Christliche Themen für jede Altersgruppe

Klatschbase trifft Lästermaul

Wenn Leute sich treffen und reden, dann reden sie gerne – über Abwesende. Das ist seit eh und je so. Wozu Klatsch nützt und wann er schadet, sagt Luthers mit dem Tratsch-Überblick

Bild: Coulourbox

Schau mal, wie die wieder aussieht!“ „Was hat der denn an?“ „Hast Du schon gehört, dass…!“ Immer und überall auf der Welt: Wo zwei Menschen zusammenkommen und reden, geht es fast immer um andere Menschen – Leute, die gerade nicht da sind. Kurzum: Es geht um Klatsch und Tratsch. Wo Menschen miteinander reden, wird auch übereinander geredet. Zwei Drittel, so schätzen Kommunikationsforscher, soll der Anteil von Reden über Abwesende in unseren täglichen Gesprächen ausmachen. Beim Dorfklatsch von anno dazumal war das nicht anders als in unseren modernen Kommunikationsformen wie den Sozialen Netzwerken oder der Boulevardpresse.

Es lebe der Tratsch!

Obwohl Klatsch und Tratsch eigentlich keinen guten Ruf hat, erfüllen sie doch wichtige gesellschaftliche Funktionen. Klatsch stärkt zum Beispiel die Hilfsbereitschaft in einer Gruppe, wenn er die Gesprächspartner vor unredlichen Leuten warnt. Und er beruhigt. Bei einem Spiel, das auf gegenseitigem Vertrauen basiert, haben Forscher der University of California in Berkeley getestet, wie Probanden auf Mitspieler reagierten, die schummeln. Bekamen die Zuschauer mit, dass einer der Mitspieler schummelte, um sich einen eigenen Vorteil zu verschaffen, erhöhte sich ihr Puls. Wenn sie anschließend die neuen Mitspieler vor dem Betrüger warnten, also über den unfairen Spieler tratschten, beruhigte das den Puls sofort wieder.

Klatschen fördert zudem die Leistungsfähigkeit: Nach einigen Minuten der Ablenkung und Kommunikation mit Kollegen werde die Konzentration bei der Arbeit wieder deutlich besser, stellt die Arbeitspsychologin Kathryn Waddington von der Universität London fest. Sie befragte 100 Krankenpfleger und -schwestern. Das Ergebnis: Tratschen zwischendurch bei einem Tässchen Kaffee hilft negative Gefühle loszuwerden, Dampf abzulassen und so Stress abzubauen. Und zusätzlich fördert der Tratsch den Teamgedanken der Gruppe.

Achtung: Klatsch wirkt!

Dass diese besondere Form der zwischenmenschlichen Kommunikation nicht wirkungslos bleibt, zeigt folgendes Beispiel. In einer Studie des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie stellten Forscher bei mehreren Tests mit Studenten fest: Auch wenn die Probanden über eine Person neutrale und sachliche Informationen hatten, ließen sie sich vom Gerede anderer in ihrer Meinungsfindung beeinflussen. Das kann positive und negative Folgen haben, denn, so zeigte sich, wenn die Gerüchte positiv sind, steigert sich die Bereitschaft zur Zusammenarbeit der Studenten mit dieser Person um etwa 20 Prozent. Umgekehrt gilt: Bei negativem Gerede sinkt diese Bereitschaft ebenso um 20 Prozent.

Mit Klatsch und Tratsch ist man immer auf einer Gratwanderung, denn leicht ist die Grenze zwischen nützlichem Tratsch und bösem Gerede überschritten. „Klatsch kann das soziale Gefüge angreifen, Gefühle verletzen, Ansehen und Beziehungen zerstören, Projekte verzögern und Karrieren beenden“, sagt der Psychologe Nicholas DiFonzo, vom amerikanischen Rochester Institute of Technology. Doch am Plöner Max-Planck-Institut haben Gruppen-Experimente gezeigt, dass der Mensch eine Art „Schutzmechanismus“ hat, der ihn davor bewahrt, jeden Quatsch blindlings zu glauben. „Starken Über- oder Untertreibungen in den Geschichten über andere Menschen haben die Probanden in unseren Untersuchungen nicht vertraut“, sagt Prof. Dr. Manfred Milinski. „In der Regel glaubten sie der Mehrheitsmeinung.“

Fazit:

Wer gerne klatscht und tratscht, sollte nicht grundsätzlich ein schlechtes Gewissen haben, solange er als „alte Klatschbase“ oder „freches Lästermaul“ nicht die Grenze zum Ehrabschneider oder Verleumder überschreitet. Denn damit verletzt der Tratscher die betroffenen Mitmenschen tief - und kann sogar vor Gericht landen. Mit Recht.

Klatsch und Tratsch: Was ist erlaubt, was geht nicht?

Ist jede Äußerung, die ich im Betrieb zu Arbeitskollegen mache oder außerhalb über meinen Arbeitgeber, für mich gefährlich? Darf ich im Rahmen meiner Meinungsfreiheit mich über meine Arbeit und meinen Arbeitgeber äußern, wie ich will? Muss ich mir gefallen lassen, wenn Arbeitskollegen über mich unwahre Dinge erzählen? Hans Gottlob Rühle, Richter am Arbeitsgericht Gießen, Direktor des Arbeitsgerichts Marburg a.D., klärt darüber auf, was bei Tratsch geht und was nicht.

Vertraulichkeit

Ein Arbeitnehmer hat in einer Unterhaltung mit Mitarbeitern über den Personalchef behauptet, dass dieser eine besondere Schwäche für junge blonde Männer besitze und bei der Einstellung dann entsprechende junge Männer auch bevorzugen würde. Da der Arbeitnehmer diese Äußerung in einem sehr engen, vertrauten Kreise gemacht hatte, durfte er als sicher davon ausgehen, dass seine Arbeitskollegen diese Äußerung für sich behalten. Dem Arbeitgeber kam die Äußerung trotzdem zu Ohren und er kündigte fristlos. Nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitgerichts war diese Kündigung unwirksam, da der Arbeitnehmer sich auf die Vertraulichkeit des Gespräches habe verlassen können. Wenn die Gesprächspartner diese Vertraulichkeit ohne vernünftigen Grund missachteten und ihren Inhalt dem Arbeitgeber oder den angesprochenen Vorgesetzten mitteilten, so sei dies kein Anlass für eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses.

Allgemeiner Tratsch

Wo Menschen zusammen sind, liegt Tratsch über Abwesende nahe. Es handelt sich dabei leider um ein allgemein menschliches Verhalten, vor dem nur wenige gefeit sind. Aus diesem Grunde geht die Rechtsprechung davon aus, dass die Kündigung eines Arbeitnehmers, der im Kollegenkreis abfällige Äußerungen über andere Mitarbeiter gemacht hat, im Allgemeinen nicht gerechtfertigt ist. Allgemeiner Tratsch, insbesondere dann, wenn er unschön oder gar ehrenrührig ist, kann jedoch zu einer Abmahnung führen. Handelt es sich jedoch um Äußerungen, die strafrechtlich relevant und besonders beleidigend sind, die insbesondere den Betriebsfrieden nachhaltig stören, so kann eine Kündigung gerechtfertigt sein. Dies gilt jedenfalls dann, wenn diese Äußerungen nicht in einem besonders vertraulichen Kreis gemacht worden sind.

Internet

Sofern Arbeitnehmer über den Arbeitgeber im Internet wahrheitswidrige Dinge äußern, ihn beleidigen oder gar geschäftsschädigende Äußerungen ins Internet setzen, müssen sie damit rechnen, dass ihnen wegen
Störung des Betriebsfriedens oder wegen Geschäftsschädigung gekündigt werden darf. Wer ohne triftigen Grund den Arbeitgeber beleidigt oder schädigt, kann sich insbesondere nicht auf das Recht zur freien Meinungsäußerung berufen.

Freie Meinungsäußerung

Der Arbeitnehmer ist generell berechtigt, sich über Betriebsangelegenheiten und auch die Vorgesetzten kritisch zu äußern. Dies gilt insbesondere für Äußerungen auf der Betriebsversammlung. Die Meinungsäußerung muss aber die gesetzlichen Schranken wahren. Sie darf nicht zu Ehrverletzungen und Störungen des Betriebsfriedens führen. Überschreitet sie die Grenzen, kann eine Kündigung gerechtfertigt sein. Die Grenzen des Gesetzes sind insbesondere bei Schmähkritik oder Formalbeleidigung überschritten, die nicht vom Schutzbereich des Grundrechts auf Meinungsäußerung gedeckt sind. Zu Äußerungen, die zu Kündigungen führen
können, gehören insbesondere auch diskriminierende Äußerungen, ausländerfeindliche oder rechtsradikale Äußerungen. Auch die Beleidigung von Kunden kann eine Kündigung rechtfertigen.

Nonverbale Äußerungen

Beleidigende Äußerungen, die Tratsch und Klatsch im Betrieb verstärken, können auch non-verbaler Art sein. Es ist deshalb beleidigend, wenn Leni Riefenstahl beim Defilieren ihres Vorgesetzten Luis Trenker die Augen verdreht oder gar auf den Boden spuckt. Hier wäre zunächst jedoch eine Abmahnung angesagt.

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