Christliche Themen für jede Altersgruppe

Im Zeichen der Ökumene

Am 31. Oktober geht das Reformationsjubiläum zu Ende. Wie nie zuvor stand es im Zeichen der Ökumene,  mit einem katholischen Bischof beim großen Fest in Stuttgart und dem Papst beim Lutherischen Weltbund in Lund. Doch auch in den Gemeinden hat sich viel getan: mit zahlreichen Aktionen und einem neuen Bewusstein dafür, was es heißt, evangelisch zu sein.

 

Katholisch und evangelisch zusammen: Landesbischof Frank O. July und Bischof Gebhard Fürst beim gemeinsamen Gottesdienst. Foto: Benny Ulmer

Der evangelische Pfarrer Rainer Köpf ging als Luther unter die Leute. Im Gewand des Reformators und mit seiner Frau Mechthild trat er als weinseliger Botschafter des Glaubens auf. Vergnügliche Abende mit allerlei Geschichten waren es und augenzwinkernden Anspielungen auf das Leben in Württemberg. Es durfte herzlich gelacht werden.

Über einen Mangel an Interesse konnten er und viele andere sich nicht beklagen. „Das Thema ist bei den Leuten angekommen“, sagt der Seelsorger aus Beutelsbach im Remstal. „Das, was vor Ort passiert ist, kam fast immer gut an“, lautet seine Bilanz. Ein echter Motivationsschub sei es gewesen für viele, und eine Gelegenheit, darüber nachzudenken, was die eigene Prägung und Identität ist.
Für Köpf war das Jubiläum „eine tolle Gelegenheit, das Evangelium unter die Leute zu bringen, ein Werkzeug der Verkündigung sozusagen, ohne dass er dessen Bedeutung überschätzen will: „Eine Erweckung war es sicher nicht, aber ein Impuls, sich intensiv Gedanken zu machen.“
Intensiv hat auch Peter Otterbach, Posaunenchorleiter und zweiter Vorsitzender des Kirchengemeinderats in Weikersheim, das Reformationsjubiläum erlebt. Seit sechs Jahren wohnt er dort, ist von Reutlingen im Ruhestand nach Hohenlohe gezogen.

„Jetzt habe ich hier vieles bewusst wahrgenommen und auch verstanden“ sagt er. Zum Beispiel, welch bedeutende  Rolle Graf Wolfgang von Hohenlohe-Weikersheim bei der Verbreitung des  Glaubens spielte.

Ähnlich erging es Gabriele Wittenzellner, zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats in Deckenpfronn (Dekanat Herrenberg). Viele Anregungen habe sie bekommen und sich mit zahlreichen Themen beschäftigt. „Man war gezwungen, sein Verhältnis zur katholischen Kirche zu überdenken. Und sich auf Gemeinsamkeiten zu besinnen, weil ja alle unter dem Bedeutungsverlust der Kirchen leiden.“
Im Gegensatz zu manch anderem hat Gabriele Wittenzellner auf einen Besuch in Wittenberg nicht verzichtet, sondern ist mit ihrem Mann dort hingefahren. „Es war sehr ruhig“, erinnert sie sich, „aber die Ausstellung der Landeskirchen interessant.“

Für Christiane Kohler-Weiß, Reformationsbeauftragte der Landeskirche in Württemberg, war das Jubiläum ein „großer Bildungsschub für all die, die sich interessiert haben“. Das Grundwissen, was es heißt, evangelisch zu sein, sei enorm gewachsen. Viele Kooperationen seien entstanden, es seien Kontakte geknüpft worden.

Gleichwohl geht sie nicht davon aus, dass auch die Menschen außerhalb der Kirche damit automatisch erreicht wurden: „In einer segmentierten, säkularen Gesellschaft ist das auch gar nicht möglich.“ Aber in den Bereichen Politik und Kultur habe sich eine Menge getan, „da sehen viele jetzt, was unsere freie Gesellschaft der Reformation zu verdanken hat“.

Überhaupt ist im Jubiläumsjahr in der breiten Öffentlichkeit deutlicher als je zuvor geworden, dass die Reformation im Allgemeinen und Martin Luther im Besonderen einen enormen Einfluss auf die deutsche Kultur hatte. Den Reformatoren ist etwa die Schule für alle zu verdanken. Luther hatte 1524 die Landesherren aufgefordert, christliche Schulen zu gründen. Alle sollten lesen können – das galt natürlich vor allem für die Bibel. Für Mädchen reiche ein Sparprogramm von einer Stunde Unterricht pro Tag.

Nachhaltig hat sich das Jubiläumsjahr auf die Ökumene ausgewirkt. Wieviel ökumenische Gottesdienste Landesbischof Frank Otfried July 2017 gemeinsam mit dem katholischen Bischof Gebhard Fürst gehalten hat, das hat er nicht gezählt. „Aber es waren so viele wie noch nie“, sagte July.
Ökumenische Fortschritte zeichneten sich schon vor gut einem Jahr ab. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, haben damals medienwirksam gemeinsam eine Pilgerreise nach Israel und in die Palästinensergebiete unternommen. Dieser kleinen Geste folgte eine große.

Am 31. Oktober 2016 fuhr Papst Franziskus ins schwedische Lund und hielt dort einen gemeinsamen Gottesdienst mit Vertretern des Lutherischen Weltbundes (LWB). Bei seinem historischen Besuch unterzeichnete Franziskus gemeinsam mit dem damalignen LWB-Präsidenten Munib Younan eine Ökumene-Erklärung. Darin gestanden beide die Verantwortung der Konfessionen für die nach der Reformation entstandenen Kirchenspaltungen ein.

Dieses Treffen war erhofft und auch gefürchtet worden. Denn noch gut im Gedächtnis der Kirchenleitungen war der verkrampft wirkende Besuch von Papst Benedikt vor sechs Jahren in Erfurt. Manche Protestanten hatten damals die Erwartung, dass es in Bezug auf das Abendmahl zu einer Öffnung komme. Doch die blieb aus.

Im Jubiläumsjahr ist alles  anders. Beim Reformations-Festival im September in Stuttgart haben Landesbischof July und der katholische Bischof Fürst gemeinsam die Brote gesegnet, die nach dem Gottesdienst an die Gottesdienstbesucher – mit Brotaufstrich (!) – ausgeteilt wurden. Ein Abendmahl war das natürlich nicht, aber es kam dem gemeinsamen Abendmahl schon ziemlich nah.
Und schließlich deutet auf eine Annäherung der Konfessionen auch der Prozess „Healing of Memories“ (Heilung der Erinnerungen) hin, auf den sich Protestanten und Katholiken verständigt haben. In Hildesheim hatte deshalb im März ein evangelisch-katholische Buß- und Versöhnungsgottesdienst stattgefunden. Katholiken und Protestanten dürfen nun auf die Annäherung 2018 gespannt sein

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