Christliche Themen für jede Altersgruppe

Steinerne Geschichtsbücher

Die Grabmale auf dem denkmalgeschützten Hoppenlaufriedhof in Stuttgart erzählen Geschichten über ihre Handwerker und die Zeit, in der sie entstanden. Darauf kommt es an bei Denkmälern – und das ist auch bei der Restaurierung zu beachten, sagt die Landeskonservatorin Ulrike Plate.

Auf dem Hoppen­lau­friedhof in Stuttgart finden sich kunsthandwerklich hochwertige Grabmale.
Foto: Werner Kuhnle

„Jedes Gebäude erzählt eine Geschichte“, sagt Ulrike Plate vom Landesamt für Denkmalpflege. Und an Gebäuden lasse sich auch wunderbar Geschichte erzählen. So könne man zum Bauprojekt Stuttgart 21 beispielsweise stehen, wie man will. Aber vor dem Abriss eines Teils der Gleisanlagen habe man schon an der Dachkonstruktion zeigen können, wie die Dampflokomotiven in früheren Zeiten einfuhren. Sichtbar sei dies gewesen an den Schlitzen im Dach: Dadurch entwich damals der Dampf. „Dieser Teil der Geschichte ist nach dem Abriss unwiederbringlich verloren“, sagt die Kunsthistorikerin.
Die Geschichten, die die Steine erzählen, gerieten in Vergessenheit, wenn sie abgerissen werden. Wie schnell das geht, zeigt eine kleine Frage, die Plate stellt: „Erinnern Sie sich noch daran, welche Farbe das Haus in Ihrer Nachbarschaft früher hatte?“

Geschichte werde eben auch begreifbar, wenn man vor einem Gebäude steht. Der Grundriss eines Hauses erzähle die Geschichte  des Gebäudes oder auch etwas über den sozialen Status der Besitzer. Gab es in einem Wohnhaus Dienertreppen, Empfangsräume im Erdgeschoss und Privaträume in den oberen Stockwerken?

Oder gab es ein Treppenhaus, das auch von außen sichtbar war? Dann müsste bei einer Renovierung darauf geachtet werden, dass sich die Funktion des Treppenturmes nicht wesentlich ändere.
Auch eine Türklinke aus Metall oder Fliesen und Einbauschränke erzählten eine Geschichte, zum Beispiel die, dass sie handwerklich hergestellt wurden. Und der Putz eines Hauses habe entscheidenden Einfluss auf die Außenwirkung, auch wenn das auf den ersten Blick nicht auffalle. Deshalb könne es wichtig sein, bei der Renovierung eines Gebäudes auch wieder einen Putz aus Kalk aufzutragen.
Kirchen seien ganz sensible Denkmale, denn sie haben häufig eine wichtige Funktion für die Ortsgeschichte. „Im 19. Jahrhundert entstanden zum Beispiel vielerorts neue Stadtviertel, die als Mittelpunkt eine Kirche hatten“, sagt Plate. Oder es wurde eine evangelische Kirche in einer katholischen Stadt gebaut. In den 1960er-Jahren habe man den Ort, an dem eine neue Kirche entstand, meist  ganz bewusst gewählt und darauf hin gebaut.

Wenn jetzt in Gemeinden diskutiert werde, dass die alte Kirche zu groß sei und man den Kirchenraum verkleinern müsse, dann sagt die Landeskonservatorin: „Ich glaube, dass wir oft zu kurzfristig denken – und wir haben manchmal auch ein sehr seltsames Raumgefühl.“ Denn bei Profanbauten störten wir uns meist nicht daran, dass die Räume groß sind, auch wenn wenig Menschen dort seien. Bei Kirchen hingegen schon. „Ich frage mich oft, warum wir es in der Kirche nicht aushalten. Warum müssen wir immer alles füllen und weshalb brauchen wir unsere Kirchen klein und kuschelig?“ Wenn Ulrike Plate in eine große Kirche kommt, dann fühlt sie „etwas Erhebendes“. Und das sei für sie sehr positiv.

Jedenfalls rät sie Gemeinden davon ab, den Kirchenraum zu verkleinern oder auch Gemeinderäume in die Kirche einzubauen. „Der Wunsch ist zwar verständlich, aber eine solche Maßnahme wird immer ein Kompromiss bleiben. Gut wird es nie, man findet eben Lösungen.“

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