Christliche Themen für jede Altersgruppe

Nicht auf die gute Fee warten

WENDLINGEN (Dekanat Nürtingen) – Werkstätten stehen im Zentrum der Inklusionsdebatte. Manche Experten werfen ihnen vor, Menschen mit Behinderung vom sozialen Leben fernzuhalten


Joachim K. befreit Doppeltüllen für Automobile vom überschüssigen Plastik. (Foto: Martin Janotta)

Lüfter für UV-Lampen. Fernsteuerkabel für Betonpumpen. Steuerdosen für Turbolader. Klingt nicht unbedingt nach Produkten, die man in einer Werkstatt für psychisch kranke Menschen erwartet. Aber diese Bauteile und noch viele weitere kann man auf einer Tour durch die Werkstatt am Neckar in Wendlingen betrachten. Joachim K. ist gerade dabei, Doppeltüllen für Autos von überschüssigem Plastik zu befreien. Eines Tages werden diese Verbindungen zweier Schläuche ihren Dienst in der Scheibenwischeranlage eines Audis tun.

Joachim K. ist einer von derzeit 98 Beschäftigten in der Werkstatt am Neckar. Er selbst arbeitet dort seit 1997. Damals musste er sich umschulen lassen, weil er wegen neurologischer Krämpfe seinen alten Job als Maurer nicht mehr ausüben konnte. Wie ihm geht es vielen Mitarbeitern. Sie können nicht, noch nicht oder nicht mehr auf den ersten Arbeitsmarkt. In der Werkstatt haben sie eine Beschäftigung gefunden.

Die Werkstatt am Neckar, eine Einrichtung der Samariterstiftung, hat im Oktober 2013 ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert. In diesen Jahren hat sich im Bereich der Werkstätten einiges geändert. Zum einen die Arbeit an sich. „Im Vergleich zu früher sind die Aufträge kürzer getaktet, sie kommen nicht mehr so selbstverständlich rein und die Firmen stellen oft das Material nicht mehr bereit“, sagt Produktionsleiter Erhard Schelling. Viele der einfachen Tätigkeiten, die früher in Werkstätten ausgeübt wurden, ließen sich im Ausland kostengünstiger durchführen. „Die Firmen machen das hier nicht aus sozialen Gründen, letztendlich ist das immer eine wirtschaftliche Sache“, sagt Erhard Schelling. Zwar gebe es noch Daueraufträge von Unternehmen, die die Werkstatt unterstützen wollen, aber das seien nur noch wenige und auch mit einer weit geringeren Stückzahl als früher.

Die zweite große Veränderung in den vergangenen Jahren betrifft die Beschäftigten. Der gesetzliche Auftrag der Werkstätten ist, die Mitarbeiter wieder zurück ins Berufsleben einzugliedern. Daher sind in Wendlingen und Umgebung Kooperationen mit Unternehmen entstanden. Beschäftigte der Werkstatt können als Praktikanten in Berufe hineinschnuppern und schauen, ob sie sich für ein Leben in der freien Wirtschaft bereit fühlen. Sechs Mitarbeiter arbeiten auf Außenarbeitsplätzen, also in anderen Firmen, auch wenn sie strenggenommen zur Werkstatt gehören.

Etwa ein Mitarbeiter pro Jahr findet ein normales, sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. „Dafür, dass die Wiedereingliederung unser gesetzlicher Auftrag ist, hört sich das nach sehr wenig an“, sagt Wolfgang Bleher. Er ist seit 2012 Dienststellenleiter der Werkstatt und der Wohnstätte Oberensingen, vor allem aber auch Leitender Referent für Behindertenhilfe und Sozialpsychiatrie der Samariterstiftung. Die geringe Wechselquote auf den ersten Arbeitsmarkt hat ihre Gründe: „Oft fehlt es an Partnern aus der Privatwirtschaft, die bereit sind, jemanden aus einer Werkstatt einzustellen. Und vor allem müssen die Betroffenen auch dorthin wollen. Dies gilt gerade für psychisch Kranke, die oft schon im Berufsleben waren und dort schlimme Erfahrungen gemacht haben“, sagt Bleher.

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