Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mehr Gemüse, weniger Fleisch

STUTTGART – 95 Thesen hat Martin Luther aufgestellt. Ganz so viele wollten die Seminaristen der evangelischen Schulen in Maulbronn und Blaubeuren nicht formulieren. Aber 17 wurden es doch. Ihr Thesenanschlag mündete in eine zweistündige Debatte mit dem Oberkirchenrat.

Reizthema Homosexualität: Landesbischof Frank O. July (Bild Mitte rechts) und
Oberkirchenrat Wolfgang Traub (links) antworten freundlich. Foto: Gemeindeblatt

Es ist ein sonniger Herbstnachmittag, halb vier Uhr. Junge Menschen sitzen draußen vor den Cafés im Stuttgarter Hospitalviertel. Sie trinken einen Cappuccino, manche schon Wein oder Bier. Das Wetter zieht nach draußen. Rund 140 Schüler und Schülerinnen aus Maulbronn und Blaubeuren dagegen sitzen drinnen im großen Saal des evangelischen Hospitalhofs, wo sonst die Landessynode tagt. Sie wollen diskutieren, mit Landesbischof Frank O. July, mit Oberkirchenrat Wolfgang Traub und anderen. Über die Zukunft der Kirche, über Homosexualität und soziale Gerechtigkeit, eine Auswahl aus ihren 17 Thesen.
Zur Einstimmung singt der Schulchor Maulbronn. Das Kirchenfernsehen hat Kameras aufgebaut. Auf der Bühne sind Stehtische mit weißen Tischtüchern aufgestellt. Die Mikrofone liegen bereit. Im Hintergrund prangen die Plakate des Ideenwettbewerbs der Landeskirche, in dessen Rahmen die Debatte stattfindet. Erste Runde. Den Thesen der jungen Leute stellen sich Landesbischof July und Personaldezernent Traub. Vier Schüler kommen auf die Bühne. Riesiger aufmunternder Applaus begleitet sie. Offenbar braucht es Mut, sich mit hohen Herren auseinanderzusetzen. Bischof July reicht daher erstmal jedem der jungen Leute die Hand zur Begrüßung.

Aufschlagsthema: Bewahrung der Schöpfung. Bei July rennen die Schüler da offene Türen ein. Natürlich ist das ein Thema. In der Landwirtschaft sei die Kirche „unterwegs“. Erntedank, Umweltberatung. All das seien kirchliche Themen. Und wie ist das mit dem Essen? Mehr Gemüse, weniger Fleisch. „Es muss ja nicht unbedingt gut schmecken“, räumt eine Schülerin ein. July wirft ein: „Es darf aber gut schmecken.“ Und er erzählt, dass zwei seiner Kinder Vegetarier geworden sind und er sich jetzt zu Hause rechtfertigen müsse, wenn er Wurst esse. „Man fährt zwar zu Klimawandel-Tagungen“, sagt der Bischof. Aber letztlich beweise sich der Klimaschutz im Alltag.

Konsens also in diesem Punkt. Aber jetzt geht es ans Eingemachte: Was ist mit den gleichgeschlechtlichen Paaren? Im Pfarrhaus? Personalchef Wolfgang Traub erläutert die „bewährte Vorgehensweise“: Wenn eine Stelle zur Person und ihren Fähigkeiten passe, werde auch die Lebensform geklärt. Wenn die Entscheidungsgremien eine homosexuelle Lebensform mittragen könnten, werde ein entsprechender Kandidat oder Kandidatin vorgeschlagen. Also eine Einzelfallentscheidung?, kritisieren die Jugendlichen. Warum spricht sich die Kirche nicht generell für Vielfalt aus, egal wie liberal die Gemeinde ist? „Der Pfarrdienst ist nicht gegen eine Gemeinde möglich“, gibt Traub zu bedenken. Außerdem gebe es bereits eine Vielfalt an Lebensformen: Familien mit Kindern, Alleinerziehende, Singles, Kinderlose, Paare mit pflegebedürftigen Eltern. Kriterium bei alldem sei die Verbindlichkeit, Fürsorge und Treue.

Was die Segnung von homosexuellen Paaren betrifft, verweist Bischof July auf die Entscheidung in der Synode. Wo er sich selbst festlegt, ist, dass er gegen eine völlige Gleichstellung mit der Ehe ist. Er erwähnt auch, dass im Rahmen der Seelsorge jetzt schon eine Segnung möglich sei, wenn es nicht öffentlich werde. „Wenn man Menschen segnet, segnet man doch nicht die Sexualität, sondern die Partner“, wirft ein Mädchen ein. Ein anderer  Schüler meint: das Ideal sei nicht die Partnerschaft von Mann und Frau, sondern dass Menschen Beziehung und Fürsorge brauchen. Das sei diskriminierend gegenüber den gleichgeschlechtlichen Paaren. Applaus brandet auf. July gibt zu: In der Gesellschaft seien Homosexuelle keine Randgruppen mehr, in der Kirche schon. Er will aber so einen Kompromiss finden, dass die Unterschiede in der Kirche gelebt werden können und sich niemand von der Kirche trennen müsse.

Zweite Runde. Das Bühnenpersonal wechselt. Vier neue Jugendliche und Prälatin Gabriele Arnold, Kirchenrätin Ursula Pelkner und Henning Drecoll, Ephorus des Evangelischen Stifts in Tübingen, packen das Thema Pfarrberuf an. Es geht um  das Privatleben als Pfarrer, um Freiheit und Residenzpflicht. Wie viele von euch sind denn im Pfarrhaus aufgewachsen und wie viele wollen Theologie studieren?“, fragt Moderatorin Carmen Rivuzumwami. Es schnellen doch einige Finger nach oben. Die jungen Leute wünschen sich auch, dass mehr 16- bis 25-Jährige im Kirchengemeinderat sitzen. Das wünsche sie sich auch, erwidert Prälatin Arnold. Aber es fänden sich keine. Gegenvorschlag: Der Zeitrahmen müsse flexibler gestaltet werden. Sechs Jahre Amtszeit seien zu lang. Der Jugendsitz sollte öfter gewechselt werden.

Zeit für die Zwischenbilanz: Im Publikum sind rote und grüne Karten verteilt worden. Wer hat bisher überzeugende Argumente von Seiten des Oberkirchenrats gehört? Die grünen Karten werden nach oben gehalten. Es sind gut zwei Drittel. Wer etwas vermisst, soll die rote Karte heben. Ein paar werden gezeigt. Vor allem die Einstellung zur Homosexualität wird als „Schmusekurs“ kritisiert und erntet prompt Applaus. Bevor es in die nächste Runde geht, singt der Blaubeurer Chor „Lasset das Wort Christi reichlich unter euch wohnen“ und „Meinen Frieden lasse ich euch“.

Über eine Stunde wurde schon diskutiert. Oberkirchenrat Ulrich Heckel und Synodalpräsidentin Inge Schneider nehmen sich den Rechtspopulismus vor. Es geht um Arbeitslosigkeit, Beschäftigungsgutscheine und Fremdenfeindlichkeit. In Bezug auf den Islam sagt eine Schülerin, es sei wichtig, sich in der eigenen Religion auszukennen wie in der Muttersprache, sonst könne man keine Fremdsprache lernen. Inge Schneider will sich dieses Bild merken: das Christentum als Muttersprache betrachten.

Wie die Kirche mit Gewalt umgeht, darüber diskutieren die jungen Leute mit Oberkirchenrat Werner Baur, der für Schulen zuständig ist, und  dem Direktor des Oberkirchenrats, Stefan Werner. Der erzählt auch von seiner ursprünglichen Landeskirche in Bayern und betont, dass es gerade beim Thema Missbrauch wichtig sei, die Offenheit zu stärken, damit Betroffene den Mut fänden, über ihre Erfahrungen zu reden.

Während die Diskussion im Saal weitergeht, stehen draußen im Foyer noch Brezeln, Häppchen und Getränke. Ein paar Schüler haben sich dorthin zum Gespräch zurückgezogen. Drinnen wird nochmal mit den grünen und roten Karten abgestimmt. Diesmal gehen weniger Hände in die Höhe. Beim ersten Mal hat sich wohl gezeigt, dass die Moderatorin bei denjenigen, die strecken, nachfragt. Dem Risiko will sich nicht jeder aussetzen. Die zwei Stunden waren anstrengend. Die Chöre singen das Schlusslied: Komm, süßer Tod“, von Johann Sebastian Bach, in einer modernen Fassung.

Info
17 Thesen haben die Schülerinnen und Schüler aufgestellt. Sie reichen von der Kritik an der Vermarktung Luthers über Nachhaltigkeit, Erzieherinnen, Quote für junge Leute, das Pfarrhaus bis zu gleichgeschlechtlichen Paaren und zur AfD. Nachzulesen  im Internet unter www.elk-wue.de

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