Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Nichts als Ach und Wehe“

Martin Luther wird gerne als der große Neuerer gesehen, der gegen die kirchliche Tradition auf die Bibel zurückgriff. Dieses Bild, das Luther selbst geschaffen hat, ist einseitig. Der Reformator stand in der Frömmigkeitstradition des Spätmittelalters, besonders der Mystik. Und zahlreiche Zeitgenossen um ihn herum hatten ähnliche Erfahrungen und Erkenntnisse wie er. 


Gedenkstein in Stotternheim. (Foto: epd-bild)

„Ich bin nicht gerne ein Mönch geworden“, urteilt Martin Luther im Rückblick auf seine Klosterzeit. Aber dann nahm er seinen Entschluss und die Mönchsgelübde von Armut, Gehorsam und Keuschheit sehr ernst. Glaubhaft versichert er: „Denn ich habe das Gelübde nicht getan um des Bauches, sondern um der Seligkeit willen, und habe unsere Regeln peinlich streng gehalten.“

Bereits in der Grundschule lernen Kinder heute im evangelischen Religionsunterricht, dass der 1483 geborene Reformator Martin Luther nach einer strengen, mit Prügelstrafe operierenden Erziehung in Elternhaus und Lateinschule gemäß dem Willen des Vaters ein Studium der Rechtswissenschaften begann. Dann aber wird er bei Stotternheim von einem Gewitter überrascht und gelobt in Todesangst: „Heilige Anna, ich will ein Mönch werden.“ Das klingt nach einem Bekehrungserlebnis, nach Paulus oder Augustinus. So war es auch gemeint: Luther wird mit dieser Geschichte in eine Reihe mit dem großen Apostel und dem wichtigsten Kirchenvater gestellt. Auch er selbst betrachtete beide als seine wichtigsten theologischen Gewährsleute.

Doch das Klosterleben bringt nicht die erhoffte Befreiung, ganz im Gegenteil. Luther wird seine Gewissensbisse und Zweifel nicht los: „O meine Sünde, Sünde, Sünde!“, ruft er verweifelt. Und er berichtet: „Hatte ich meine Buße gesprochen, so zweifelte ich trotzdem.“ Angst vor dem Jüngsten Gericht, vor Gottes Gerechtigkeit und Strafe, vor Hölle und Teufel plagen ihn. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Dies sei Luthers zentrale Fragestellung gewesen.

Da erfährt er erneut eine Art Bekehrungserlebnis, eine grundlegende Lebenswende. Er selbst beschreibt dies im Rückblick so: Bei der Lektüre des Römerbriefs habe er plötzlich, schlagartig, wie eine Erleuchtung, die Erkenntnis gehabt, dass Gottes Gerechtigkeit nicht sein gerechtes Gericht, sondern seine ganz unverdiente, dem Sünder geschenkte Gnade bedeutet. „Da fühlte ich mich ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein.“ Mit diesem schönen Bild beschließt Luther seinen Befreiungsbericht.

Generationen von Kirchenhistorikern haben sich an der Frage abgearbeitet, wann dieses Ereignis, die reformatorische Wende, nach dem Studier-Stübchen im Klosterturm auch „Turmerlebnis“ genannt, stattfand. Eine Frühdatierung um 1513 stellt das eine Ende der breiten Palette dar, eine Spätdatierung für 1518, also für die Zeit nach den 95 Thesen, das andere.

Doch vielleicht verhielt es sich noch einmal ganz anders. Erstaunlicherweise stammt Luthers Bericht über dieses zentrale Erlebnis aus dem Jahr 1545, also aus dem Jahr vor seinem Tod. Drei Jahrzehnte liegen zwischen dem Geschehen und der Geschichte. Wir wissen heute aufgrund der modernen Hirnforschung, wie das Gedächtnis des Menschen funktioniert: nicht wie ein technisches Speichergerät, das Fakten einfach sachlich-neutral dokumentiert und dann wieder reproduziert. Vielmehr konstruieren wir mit unseren Erinnerungen das Vergangene immer wieder neu – im Kontext und in Beziehung zur jeweiligen Gegenwart. Das meint nicht, dass wir Erinnerungen einfach erfinden; doch wir „deuten“ sie neu unter einer aktuellen Perspektive. Dies geschieht ohne bewusste oder gar böse Absicht. Unser Gehirn funktioniert ganz einfach so, gleichsam automatisch. Das gilt auch für Luther.

Die Rechtfertigungslehre ist „Meister und Richtschnur aller Lehre“, dekretierte der reife Luther und stellte damit die Rechtfertigung aus Gnade als seine zentrale reformatorische Erkenntnis dar. Für dieses zentrale Interesse schuf und gestaltete er das „Turmerlebnis“ als Gründungsmythos.

Auf diesem Hintergrund ergeben sich ganz neue Deutungsmöglichkeiten. Zuerst einmal ist wenig wahrscheinlich, dass das Turmerlebnis überhaupt ein festes Datum hat. Vielmehr verdichtet es ein theologisches Verständnis, das sich bei Luther mehr und mehr entwickelte. Zum Zweiten ist es nicht eine einmal gewonnene, dann immer verfügbare Erkenntnis, vielmehr eine Deutungsmöglichkeit, die stets aktualisiert werden muss. Luther selbst konnte sie einmal vehement, differenziert und durchdacht vertreten, ein andermal, etwa in seinen Ausfällen gegen die Bauern, die Juden oder andere Reformatoren, jedoch leider wiederum weit hinter sie zurückfallen. Und drittens lässt sich fragen, ob Luthers Entwicklung nicht vielschichtiger und offener verlaufen ist, als er dies später selbst darstellte und wahrhaben wollte.

Das ist ganz offensichtlich der Fall. Denn Luther selbst berichtet nicht nur von einem, vielmehr an anderer Stelle auch von einem ganz anderen „Bekehrungs-“ beziehungsweise „Erleuchtungserlebnis“. So hat Luther in einem frühen Brief an seinen Beichtvater Johann Staupitz davon gesprochen, wie sich der Sinn des Wortes „Buße“ für ihn in ganz ähnlicher Form verwandelte: von einer auferlegten Pflicht zu einem dankbar akzeptierten Geschenk.

Dies führt zu einer ganz anderen Quelle, aus der Luther schöpfte, nämlich zur mittelalterlichen Mystik. Später war es Luther wichtig, seine eigene reformatorische Position von der mittelalterlichen theologischen Scholastik und der Ablasspraxis der Kirche abzugrenzen und sich auf die Bibel als einziger legitimer Quelle seiner Theologie zu berufen, in zweiter Linie noch auf Augustinus. Aber Luther war nicht nur der Neuerer, als der er sich verstand und ausgab, vielmehr bewahrte er vieles Alte und stand noch in vielem in mittelalterlicher Tradition. Dies gilt insbesondere auch für die Mystik.
Mystik war für ihn in erster Linie Johannes Tauler (um 1300?–?1361), den er begierig las und kommentierte. Das Wichtigste sei, dass man seine Sünden vor Gott aufrichtig bereue, nicht dass man sie alle vor dem Beichtvater bekenne, schrieb Tauler. „Merk dir das!“, fügte Luther als Randnotiz hinzu. Das eigene innere Erschrecken und Zerknirtschtsein über die Sünde, die Reue und Buße in der Tiefe der menschlichen Seele – das war der zentrale Gedanke, den Luther aus der spätmittelalterlichen Mystik aufgriff und zum Kern seiner frühen Theologie machte.

So gab der Reformator denn auch die „Theologia deutsch“, eine mystische Schrift des Spätmittelalters, die Luther für ein Werk Taulers hielt, heraus und versah sie mit einem lobenden Vorwort. Und aus dem Jahr des Thesenanschlags stammt seine Auslegung der sieben Bußpsalmen, die das mystische Motiv der wahren Selbsterkenntnis aufnimmt und zuspitzt: Bei der eigenen Selbstprüfung „bleibt da nichts als Sünde, Finsternis, Ach und Wehe, und das ist ein Tropfen oder Vorgeschmack der höllischen Pein und ewiger Verdammnis“. Erst dann kann Gott beziehungsweise Christus Gestalt im menschlichen Herz gewinnen und Gnadengewissheit schenken.

Als Mechanismus verstanden ist das in doppelter Weise problematisch. Hat Seelsorge etwa die Aufgabe, die Seelenqualen eines Menschen zuzuspitzen, damit er dann das Heil erfahren kann? Und ist es theologisch nicht fragwürdig, wenn der Mensch durch die eigene Demütigung Gottes Gnade herbeiführen, gleichsam „erzwingen“ kann? So hat Luther später denn auch den Akzent verschoben hin zur Gnadengewissheit der Glaubenden und zur Aussage, dass das Heil ganz von Gott abhängt. Mit anderen Worten: Auch die aufrichtige Buße und Reue kann nur Gottes Gnade bewirken, nicht der Mensch selbst. Die Reihenfolge ist also umzukehren: Erst Gottes Gnade macht den sündigen Menschen begreiflich und verstehbar.

Manche Zeitgenossen Luthers hatten ähnliche mystische Erfahrungen wie Luther. Aber Luther hat darauf bestanden, dass nur er oder er als erster die Erkenntnis von der Erfahrung und Erkenntnis von Gottes freier Gnadenwirkung in der menschlichen Seele hatte. Und dass dies ein ganz neues religiöses Erlebnis sei und die Eruption der neuen  eigenen reformatorischen Theologie sei. Wie Sprengkraft wirkte denn auch, was er dann in der ersten seiner 95 Thesen formulierte: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen‘, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.“

Information
Martin Luther hat 1517 mit seinen 95 Thesen die Reformation eingeleitet. Mehr zu den wichtigsten Stationen seines Lebens lesen Sie in unserer neuen Serie. Teil 1: Mönch und Mystiker. Der Autor, Veit-Jakobus Dieterich, ist Pfarrer und lehrt als Professor Evangelische Theologie/Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Er hat unter anderem eine Biographie zu Martin Luther und eine Monographie zu den Reformatoren verfasst.

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