Christliche Themen für jede Altersgruppe

Stolz und traditionsreich

Die stolze, ehemals freie Reichsstadt Esslingen hat gleich mehrere Erkennungszeichen: die Stadtkirche St. Dionys mit zwei verschiedenen Türmen, die durch eine Brücke verbunden sind, der überdachte Weg zur Burg hoch und ein Rathaus mit zwei unterschiedlichen Fassaden. Das Gemeindeblatt lädt am 31. August seine Leserinnen und Leser nach Esslingen zum Glaubensweg 2014 ein.  


Die Esslinger Altstadt mit ihrer Stadtkirche St. Dionys. (Foto: factum)

Gerade ist in Esslingen ein traditionsreiches Fest zu Ende gegangen: das Zwiebelfest. Es beruht im wahrsten Sinne des Wortes auf einer sagenhaften Grundlage. Im Mittelalter soll eine Esslinger Marktfrau dem Teufel eine Zwiebel anstelle eines Apfels gegeben haben. Der Teufel soll in die Knolle gebissen und geschrien haben: „Das sollen eure Äpfel sein? Spott über euch Esslinger! Scharfe Zwiebeln sind es! Deshalb sollt ihr künftig nicht mehr Esslinger heißen, sondern Zwiebeln.“ Deswegen werden die Esslinger im Volksmund bis heute auch Zwieblinger genannt.

Das Zwiebelfest sowie auch der stimmungsvolle Mittelalter- und Weihnachtsmarkt im Advent ziehen jedes Jahr Hundertausende von Besuchern aus der ganzen Region und darüber hinaus an. In der Tat: Wenn man durch die Gässchen geht, vor dem Alten Rathaus mit seiner Renaissance-Fassade steht, fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt. Die Wurzeln der Reichsstadt reichen weit zurück: bis ins Jahr 777. Damals hat Fulrad, Abt des fränkischen Reichsklosters St. Denis bei Paris, eine an ihn gefallene klösterliche Gemeinschaft seinem Kloster vermacht. Laut Urkunde nach muss diese Gemeinschaft – eine „Cella“ – auf dem Gebiet des heutigen Esslingen gelegen haben.

Dort, wo heute die Stadtkirche St. Dionys steht, muss schon damals eine Kirche gewesen sein. Einen enormen Zulauf von Wallfahrern bekam Esslingen, nachdem Fulrad die Gebeine des Märtyrers Vitalis von Italien nach Esslingen bringen ließ. Außerdem lag Esslingen schon damals an einer wichtigen Handelsstraße.

Wann genau Esslingen Reichsstadt wurde, lässt sich heute nicht mehr sagen. Es muss in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gewesen sein, denn ab 1229 sind in Esslingen die Ämter des Schultheißen – der als Stellvertreter des Königs galt – und des Stadtrichter nachgewiesen.

Die Stadt hat eine selbstbewusste Bürgerschaft. Das bekam der Rat schon im 16. Jahrhundert zu spüren. Auf Druck der Bürgerschaft wurde bereits im Jahr 1526 ein evangelischer Prediger eingestellt, 1531 wurde Ambrosius Blarer mit der Reformation beauftragt. Heute leben Protestanten und Katholiken in der Stadt; im „Kloster für die Stadt“ arbeiten sie eng zusammen.

Der bundesweite Trend gilt auch für die evangelische Kirche in Esslingen: Die Mitgliederzahlen sinken. Die Kirche in Esslingen hat in den vergangenen 20 Jahren über 20 Prozent ihrer Gemeindemitglieder verloren – in den Außenbezirken noch mehr als in der Innenstadt. In der City sind die Mitgliederzahlen jedoch leicht steigend. Dekan Bernd Weißenborn erklärt das mit dem verstärkten Zuzug von Familien. In der City werden immer öfter hochwertige Wohnungen gebaut. „Das zieht Familien in die Stadt, die hier vor allem die kurzen Wege schätzen.“ Außer dem Dekan gibt es noch zwei weitere Pfarrer in der Innenstadt. Mit 25.000 Gemeindemitgliedern ist Esslingen nach Stuttgart die zweitgrößte Gesamtkirchengemeinde in der Landeskirche.
Die Kirchengemeinde ist an vielen Stellen in der Stadt präsent. Sie unterhält 44 Kindergarten-Gruppen in 19 Einrichtungen, sie ist bekannt für ihre anspruchsvolle Kirchenmusik, sie betreibt ein Hospiz, eine Vesperkirche und eine Familienbildungsstätte. Seit über 20 Jahren gibt es auch eine Sprachhilfe für Kinder.

Stadt und Kirche arbeiten eng zusammen. Citypfarrer Peter Schaal-Ahlers freut sich darüber, dass Oberbürgermeister Jürgen Zieger sagt, dass auch die Kirchen zu dem Kitt gehören, der die Stadt zusammenhalte. Das ist vor allem auch wegen der vielen Ehrenamtlichen möglich. Jeder Zehnte ist in Esslingen in einem Ehrenamt engagiert.

Bernd Weißenborn ist seit vier Jahren Dekan in Esslingen. Von Anfang an habe ihn begeistert, wie die Kirchengemeinde Probleme angeht: „zupackend und auf keinen Fall jammernd“. Ein gutes Beispiel für das bürgerschaftliche Engagement ist für Bernd Weißenborn  der Umgang mit Flüchtlingen. Einige Flüchtlingsfamilien wurden in einem Gemeindehaus untergebracht. Das sei für den Kirchengemeinderat selbstverständlich gewesen.

Wenn es neue Herausforderungen gibt, dann stellen sich die Esslinger darauf ein. Davon berichtet Siegfried Bessey, Vorsitzender des Gesamtkirchengemeinderates. Er ist in Esslingen geboren und hat den größten Teil des Lebens auch hier verbracht. Bessey erinnert sich noch gut daran, dass Esslingen nach dem Zweiten Weltkrieg viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Immerhin war die Stadt nach 1945  zum großen Teil intakt, weil sie im Krieg nicht bombardiert worden war. Damals sei viel gebaut worden. Etwa die Gartenstadtkirche, die jetzt wieder abgerissen wurde – eben weil sich die Zeiten geändert haben. An deren Stelle wurde ein modernes Kinder-, Familien- und Gemeindezentrum gebaut.

Sorge machen der Kirchengemeinde vor allem die Dauerbaustellen Kirchen. „Die Stadtkirche ist zwar in einem gu-ten Zustand“, sagt Bernd Weißenborn, „aber jetzt steht die Außensanierung der Frauenkirche an.“ Zudem stelle sich die Frage, wie die großen Kirchen künftig genutzt worden sollen. Siegfried Bessey: „Die Frauenkirche soll auf jeden Fall ein Gottesdienstraum bleiben.“ Andere Nutzungen sollen hinzukommen. Welche, darüber wird noch diskutiert.
Für die Franziskanerkirche wurde inzwischen ein Konzept gefunden. Hier hat man sich auf die alte Klostertradition besonnen, „Kloster für die Stadt“ genannt. Die Kirche stand über 150 Jahre im Schatten der Stadt- und der Frauenkirche. Im Jahr 1840 war sie zum großen Teil abgebrochen worden. Vor zehn Jahren hat man sie wieder aufgebaut – allerdings nicht mehr das Langhaus der einst dreischiffigen Basilika, restauriert wurden nur Chor und Lettner. Den Esslingern war die Restaurierung wichtig: Von den 1,8 Millionen Euro Kosten haben sie 100.000 Euro selber aufgebracht.

Heute wird die Kirche für stille Angebote genutzt. Wer in christlicher Tradition meditieren will oder aber auch das Meditieren erst einmal kennen lernen will, kann dies immer montags um 18 Uhr tun (außer an Feiertagen). Angeleitet wird diese Stunde von der Pfarrerin und Meditationslehrerin Cornelia Reusch. Am zweiten Samstag im Monat findet in der Franziskanerkirche das Mittagsgebet statt – immer um 12.12 Uhr.

Wer in die Franziskanerkirche geht, sollte einen Blick in den ehemaligen Kreuzgang werfen. Dort steht eine Kreuzigungsgruppe des Wiener Steinbildhauers Alfred Hrdlicka, dessen Arbeiten immer aufs Neue  zu Diskussionen anregen.

Für das „Kloster in der Stadt“ ist Citypfarrer Peter Schaal-Ahlers zuständig. Er spricht außerdem mit Frauen und Männern, die wieder in die Kirche eintreten wollen. Ganz unkompliziert geht das am Samstagsvormittag in der Stadtkirche St. Dionys; dann ist hier die Wiedereintrittsstelle. Der besondere Service: Wer hier eintritt, bekommt dann auch gleich eine Führung durch die Kirche. 20 bis 25 Wiedereintritte sind es im Jahr. Kürzlich wurde Peter Schaal-Ahlers von einer schwangeren Frau angerufen. Sie hat einige Jahre im Ausland gelebt und dort keine Kirchensteuer gezahlt. Zurück in Deutschland wurde sie wieder kirchensteuerpflichtig. „Das fand ich nicht richtig. Da bin ich ausgetreten. Jetzt werde ich Mutter. Da will ich, dass mein Kind in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen wird. Das ist jetzt viel wichtiger als die Kirchensteuer.“ Das freut nicht nur Pfarrer Schaal-Ahlers, sondern macht allen Mut, die sich mit der Zukunft der Kirche beschäftigen.


Sozial engagierte Bürger

Das Engagement für die Armen ist Teil der gelebten Stadtkultur in Esslingen. Vor über 170 Jahren wurde dort die Evangelische Gesellschaft Stuttgart gegründet, vor 27 Jahren ein Verein, der Wohnungen an Obdachlose vermittelt: die Heimstatt. Stadtverwaltung und Bürger sind tolerant.  Von Nicole Marten 

Esslingen ist eine soziale Stadt, finden City-Pfarrer Peter Schaal-Ahlers und Ralf Brenner, Geschäftsführer der Heimstatt Esslingen, einer sozialen Einrichtung in der Stadt. „Jürgen Zieger sagt immer, dass wir die Armen nicht vergessen sollen“, zitiert Brenner den Oberbürgermeister. Soziale Einrichtungen gibt es viele, teilweise schon lange. Die Evangelische Gesellschaft Stuttgart (eva) wurde hier gegründet. Heute ist die eva in Esslingen etwa mit dem Berberdorf vertreten: In mehreren beheizbaren Baracken finden dort Obdachlose eine Unterkunft. „Dass das so von der Bevölkerung akzeptiert wird, ist etwas Besonderes“, findet Ralf Brenner. Nicht nur die Stadtverwaltung, sondern auch die Bürger trügen das Berberdorf mit.

Peter Schaal-Ahlers hat ebenfalls beobachtet, dass die Esslinger ein großes Herz für die Armen haben. Er zitiert den Strategieprozess ES 2027, der 2008 startete. Darin ging es um Leitlinien für die Stadt und ihre Entwicklung bis 2027. „Die Ergebnisse sind sensationell: Die Bürger wollen nicht, dass Arme auf der Strecke bleiben“, sagt Schaal-Ahlers. Ziel des Strategieprozesses, an dem die Bürger stark beteiligt waren, ist zum Beispiel die Integration von Menschen. Nicht nur die Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch die Ärmeren.
Die Heimstatt Esslingen beispielsweise hat mehrere Häuser gekauft und renoviert. Hier können obdachlose Menschen einziehen und vier Jahre lang leben. Danach hilft der Verein dabei, dass die Menschen auf dem freien Markt eine Unterkunft finden. Gegründet wurde die Heimstatt 1987 auf eine Initiative des damaligen Esslinger Dekans, Klaus Scheffbuch, und des Diakonie-Armutsexperten Frieder Claus. Weit über 280 Menschen haben seither den Weg aus der Obdachlosigkeit geschafft. Dafür wurde der Verein kürzlich von der SPD-Landtagsfraktion mit dem Preis für Verdienste um die soziale Demokratie ausgezeichnet und erhielt 2500 Euro.

Dass das Engagement für Arme in der Stadt eine lange Tradition hat, führt der Esslinger Stadtrat und Rundfunkpfarrer Andreas Koch darauf zurück, dass Esslingen früher freie Reichsstadt war und die Bürger schon deshalb immer engagiert waren für die ärmere Bevölkerung. Ohne tief in die Geschichte einzusteigen, führt er ein Beispiel an: „Das Spital befand sich am heutigen Marktplatz, also mitten in der Stadt, nicht etwa außerhalb.“ Im Laufe der Jahrhunderte seien allerdings andere Prioritäten gesetzt worden. Erst Klaus Scheffbuch und Frieder Claus hätten den reichsstädtischen Geist wieder zum Leben erweckt. Die Früchte des Engagements sind vielfältig.

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