Christliche Themen für jede Altersgruppe

Nein sagen erwünscht

LUDWIGSBURG – Viele Menschen wollen sich ehrenamtlich engagieren, wissen aber nicht, wo. In Ludwigsburg gibt es eine Anlaufstelle, die von den beiden Kirchen, Diakonie, Caritas und der Stadt getragen wird. Freiwillige dürfen hier etwas ausprobieren und auch mal nein sagen.

Hans-Joachim Gonnermann ist auf der Suche nach einem neuen Ehrenamt.
(Foto: Werner Kuhnle)


„Ich will nicht nur zu Hause sitzen. Und man kann auch nicht jeden Tag damit ausfüllen, Rad zu fahren oder zu wandern“, sagt Hans-Joachim Gonnermann. Deshalb sitzt der 67-Jährige heute im Büro der Anlaufstelle  bürgerschaftliches Engagement in Ludwigsburg. Er ist auf der Suche nach einem Ehrenamt, das zu ihm passt. Und im Grunde genommen weiß er schon recht genau, was er möchte: Asylbewerbern helfen. Beate Vogelgsang fällt sofort eine Möglichkeit ein: Gonnermann könnte Asylbewerber bei alltäglichen Dingen beraten und begleiten. Einkaufen gehen, zum Markt, Fahrkarte kaufen, Bus fahren.Das könnte ihm gefallen, meint Gonnermann. Deshalb bekommt er nun die Kontaktdaten von zwei Mitarbeitern bei Caritas und Diakonie: Sie betreuen die Flüchtlinge und wissen genau, wo Hilfe gebraucht wird. Gonnermann will gleich bei einer der Stellen vorbei gehen – die Wege zwischen Freiwilligenagentur, Caritas und Diakonie sind in Ludwigsburg nicht weit, selbst die evangelische und katholische Kirche stehen sich am Marktplatz gegenüber.

Das hat nicht nur Vorteile für diejenigen, die in Ehrenämter vermittelt werden; es hat auch Vorteile für das Freiwilligen-Forum. Das ist nämlich ökumenisch aufgestellt und arbeitet eng zusammen mit der Stadtverwaltung. Beate Vogelgsang beispielsweise ist Mitarbeiterin der diakonischen Bezirksstelle. Dienstagvormittags ist sie in dem Büro der Stadtverwaltung, um Freiwillige bei der Auswahl des Ehrenamts zu beraten. An anderen Tagen sind abwechselnd Kollegen von der Caritas, den beiden Kirchen oder der Stadtverwaltung in dem Büro in der Oberen Marktstraße. „Manche Menschen wollen sich einbringen, aber nicht unbedingt in der Kirche“, sagt Vogelgsang. Andere verbänden mit Ehrenamt bei der Kirche, dass es ein Engagement auf Jahre hinaus ist, oder sie wollen sich eben nicht in der Kirche einbringen, weil sie dort schon so viel gemacht haben. Und wieder andere sind erstaunt, dass sie in der Kirche Aufgaben finden, die sie dort nicht erwartet haben.

Jeder, der Beratung sucht, bekommt aus einem großen Blumenstrauß an Möglichkeiten die Angebote genannt, die zu ihm passen könnten. Da kann es sein, dass jemand, der sich sozial engagieren will, zur Kirche aber keine Bindung hat, bei der Vesperkirche im Januar mitmacht und Essen ausgibt. Oder dass jemand, der stark in der Kirchengemeinde engagiert ist, beim „Bus auf Beinen“ mithilft, einem städtischen Angebot für Grundschulkinder und ihre Eltern. Die Kinder werden an Bushaltestellen von Ehrenamtlichen zu Fuß abgeholt und zur Schule gebracht, die Route ist immer dieselbe, daher der Name des Projekts. Damit  soll der Autoverkehr vor den Schulen eingedämmt werden.

Ein weiteres Beispiel für die enge Verzahnung der beiden Kirchen, ihrer Sozialdienste und der Stadt mit ihren Vereinen: In der katholischen Kirche gibt es jedes Jahr eine so genannte 72-Stunden-Aktion. Die Kirchengemeinden suchen Jugendliche für Projekte, die innerhalb von 72 Stunden abgeschlossen sein müssen. Letztes Jahr war der katholische Diakon auf der Suche nach Projekten für die Aktion. Er fragte Beate Vogelgsang. Der Sozialdiakonin fiel sofort das Öko-Projekt Casa Melifera ein. Das Haus der Bienenzüchter in der Grünanlage am Hungerberg ist mittlerweile als Natur-Info-Zentrum eröffnet worden. Letztes Jahr im Sommer fehlten dort noch ein Weg, Fahrrradständer,  ein Beobachtungsposten, von dem aus die Wildbienen beobachtet werden können – und natürlich Insektenhotels für die Bienen. Die 72-Stunden-Aktion war ein Erfolg: 30 Kinder und Jugendliche ab neun Jahren haben mitgearbeitet und das Fehlende ergänzt.

Nicht jede Vermittlung ist so einfach wie die beiden genannten, sagt Beate Vogelgsang. Die Sozialdiakonin hatte auch schon Menschen im Gespräch, die sich selbst überschätzen. Wenn beispielsweise jemand Fahrer für den Tafelladen werden möchte, aber schon im Beratungsgespräch am Vormittag nach Alkohol riecht. „Den vermittle ich dort dann nicht hin“, sagt Vogelgsang. Und manchmal stimmen die formalen Voraussetzungen, aber es passt menschlich nicht. „Ich sage den Leuten immer, dass sie auch reinschnuppern sollen. Wenn ihnen die Aufgabe nicht behagt, dann bringt es beiden Seiten nichts.“ Vogelgsang schaut auch darauf, welche Voraussetzungen jemand mitbringt. „Die afrikanische Gemeinde suchte jemanden, der Nachhilfe gibt. Das muss dann jemand sein, der nicht nur Nachhilfe geben kann, sondern auch mit der afrikanischen Mentalität zurecht kommt.“ Stichwort Pünktlichkeit oder Zuverlässigkeit. Oder beim Kleidersortieren für den Diakonieladen. Da kann es auch schmutzig werden. In der Vesperkirche ist der Geruch oft gewöhnungsbedürftig.

Das müssen diejenigen wissen, die sich engagieren wollen. Offenheit und Ehrlichkeit ist gefragt. Es ist übrigens kein Problem, wenn jemand ein Ehrenamt gleich ablehnt oder nach einer Testphase doch nicht mitmachen möchte. Hans-Joachim Gonnermann ist das auch schon passiert. Er wollte Schulpate sein für ausländische Jugendliche, mit ihnen etwas unternehmen, gegebenenfalls bei den Hausaufgaben helfen. Doch der eine Schüler wollte  nicht von zu Hause weg, der andere wollte ständig etwas unternehmen, aber auf jeden Vorschlag – Wilhelma, Mercedes-Museum, Fernsehturm – kam immer die Antwort „Da war ich schon, da will ich nicht mehr hin“. Gonnermann hofft nun, dass sein künftiges Engagement besser angenommen wird. ¦



Das Freiwilligen-Forum Ludwigsburg  hat seit 2006 seinen Sitz im Rathaus in der Anlaufstelle für bürgerschaftliches Engagement. Zu erreichen ist es beispielsweise unter Telefon 07141-910-3333, E-Mail ehrenamt@ludwigsburg.de, www.freiwilligenfo rum-lb.de







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