Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kinder lehren uns: Lebe jetzt!

Kinder leben im Hier und Jetzt. Das kann Konflikte mit der Erwachsenenwelt auslösen, in der Termine das Tempo vorgeben. Doch wäre es nicht viel sinnvoller, sich vom Rhythmus der Kinder verführen zu ­lassen, ihnen zuzuschauen, von ihnen auch zu lernen, dass Zeit nicht Geld ist? 

So vertieft ins Spielen können nur Kinder sein. (Foto: epd-Bild)


Ein kühler Vorfrühlingstag in einem Stuttgarter Park. Ein eineinhalbjähriger Knirps entdeckt einen Haufen Steine. Bauarbeiter müssen sie für irgendeinen Zweck aufgetürmt haben. Steine in der Größe zweier Erwachsenenhände, mittlere, so etwa ein Kilogramm schwer, kleine, gröberen Kieseln ähnlich. Etwa drei Meter entfernt befindet sich ein gemauertes Wasserbecken. Das Kind beginnt mit seiner Erkundung: Stein für Stein schleppt es – ächzend, stöhnend – vom Haufen zum Wasserbecken. Lässt die Brocken und Bröckchen ins Wasser plumpsen, lauscht den Geräuschen nach, die der Aufprall erzeugt. Das Kind lernt: Kleine Steine machen helle Geräusche, große dunkle. Und es spritzt so wunderbar!

Die Großmutter, die dabei steht, runzelt die Stirn, aber schweigt. Zu faszinierend wirkt das Tun des Kindes. Und es lässt sich auch nicht ablenken. Nach etwa zehn Minuten kommen zwei gut gekleidete ältere Ehepaare durch den Park spaziert, bleiben stehen, schauen. „Das ist ja ein köstliches Kind“, kommentiert der eine Herr und lächelt fein. Der Knirps „arbeitet“ ungerührt weiter. Erst als der Tag zu dämmern beginnt, schnappt die Großmutter das  inzwischen ziemlich nasse Kind und setzt es in den Kinderwagen. Singend fahren Knirps und Oma heim.

Die Fragen schleichen sich später ein: Hätte man das Kind mit Schippe und Förmchen auf einen ordentlichen Spielplatz bringen, ihm seine lustvolle Entdeckung verbieten sollen? Hätte man sein Tun frühzeitig unterbrechen müssen, weil es gar kein warmer Tag war und das Kind sich hätte erkälten können? Und für die Besorgungen war es auch zu spät geworden.

„Kinder leben im Hier und Jetzt und denken weder an die Zukunft noch an die Vergangenheit“, sagt der Psychologe und Humanbiologe Marc Wittmann. Zeit sei für sie ein dehnbarer Begriff in alle Richtungen. Die Zeitlosigkeit der Kinder sei biologisch bedingt, denn das gesamte Gehirn sei mit dem Lernen beschäftigt. Mit Beobachten, Entdecken, Tun. „Für zeitliche Dimensionen bleibt kein Platz“, sagt Wittmann. Die Zeitlosigkeit der Kinder ist magisch. Und faszinierend für Erwachsene, wenn sie es zulassen. Erinnerungen an die eigene Kindheit, an das Losgelöstsein von Zeit und Raum kämen auf. An eine Zeit ohne Uhr, ohne Smartphone, ohne Kalender und Termine.

Für Kinder funktioniert der Zeitbegriff anders. Für Kinder im Vorschulalter gibt es Spiel-, Essens- und Schlafphasen, die den Tag unterteilen. Sie zählen die Tage gerne mit  Bildern wie „noch einmal schlafen, und dann hab ich Geburtstag“. Erst wenn Kinder die Uhr lernen, beginnen sie, ein Gefühl für die Zeit zu entwickeln.

So intensiv sich Kinder in Situationen spielend verlieren können, so intensiv können sie ihre Eltern auch nerven. Ihr „wann sind wir endlich bei der Omi?“ erfordert mitunter ein Arsenal an Ideen, um die nötige Fahrzeit zu überbrücken. Dass aber auch das Zeitempfinden Erwachsener von einer Vielzahl von Faktoren abhängig ist, weiß die Wissenschaft durch drastische Krankheitsfälle oder Experimente, in denen sich die Zeit extrem gedehnt oder beschleunigt hat. In abgeschwächter Form kennt das Jeder: wenn man kurz einnickt, um anschließend hochzuschrecken.

Wenn das Zeitempfinden also ohnehin relativ und das Leben meistens lang ist (Neunzigjährige sind heute keine Seltenheit mehr), warum haben Erwachsene dann trotzdem das Gefühl, ihre Zeit reiche nie? „Es ist das Wissen um die Endlichkeit des Lebens“, schreiben die Autoren Corinna Budras und Pascal Fischer in ihrem Buch „Wer hat an der Uhr gedreht?“. Auch wenn Kinder dem Tod schon begegnet sind, haben sie die Fähigkeit, Traurigkeit schnell zu vergessen. Weil sie im Hier und Jetzt leben, sind Kinder in der Lage, Erwachsene zu trösten. Warum also nicht überhaupt von Kindern lernen? Unbefangen zu sein, mehr zu lachen, ehrlich mit sich selbst und anderen zu sprechen, sich ins „Nichtstun“ zu versenken, ohne auf die Uhr zu schauen. Kinder gibt es genügend zu beobachten: in der Familie, auf Spielplätzen, bei Aufführungen im Puppentheater. Kinder lehren uns: Lebe jetzt.


Franciska Bohl/ Andreas Steidel

Alles hat keine Zeit?

144 S., Broschur

14.95 €

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