Christliche Themen für jede Altersgruppe

Trauer hat viele Gesichter

Ludwigsburg – Kinder und Jugendliche, die einen nahen Angehörigen verloren haben, brauchen ­besondere Unterstützung. In Ludwigsburg fand nun zum zweiten Mal ein Fotoworkshop statt, bei dem Jugendliche ihrer Trauer einen ganz persönlichen Ausdruck gegeben haben. 



Fotoworkshop für Trauernde: Valentin Gross (links) und Sasha Krömitz. (Foto: Brigitte Jähnigen)


Verzeihen. Verdrängen. Still sein. Stolz sein. Schwimmen. Schlafen. Die Trauer kennt viele Verben. Und einige haben sie aufgeschrieben, die Kinder und Jugendlichen aus Ludwigsburg, die in den vergangenen Jahren einen geliebten Menschen verloren. Das Plakat mit den Verben hängt im Haus Sophie Scholl in der Ludwigsburger Solitudestraße. Hier treffen sie sich, wenn sie über Verlust, Sehnsucht und Trauer sprechen wollen.

Sasha Krömitz (17) zum Beispiel. Vor zwei Jahren starb seine Zwillingsschwester. „Wir waren den ganzen Tag zusammen, aber über meine tote Schwester konnte ich nicht reden“, sagt Sasha. Nicht einmal mit seinen Freunden vom Sport. In der Kinder- und Jugendtrauergruppe brach der innere Widerstand. Am Ende dieser Sommerferien hat der 17-Jährige am gleichen Ort zum zweitenmal an einem Fotoworkshop teilgenommen. Als Motto des Workshops 2015 gab es das Angebot : „Ein Bild für dich.“ In diesem Jahr hieß es: „Wie schön du bist.“

Allein und in Gruppen sind die Jugendlichen in der Gegend ausgeschwärmt, um im Alltag Motive zu finden, mit denen sie ihre Traurigkeit ausdrücken können. Fotos – in Großdruck – von beiden Workshops werden am 22. Oktober in der Ludwigsburger Friedenskirche zu sehen sein, wenn Judy Bailey mit Band und Gästen ein Benefizkonzert zu Gunsten der Kinder- und Jugendtrauer der Ökumenischen Hospizinitiative im Landkreis Ludwigsburg gibt.

„Junge Menschen sind heute dauernd mit dem Handy unterwegs. Texten und Fotografieren gehört zu ihrem Alltag“, sagt Michael Friedmann. „So entstand die Idee, diese Mittel der nonverbalen Kommunikation in der Trauerarbeit zu nutzen“, erzählt der Referent für Kinder- und Jugendtrauer in Ludwigsburg. Mit ins Boot geholt wurden Angelika Kamlage, professionelle Fotografin, und Nicola Rupps, Ehrenamtliche des Kinderhospizdienstes. Sasha Krömitz‘ in Schwarz-Weiß gedrucktes Motiv vom vorigen Jahr zeigt aus der unteren Perspektive vier Stufen einer Treppe, über die der Betrachter eine alte Couch erreicht. „Wenn du einen Traum hast, aber du nicht weißt, was dich erwartet, habe keine Angst“, fügte Sasha als Text dazu. Und weiter: „Erklimme Stufe für Stufe, bis dein Licht dich erwartet.“

Auch Anne Henning (18) interessierte sich für den Fotoworkshop. Zum Thema des vorigen Jahres entschied sie sich, das Detail eines roten Vorhanges zur Vergrößerung freizugeben. „Es war eigentlich ein Schnappschuss aus dem Meditationsraum“, sagt die junge Frau. Als Text fügte sie „See behind the curtain – Schau hinter den Vorhang“ hinzu. Als ihr Vater an den Folgen einer schweren Erkrankung starb, war Anne 15.

„Trauernde fühlen sich gebrandmarkt“, sagt Michael Friedmann. „Sie sorgen sich, ob man ihnen ihre Trauer ansieht,  und meinen, dass sie in der Öffentlichkeit nicht weinen sollen“, so der Referent. Doch Trauerarbeit setze schon vor dem endgültigen Verlust ein. „Kinder spüren, wenn jemand, den sie lieben, an der Krankheit sterben wird. Man sollte es ihnen nicht verschweigen, sie ernst nehmen“, sagt der Seelsorger. Und noch einen Tipp hat er für Familien, in denen Vater oder Mutter oder andere geliebte Menschen gestorben sind: „Wir raten, niemals das liebste Kuscheltier mit ins Grab zu geben, denn sonst sind beide verloren, der Papa und das Kuscheltier.“

Valentin Gross (15) musste sich von einem Moment zum anderen von seinem Vater verabschieden. Der Vater, ein begeisterter Freizeitsportler, wurde vor zwei Jahren bei einer Fahrradtour von einer Autofahrerin angefahren. Noch auf dem Weg zum Krankenhaus starb er. „Es war Sonntagmorgen, meine Mutter war joggen, es klingelte, vor der Wohnungstür stand die Polizei“, erinnert sich Valentin.

So wurde er der erste Empfänger der schrecklichen Botschaft. „Wie soll man das begreifen“, fragt sich der 15-Jährige noch heute, glaubt aber, dass er „es akzeptiert“ hat. Nur: „Gott hat nicht geholfen, als mein Vater starb.“ Valentins Fotomotiv ist ein zweigeteiltes Bild. „Dein Leben“ hat er einem Fahrradmotiv hinzugefügt, „mein Leben“ seinem Wave Board.

Der Vater, die Mutter, die Schwester, sie alle fehlen sehr, wenn sie gegangen sind. „Am Todestag, an Feiertagen, bei Wochenendausflügen, in Diskussionen besonders“, sagt Felix Kloth (14). Auch er wird mit seinem Bild am 22.Oktober in der Friedenskirche inLudwigsburg von seiner Trauer über den toten Vater erzählen. Informationen zur Kinder- und Jugendtrauerarbeit gibt es über michael.friedmann@hospiz-bw.de



Das Benefizkonzert mit Judy Bailey am 22. Oktober findet um 19 Uhr in der Friedenskirche Ludwigsburg statt.


Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 49/2017

THEMA - Angst überwinden

Ausgabe 4/2017

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Werden Sie im neuen Jahr einen guten Vorsatz umsetzen?
Ja.
Nein.
Ich bin unentschieden.