Christliche Themen für jede Altersgruppe

Stuttgart und seine Dichter

Der unstete Eduard Mörike ist in Stuttgart zehn Mal umgezogen, Albrecht Goes hat in Stuttgart-Rohr gelebt, aber an der Gänsheide gepredigt, und Friedrich Hölderlin hat das Motto der Französischen ­Revolution möglicherweise vom Eugensplatz aus vorweg genommen. Ein Spaziergang mit Irene Ferchl verwandelt die Stadt in eine literarische Landschaft.

Vom Albrecht-Goes-Platz aus liegt einem Stuttgart zu Füßen. Ein Aussichtspunkt an einer der nobelsten Wohngegenden, der Gänsheide. Auf dem Rasen steht eine Stele, fast wie ein Grabstein. Der Pfarrer und Schriftsteller Albrecht Goes ist im Jahr 2000 mit 91 Jahren in Stuttgart gestorben. Sein Gedicht „Sieben Leben möcht ich haben“ ist auf der Stele zu lesen. Warum steht dieser Erinnerungsstein  hier? Goes hat doch im Stadtteil Rohr gelebt. „Die Kirche hat Goes ein Leben als freier Schriftsteller ermöglicht, doch hier an der Christuskirche  hat er oft gepredigt“, weiß Irene Ferchl.

Die Journalistin und Literaturwissenschaftlerin Ferchl hat Goes in der Christuskirche nie  sprechen gehört. Aber sie hat ihn bei einer Buchvorstellung kennengelernt. „Ein beeindruckender Mensch, ein Humanist von großer Ernsthaftigkeit“, sagt sie über den Lyriker und Pfarrer. Er hat ihr zu ihrem Mörike-Buch später einen Brief geschrieben, handschriftlich. Sie hält ihn in Ehren.

Irene Ferchl ist eine Expertin für die Stuttgarter Literaturszene, egal für welches Jahrhundert. Für den Kirchentag im Juni hat sie eine vielstimmige Lesung an den unterschiedlichsten Orten der Stadt organisiert. Bürger, Schauspieler und Literaten haben in der ganzen Stadt verteilt über ihre Lieblingsdichter gesprochen. An den jeweiligen Wohnorten der Dichter oder an den Schauplätzen ihrer Texte. Dazu hat Irene Ferchl auch ein Buch verfasst. Die „Erzählte Stadt“ ist ein literarischer Stadtführer in 75 kurzen Kapiteln. Am besten, man liest die  Texte über Thaddäus Troll, Marin Walser oder Wilhelm Waiblinger nicht auf dem Sofa, sondern am jeweiligen Ort des Geschehens.

Vom Albrecht-Goes-Platz sind es über die Georg-Elser-Staffel und die herrschaftliche Diemershalde nur wenige Minuten zum Eugensplatz. Es gibt keinen Beweis, aber viele Hinweise, so   Irene Ferchl, dass Friedrich Hölderlin  dort oben zu folgenden Zeilen inspiriert wurde: „Bückt Euch tief auf den Narrenbühnen der Riesenpäläste“, baut „der Freundschaft Hütten auf meiner einsamen Haide“. Eine Vorwegnahme des Mottos der Französischen Revolution „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“? Man kann sich das gut vorstellen vom Eugensplatz aus mit Blick auf das Neue Schloss. Eine steile Gasse und ein paar Straßenzüge weiter erinnert eine kleine Tafel in der Moserstraße 22 an den Pfarrer und Dichter Eduard Mörike. Ein ewiger Flüchtling, der es nirgendwo lange ausgehalten hat. Allein in Stuttgart ist er zehn Mal umgezogen, in der Moserstraße ging seine Lebensodyssee zu Ende. Mörike ist auf dem Pragfriedhof begraben. Genau wie sein Bewunderer Albrecht Goes.  


Irene Ferchel
Erzählte Stadt
Silberburg Vlg.
kartoniert, 135 S.
12,90 €

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