Christliche Themen für jede Altersgruppe

In der Stille den Puls spüren

STUTTGART – Die Stiftskirche. Das Wahrzeichen des evangelischen Stuttgart. Mitten in der Fußgängerzone gelegen, ist sie Anziehungspunkt für Touristen, Gäste und Christen aller Konfessionen. Und sie ist offen. Auch Werktags. Und für jeden hat sie etwas anzubieten.  

Im Chorraum finden die Kurzandachten statt. (Foto: Gemeindeblatt)

Die Königstraße. Es ist immer etwas los. Eben laufen drei indisch aussehende Schwestern an der Abzweigung Stiftstraße vorbei. An der Ecke neben dem noblen Bekleidungsgeschäft kauert eine Bettlerin, den Kopf auf das Pflaster gelegt. Tiefe Glockentöne raunen vom Turm der Stiftskirche. Wie als wäre es eine Antwort,  bimmelt es von der katholischen Domkirche herüber. Es beginnt zu graupeln, und die Tür zur Stiftskirche lädt nicht nur zum Mittagsgebet ein, sondern auch zum Schutz vor dem Wetter. Atempause.

Eine riesige Halle empfängt den Besucher. Wo wohl die Mittagsandacht stattfindet? Ein freundlicher Mann reicht einem am Fuße des Chorraums ein Gesangbuch. Hier muss es sein.

Auf den blau-grauen Holzstühlen lässt es sich bequem sitzen. Die roten Kirchenfenster strahlen eine angenehme Wärme aus, etwas unbehaglich wirken die Standbilder der württembergischen Grafen mit ihren Rüstungen und Schwertern auf der linken Seite.

Die Orgel hebt an. Diakon Wolfgang Nebel spricht über den Wochenspruch: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ (Lukas 13,29). "Der Glaube ist stark", interpretiert Nebel diesen Satz. "Auch über den jüdischen Glauben hinaus." Aber auch dieser Aspekt steckt darin: Flüchtlinge kommen von Süden und Westen zu uns. "Sind wir großzügig? Bieten wir ihnen Platz?" Stille.

Ein Lied, das Vaterunser, der Segen und ein Orgelnachspiel. Dann verlassen die rund 20 Menschen den Chorraum. Draußen geht erneut ein Graupelschauer nieder. Während weit entfernt Mundharmonika- und Klarinettenklänge von der Königstraße herübertönen, ist in der Stiftskirche immer wieder das regelmäßige Öffnen der Türe zu hören. Ein Ehepaar mit Einkaufsbeutel nähert sich, im Chorraum betrachtet eine Gruppe von Frauen die Fenster. Eine der ehrenamtlichen Kirchenwärterinnen beantwortet ihre Fragen. Ein Mann liest in der Bibel, die auf dem Altar aufgeschlagen ist. Eine jüngere Frau studiert die Bilder auf der spätgotischen Goldenen Kanzel.

Die Kirchenwächterin erläutert gerade die roten Fenster: In der Mitte ist die Passionsgeschichte dargestellt, links und rechts davon jeweils die Offenbarung und das Jüngste Gericht. "Das ist eine Wissenschaft für sich, diese Fenster", sagt sie zu den interessiert zuhörenden Frauen, während ein Englisch sprechender Vater seinem Sohn auf die Grafen deutend erklärt: "Here are the kings" – das sind die Könige.

Plötzlich ist der Kirchenraum leer. Nur die Kirchenwächterin ist noch da. Seit 2009 übt sie dieses Ehrenamt aus, erzählt sie. Einmal in der Woche drei Stunden. Die Stiftskirche sei ihre geistige Heimat, dort sei sie konfirmiert und getraut worden. Die Leute kämen immer noch aus dem Umland, um "einen Besuch in der Residenz zu machen". Manche hatten zuvor das Landesmuseum besichtigt und freuen sich, wenn sie hier weitere Details hören. Spannend für sie selbst seien die Touristen. Aus Kanada, Amerika, Russland. Sogar aus der Mongolei habe sie einmal jemand angesprochen.

Manche suchten aber auch einfach nur die Ruhe, das kurze Durchatmen. Der Raum der Stille in der südlichen Seitenkapelle mit seinen tiefblauen Stockhausen-Fenstern ist dafür offen. In ihm können auch Kerzen angezündet werden, so wie das der junge Mann tut, der eiligen Schritts in die Kirche tritt, und dann, als die Flamme flackert, irgendwie beruhigt ins große Kirchenschiff geht.

Dass niemand in der Stiftskirche alleine gelassen wird, dafür sorgt Uwe Restin. Er organisiert den Dienst der rund 50 Ehrenamtlichen im Monat, die in der Kirche anwesend sind oder am Stand Informationsmaterial verkaufen. Drei Stunden pro Schicht sind vorgesehen, jeden Tag sechs Leute. Und wenn jemand ein Gespräch sucht und die Passantenseelsorge gerade nicht besetzt ist, dann stellt Uwe Restin auch schon mal den Kontakt zum Pfarrer her.

Der Seelsorge-Tisch steht unter dem Bogen der ehemaligen St.-Anna-Kapelle. Ein Tischchen, zwei Stühle, ein lilanes Tuch und ein Kerze. Pfarrer, Diakone oder andere in Beratung ausgebildete Menschen nehmen dort Platz. Gisela Ewald-Scheunert sitzt dort zwei Mal im Monat, seit acht Jahren. Sie sitzt dort, und wartet, ob jemand ihr Gespräch sucht. Sie hält die Augen offen für kleine Anzeichen der Hilfesuche. Absprachen trifft sie keine. Eine kontinuierliche Begleitung kann sie schließlich nicht anbieten. Es sind die zufälligen Begegnungen, die sich bei ihr ereignen.

"Manche schleichen fünf Mal um die Kirche herum, bis sie sich hereintrauen", erzählt Gisela Ewald-Scheunert, die als Familientherapeutin sowie Ehe- und Lebensberaterin bei der Diakonie gearbeitet hat. Bei anderen ergibt sich das Gespräch eher beiläufig. Und die Menschen bringen die ganze Bandbreite des Lebens mit: Todesfälle, Partnerschaftsprobleme, Arbeitsplatzsorgen. "Ich trage seit einem Jahr etwas mit mir herum und es lässt mir keine Ruhe", so hat ein Seelsorgesuchender das Gespräch begonnen.

Zu 50 Prozent verbringt Gisela Ewald-Scheunert übers Jahr gesehen die Zeit mit Warten, schätzt sie. Das gehört dazu. Was treibt Gisela Ewald-Scheunert seit acht Jahren an, in der Kirche auf Menschen zu warten? Es sei die Erfahrung, dass "Menschen etwas Zufälliges brauchen", sagt sie. Und sie sollen merken, dass sie in dieser Kirche willkommen sind.

Unverbindlich und anonym ist das Angebot der Seelsorge. Niemand fragt nach der Konfession. Manche erzählen es trotzdem. Eine Frau schlägt beim Eintritt in die Kirche das Kreuz und zeigt ihrem Kind, wie es geht. "Das macht man so, wenn man hereinkommt", sagt sie.

Ein Gespür braucht Gisela Ewald-Scheunert aber dafür, ob der Platz im Kirchenraum für das Gespräch der richtige ist. Für manche ist es wichtig, jederzeit aufstehen zu können. In manchen Fällen bietet Gisela Ewald-Scheunert an, in die Sakristei zu wechseln. Man muss aber frühzeitig fragen, weiß die Beraterin, sonst sei es schwer, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Dort im geschlossenen Raum könne sie dann intensiver mit jemandem sprechen.

In der Sakristei hält sich auch Stiftspfarrer Matthias Vosseler auf. Dienstag und Donnerstag ist er meist selbst als Atempause-Seelsorger in der Kirche. Für ihn sei es wichtig, dass die Kirche offen ist, sagt er und betont das Wörtchen "dass". Die Leute sollen hereinkommen und da sein, ohne dass es etwas kostet. Manche kämen auch aus ihrem Dorf hierher, um mit einem Pfarrer zu reden, der sie nicht kenne, und wo sie niemand aus dem Dorf beobachte, erzählt Vosseler.

Ein verlässlicher Ort ist für ihn die Stiftskirche, und unverwechselbar. Mitten im Hochbetrieb des Werktags betrete man in der Stiftskirche eine andere Welt. In der Tat: Manche beten, manche tippen etwas im Laptop. Ein Pärchen setzt sich in eine Seitenbank und gibt sich einen Kuss.

Damit dieser Ort so offen sein kann, braucht Matthias Vosseler neben den 50 Kirchenwächtern weitere 50 Mitarbeiter. Lohnt sich der Aufwand denn? "Ja", sagt Vosseler. "Wenn auch nur ein Mensch dadurch getröstet seinen Weg ziehen kann, dann hat es sich schon gelohnt." Matthias Vosseler legt daher Wert darauf, die Ehrenamtlichen gut zu begleiten. Eine wichtige Bedingung ist, dass Pfarrer und Diakone Zeit haben, um sich um die Mitarbeiter zu kümmern.

Gegen 16.30 Uhr fängt das Tageslicht an zu vergehen, die roten Fenster trüben sich ein. Um 17.15 Uhr wird dort im Chorraum noch einmal zum Kurzgottesdienst eingeladen. Etwa 30 Besucher sitzen wieder da, wie mittags hauptsächlich Männer.

Dass bei den Mittagsgebeten und Kurzgottesdiensten viele Männer dabei sind, hat Vosseler auch schon beobachtet. Viele seien alleinstehend, weiß er. Andere wiederum arbeiten in der Nähe und nutzen die Mittagspause oder den Feierabend. An diesem Abend singen sie "Vertraut den neuen Wegen". Hinten im Raum der Stille zündet eine Mutter mit ihrem Kleinkind eine Kerze an. Draußen vor der Tür weht ein kalter Wind. Die Bettlerin, die mittags auf dem Boden lag, mit dem Becher vor sich, kniet immer noch dort. Den Kopf auf der Straße. Die Königstraße pulsiert.

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