Christliche Themen für jede Altersgruppe

Laut und deutlich, bitte!

WINNENDEN (Dekanat Waiblingen) – Behinderte Menschen sollen in allen Bereichen beteiligt werden, zum Beispiel an herkömmlichen Schulen. Die Schule beim Jakobsweg geht einen anderen Weg: Im beruflichen Gymnasium für Hörgeschädigte werden normal hörende Schüler integriert.  


Eine ganz normale Klasse, die aber ihre Besonderheiten hat: Neunt­klässler des beruflichen Gymnasiums an der Schule beim Jakobsweg. (Foto: Gemeindeblatt)

Es ist ein gewöhnlicher Dienstagmorgen im Herbst. In der Schule beim Jakobsweg haben sie gerade große Pause. In den Gängen ist kaum jemand zu sehen, die Türen zu den Klassenzimmern sind abgeschlossen. Die Schüler sind auf dem Pausenhof, im Schülercafé oder im Aufenthaltsraum. Dort stehen oder sitzen sie in Gruppen zusammen, unterhalten sich, machen Witze, manchmal wird auch geschubst. Andere ziehen sich mit ihrem Smartphone in eine ruhigere Ecke zurück. Alles ganz normal also? Ja. Und doch auch wieder nicht.

Beispiel Pausenbeginn und Pausen-ende: Wie in allen Schulen im Land ertönt auch hier ein Gong. Doch zusätzlich blinken an verschiedenen Stellen im und am Gebäude grüne Lämpchen. Denn in die Schule beim Jakobsweg gehen vorrangig gehörlose, hör- oder sprachbehinderte Schüler. Es gibt noch andere Farben, in denen es blinken kann: Rot zum Beispiel zeigt Feueralarm an. Und beim blauen Licht hoffen alle, dass es nie blinken muss: Es steht für Amoklauf.

Eine weitere Besonderheit der Schule: „Wir haben nur kleine Klassen“, sagt Beate Löffler, die Direktorin. Seit einem Jahr gibt es ein berufliches Gymnasium, das mit Klasse acht beginnt. In der jetzigen Klasse neun sind es zwölf Schülerinnen und Schüler, in der neuen Klasse acht sind es zehn junge Menschen. Nicht alle von ihnen hören schlecht, das ist eine weitere Besonderheit – hier werden Schüler ohne Hörbehinderung in eine Klasse integriert, in der Schüler mit Hörbehinderung sitzen.

Der 14-jährige Moritz beispielsweise hat mit dem Gehör keine Probleme. Aber er fühlt sich in großen Klassen nicht wohl. Wenn es überall zu laut ist, alle nur herumschreien, ist er schnell genervt. So hat er es in der herkömmlichen Schule, der so genannten Regelschule, erlebt. Jetzt, in den schallgedämpften Räumen der Schule beim Jakobsweg, in der kleinen Klasse, kann er sich auf das konzentrieren, was für ihn wichtig ist.

Auch Julia war auf einer Regelschule. Sie hört schwer. Das sei anstrengend gewesen. Weil sie gute Noten hatte, wollte ihr keiner glauben, dass sie ohne Mikrofon wenig von dem verstand, was die anderen sagten. Während der Klassenarbeiten schaltete sie das Hörgerät aus, um sich besser konzentrieren zu können, die Nebengeräusche lenkten ab. Das Problem: Die 15-Jährige bekam nie mit, wenn der Lehrer etwas sagte. Jetzt ist es besser: „Hier wird man einfach angetippt.“ Außerdem sei sie nicht die einzige, die mal etwas nicht mitbekomme – das macht das alltägliche Leben leichter. 

Zum Konzept der Schule beim Jakobsweg gehört, dass sich die Schüler bewusst begegnen, nach dem Unterricht und in den Pausen. Das ist mit ein Grund, warum die Klassenzimmer während der Pausen abgeschlossen sind. Die Schüler sollen sich nicht dort aufhalten, sondern im Café, auf dem Pausenhof, in den Aufenthaltsräumen. Denn: „Das Wesentliche passiert in der Begegnung“, sagt Beate Löffler.

Die Klassenlehrerin der Neunten, Barbara Kolb, hat damit bereits zu Beginn des letzten Schuljahres Erfahrungen in ihrer Klasse gemacht. Es gab einen dreitägigen Ausflug zum gegenseitigen  Kennenlernen. Über Behinderung und Nichtbehinderung wurde auch gesprochen. Anfangs gab es Erstaunen auf beiden Seiten. Doch das legte sich schnell. Kolb ist überrascht, dass das Thema Behinderung in ihrer Klasse keins ist. Einen Knackpunkt gab es allerdings: Diejenigen, die schlecht hören können, mussten lernen, laut zu sagen: „Ich habe das nicht verstanden“. Und diejenigen, die gut hören können, mussten lernen, um mehr Ruhe zu bitten. Das können sie mittlerweile alle recht gut.

Das Klassenzimmer der Neunten steckt voller moderner Technik. Ein Beamer beispielsweise, eine Tafel, mit der man nicht nur im Internet surfen, sondern auch Computerprogramme aufrufen kann. Man schreibt auf ihr mit einem elektronischen Stift. Damit kann man auch Wörter markieren, verkleinern und vergrößern. Auf dem Lehrertisch steht ein Computer. Am wichtigsten ist natürlich die Höranlage. Der Lehrer hat immer ein Mikrofon umhängen. Jeder andere, der etwas sagen will, spricht in ein elektronisches Kästchen. Wer ein Hörgerät trägt, hört das Gesprochene verstärkt. Wer kein Hörgerät hat, für den ist die Lautstärke ganz normal. Doch die Technik hat ihre Tücken. Wenn der Lehrer beispielsweise vergisst, dass er sein am Revers befestigtes Mikrofon noch eingeschaltet hat und zum Kopierer geht: Die Schüler mit Hörgerät bekommen alles mit.

Es gibt noch eine weitere Besonderheit im Klassenzimmer. Die Tische stehen in U-Form, jeder soll jeden sehen können, insbesondere beim Sprechen.

Natürlich gibt es auch feste Regeln: Alle sollen sich ruhig verhalten. Wer spricht, soll das laut und deutlich tun. Und jeder muss den Mund des Redners sehen können. Auch die Lehrer müssen sich auf ihre Klasse einstellen. „Zum Beispiel spreche ich nicht, während ich an die Tafel schreibe“, sagt Barbara Kolb. Außerdem darf sie nicht zu schnell sprechen, Wiederholungen sind so wichtig wie Pausen oder auch betonte Wörter.

Annika erklärt das an einem einfachen Beispiel: Wenn im Englisch-Unterricht im Remstalgymnasium etwas von einer CD vorgespielt wurde, hat sie häufig nichts verstanden. Die Sprechweise war zu schnell. Die 15-Jährige hatte zudem häufig Kopfweh, denn oft war es ihr zu laut. Das Hörgerät verstärkt alle Geräusche gleichmäßig. Deshalb ist Annika hier. Und es geht ihr gut.

Auch für Stella geht das Konzept der Schule beim Jakobsweg auf. Die 15-Jährige wurde von ihren Mitschülern in der Regelschule gehänselt. „Wenn andere auch hörgeschädigt sind, ist es einfacher“, sagt sie lächelnd. Inzwischen hat sie viele Freunde gefunden.

Nach einem Jahr zieht Direktorin Beate Löffler ein positives Fazit. Die Schule musste nur wenig ändern am Konzept. Beispielsweise, dass die neuen Achtklässler verbindlich Gebärdensprache lernen. Die jetzigen Neuntklässler hatten noch wählen können und sich alle für Gebärdensprache entschieden. Auch jetzt, wo das Fach als Arbeitsgemeinschaft angeboten wird, sind alle dabei.

Information zur beruflichen Vollzeitschule Paulinenpflege

Die Schule beim Jakobsweg ist eine berufliche Vollzeitschule, die auf die Förderung gehörloser, hör- oder sprachbehinderter oder autistischer junger Menschen ausgerichtet ist. Das Angebot umfasst mehrere Berufsschulen sowie das berufliche Gymnasium, das letztes Schuljahr gestartet ist. Die Schule hat etwas mehr als 300 Schüler, davon 80 ohne Behinderung. Außerdem begleitet die Schule mehr als 180 hörgeschädigte Schüler an regulären beruflichen Schulen in Baden-Württemberg Weitere Informationen: www.paulinenpflege.de

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