Christliche Themen für jede Altersgruppe

Prunkvoll evangelisch

Amorbach im bayerischen Odenwald ist ein sehr katholischer Ort. Die Reformation konnte ihm nichts anhaben. Doch ausgerechnet die berühmte Klosterkirche dort ist evangelisch. Ein historischer Zufall aus der napoleonischen Zeit mit Auswirkungen bis in die Gegenwart. 


Die Klosterkirche von Amorbach sieht nicht wirklich evangelisch aus, ist es aber nun schon seit 1803. (Foto: Gemeindeblatt)

1734 ließen es die Benediktiner-Mönche von Amorbach noch einmal krachen. Unbeschadet hatte ihre Abtei zahlreiche Kriege und die Reformation überlebt, nun konnte man stolz und in großem Stil das 1000-jährige Bestehen feiern.

Der großen Jubiläumsfeier folgte ein Feuerwerk von Neubauten, das im 18. Jahrhundert das Kloster zu einem barocken und frühklassizistischen Juwel machen sollte. 1747 wurde die Abteikirche im Stile des Rokoko umgestaltet, 1792 der grüne Festsaal und die mit allerlei optischen Raffinessen ausgestattete frühklassizistische Bibliothek eröffnet.

Die Zukunftsausssichten des alten Benediktinerklosters schienen prächtig zu sein. Doch dann kamen die Französische Revolution und Napoleon Bonaparte. Binnen weniger Jahre krempelte er die Landkarte Mitteleuropas um und löste sämtliche geistlichen Herrschaftsgebiete auf.

Zu diesen geistlichen Territorien gehörte auch Kurmainz, in dessen Hoheitsbereich die Abtei Amorbach lag. 1803 wurde sie dem Fürstenhaus zu Leiningen zugesprochen – und damit fast über Nacht evangelisch. An Ostern jenes Jahres feierte der letzte katholiche Abt seine Messe in der Klosterkirche, an Pfingsten gab es bereits einen evangelischen Gottesdienst. Für das Fürstenhaus zu Leiningen waren die Ländereien um Amorbach die Entschädigung für verloren gegangene Besitzungen auf der linken Rheinseite. Doch die Freude über das neue Reich währte nur kurz: Bereits drei Jahre nach seiner Gründung wurde das Fürstentum wieder aufgelöst.Von rund 300 Kleinstaaten auf dem Gebiet des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches blieben gerade einmal 40 übrig.

Amorbach fiel 1806 an das Großherzogtum Baden, 1810 an Hessen-Darmstadt und 1816 schließlich an Bayern.  Was den Fürsten blieb, war das Kloster und seine große Kirche. Bis heute sind die Gebäude größtenteils im Besitz der Adelsfamilie mit ihrer protestanischen Tradition.

Als die große Klosterkirche 2015 nach aufwändiger Renovierung wiedereröffnet wurde, kam sogar der Landesbischof und EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und schwärmte von ihrer Schönheit. So viel Prunk und Pracht findet sich in evangelischen Gotteshäusern nur selten.

Tatsächlich ist sie ein Glanzstück des Rokoko, das die Fürsten zu Leiningen nach der Übernahme in fast allen Bestandteilen erhielten: Die goldene Kanzel, das Deckenfresko mit seinen Heiligen, der Hochaltar – das alles durfte in der Amorbacher Klosterkirche bleiben.

Eine Ironie der Geschichte ist, dass die Klosterkirche von der evangelischen Wende vermutlich sogar erheblich profitiert hat. Denn das Fehlen der Kerzen und die geringere Zahl der Gottesdienstbesucher reduzierte die Schadstoffbelastung nachhaltig.

Die Familie zu Leiningen lebt bis heute in Amorbach. Das Oberhaupt ist Fürst Andreas, seine Frau Alexandra die Schwester des Welfenprinzen Ernst-August von Hannover. Und die Einheimischen sprechen heute noch gerne vom Schloss statt vom Kloster, ganz als ob die Fürsten zu Leiningen noch immer dort regieren würden.

Information
Der evangelische Gottesdienst in der Klosterkirche von Amorbach findet von Ostern bis Ende Oktober jeden Sonntag um 10 Uhr statt (Telefon Pfarramt 09373-1287). Ein Schmuckstück ist die Barock-Orgel mit ihren 5116 Pfeifen. Führungen durch die Abtei gibt es noch bis 5. November täglich um 12 und 15 Uhr, eine Kirchenführung mit Orgelvorspiel sonntags um 16 Uhr: Telefon 09373-200574, Internet www.tourismus-odenwald.de

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