unternehmen und Nicht-Regierungs-Organisationen sein Know-how in Sachen Firmenorganisation an. Zudem ist der vierfache Vater Regionalbeauftragter des SES für den Raum Bodensee und Oberschwaben, und Ansprechpartner für Presse, IHK, Handwerkskammer, Unternehmen und interessierte Senioren.

Mit seinem Engagement steht Protze nicht allein. Beim SES sind mehr als 10?000 Senior-Experten im aktiven Ruhestand registriert, um ehrenamtlich tätig zu werden und weltweit Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. In Industrie- und Handwerksbetrieben sowie Organisationen oder in Kommunen stehen die ehemaligen Fach- und Führungskräfte mit ihrem Fachwissen aus über 50 Branchen zur Verfügung. Allein 2013 zählte der SES 1500 ehrenamtliche Einsätze im Ausland und 2200 in Deutschland. Heike Nasdala, Sprecherin des SES, zufolge sind die engagierten Senior-Experten im Schnitt 70,5 Jahre alt.

Im Wohnzimmer des Regionalbeauftragten Protze weist die einen Meter große Wasserpfeife auf sein Engagement hin. „Ein Geschenk aus Saudi-Arabien“, erläutert der Senior. In Saudi-Arabien war er gleich zweimal: „Ein Bauunternehmer benötigte Hilfe bei der Organisationsstruktur und wollte seine vier Söhne im Unternehmen unterbringen.“

In Paraguay half der Ravensburger einem Papiergroßhandel beim Con-trolling. Für die meisten Einsätze war er jedoch in Deutschland unterwegs. Diese führten den Experten in ganz unterschiedliche Branchen. „Vom Maschinenbau-Unternehmen bis zum IT-Geschäft, vom Versicherungsmakler bis zum Fahrradverleih war alles dabei“, erzählt Protze.

Seine Aufgabe sieht der Ruheständler hauptsächlich in der Beratung. „Ein Senior-Experte ist niemand, der entscheidet. Wir können unsere Erfahrungen nur als Anregungen weitergeben. Hilfe zur Selbsthilfe.“ Einen Vorteil der pensionierten Experten benennt Protze deutlich: „Als Berater arbeiten wir ehrenamtlich und haben daher keine Eigeninteressen. Das macht uns attraktiv.“

Dass die jeweiligen Unternehmen und Institutionen von seinem Einsatz profitieren, merkt Protze deutlich. „Oft ist es auch nur wichtig, dass wir Sicherheit geben können für Überlegungen, die ein Unternehmen schon hat“, ergänzt der Senior-Experte.

Auch Ruheständler Günther Dress aus Kempten ist mit Leidenschaft beim SES engagiert. Seit 2010 hat der 68-jährige ehemalige Gymnasiallehrer insgesamt acht Einsätze im Ausland hinter sich gebracht. Als Senior-Experte reiste er nach Mexiko, China, Rumänien, Bangladesch, Georgien, in den Libanon und bot Unternehmen und Nicht-Regierungs-Organisationen sein Know-how in Sachen Öko-Tourismus an.

Bei einer Tasse Kaffee erklärt der Wirtschafts- und Sozialgeograf, wie es zum ehrenamtlichen Engagement kam. „Schon immer bin ich gerne gereist, habe früher sogar für mehrere Jahre im Ausland gearbeitet“, so Dress. Schon vor seinem Engagement beim SES war Dress im Entwicklungshilfebereich tätig. Als Student ging er mit dem ASA-Programm (Arbeits- und Studien-Aufenthalte) nach Indonesien, in den 1970er Jahren arbeitete er im Auftrag des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik als Regionalplaner in Sumatra.

Für die Hanns-Seidel-Stiftung arbeitet er ab 1993 für drei Jahre erneut in Indonesien und baute dort unter anderem das Regionalbüro der Stiftung auf, um die Nachhaltigkeitspolitik zu stärken. Seine erste Tochter Daphne kam in Brasilien zur Welt.

Noch gut erinnert sich Dress an seinen ersten Einsatzort: Mexiko. Für ein staatliches Institut in San Augustin Tlaxiaca schulte er in einem Bildungszentrum rund 20 Teilnehmer – „vom Analphabeten bis zum Uni-Absolventen“ – im nachhaltigen Tourismus und erarbeitete ein Ökotourismuskonzept. „Zur Vorbereitung habe ich ein Semester an der Volkshochschule Spanisch gelernt“, erzählt Dress und fügt schmunzelt hinzu. „Vor Ort haben mir aber hauptsächlich meine Latein- und Englischkenntnisse geholfen.“

Besonders der Libanon, Zielland seiner sechsten Reise, reizte ihn. Als Berater und Trainer arbeitete Dress dort im November 2012 drei Wochen für die Nicht-Regierungs-Organisation Al-Shouf Cedar Society in einem Zentrum für Umweltbildung und half dabei, ein Aufforstungsprogramm auf den Weg zu bringen. „Das Schutzgebiet sollte das Umweltbewusstsein der Besucher schärfen und die letzten 3000 Jahre alten Zedern schützen“, berichtet Dress.

Wie die SES-Geschäftsführerin Susanne Nonnen betont, unterstützen die Senior-Experten im Ausland vornehmlich kleine und mittlere Unternehmen, öffentliche Verwaltungen, Kammern und Wirtschaftsverbände, soziale und medizinische Einrichtungen. „Und – immer häufiger – Institutionen der beruflichen Bildung“, erklärt die Geschäftsführerin. „Auch in Deutschland sind wir für Firmen und Organisationen da, die meisten Einsätze zuhause aber helfen jungen Menschen“, sagt Nonnen. Ganz besonders aber sucht SES derzeit Experten aus der Nahrungsmittelindustrie – Molkereifachleute, Bäcker und Konditoren, Brauer und Metzger – oder Chemie-Ingenieure oder Experten aus dem Gastronomiebereich sowie Berufsschullehrer und Ausbilder.

Seit 2006 unterstützt das Schulprogramm „Neue Impulse für Schüler“ Schulen in Nordrhein-Westfalen. Das Programm wird derzeit in anderen Bundesländern – darunter in Baden-Württemberg – ausgebaut. „Bei diesen Aktivitäten sind die Auszubildenden oder die Schulen unsere Auftraggeber“, sagt Nonnen.

Gerhard Protze plant in Ravensburg derweil seinen nächsten Auslandseinsatz: in einer Papierfabrik in Aserbaidschan. Die Kosten für den lokalen Transport, die Unterkunft und die Verpflegung werden wie bei jedem SES-Einsatz vom Auftraggeber übernommen. Für Protze sind seine Einsätze als Senior-Experte nicht mehr wegzudenken. Mindestens für die nächsten fünf Jahre will er sich weiter für den SES engagieren. „Für jeden, der seine beruflichen Erfahrungen nicht abschneiden und helfen statt belehren will, ist der SES das Richtige“, wirbt Protze. „Ich möchte einfach, dass meine Erfahrung anderen hilft!“¦

Information
Der SES ist eine der größten deutschen Ehrenamtsorganisationen für Fach-und Führungskräfte im Ruhestand. 1983 wurde der SES unter Obhut des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen. ?Seit Januar 2003 wird die SES GmbH von der SES-Stiftung getragen. Senior-Experten sind unter anderem in kleineren und mittleren Unternehmen und Einrichtungen der Berufsbildung und des Gesundheitswesens tätig, aber auch für Organisationen und Institutionen wie die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). In der Regel dauern die ehrenamtlichen Einsätze des SES im Ausland drei bis sechs Wochen, in Deutschland auch länger. Ein Senior-Experte kann auch zu Folgeeinsätzen angefordert werden. Wer sich als Experte meldet, muss allerdings im Ruhestand oder der Freistellungsphase der Altersteilzeit sein.

Mehr Informationen unter www.ses-bonn.de oder unter Telefon 0228-260900 und 0711-1222023

 

Andreas Malessa
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Wo geht die Reise hin? Spätestens 55+ tippt einem diese Frage energisch auf die Schulter. Die Kinder sind groß, der Beruf (bald) getan. Was erwartet einen noch? Obstbaumschnitt und Fernsehsessel? Natürlich nicht! Seit dem Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg, weiß man/n, dass die Ruhestands-Sache ganz anders läuft.  Und das es richtig gut laufen kann, das können Sie im Artikel oben lesen. UM

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