Christliche Themen für jede Altersgruppe

Trotz allem Grund zum Danken

Ist die Obstkiste sprichwörtlich halbvoll oder halbleer? Eigentlich die falsche Frage. Die Kisten der Obstbauern am Bodensee werden in diesem Jahr nämlich weit weniger als halbvoll – im Vergleich zu normalen Erntejahren. Ein Besuch zu Erntedank bei zwei Familien am Bodensee. 


So sehen Frostschäden an Topaz-Äpfeln aus. Sie schaden nicht der Qualität - aber der Optik. (Foto: Brigitte Geiselhart)


Auf dem Hof von Andrea und Frieder Hutt in Friedrichshafen-Berg herrscht Tristesse. „Nach den Frostnächten Ende April befürchteten wir zunächst eine Schadensquote von 70 bis 80 Prozent. Doch jetzt erkennen wir, dass der Ernteausfall bei Äpfeln zwischen 95 und 100 Prozent liegt“, sagt Hutt – und zeigt exemplarisch einen Jonagold-Baum. Dort, wo in guten Erntejahren rund 80 bis 100 Früchte hängen, verlieren sich jetzt gerade einmal zwei Äpfel. Ein trauriges Bild. Äpfel, die geerntet werden können, weisen sogenannte „Frostringe“ oder andere Frostschäden auf, die zwar der Qualität nichts anhaben, aber der Optik. „Und das will der Kunde in der Regel nicht“, so die Erfahrung des Obstbauern. „Nicht zu vergessen die Zwetschgen. Die sind nämlich auch erfroren, vom Regen aufgeplatzt und zum Teil verhagelt.“ Einziger Lichtblick: „Dank der exponierten Lage unserer Birnbäume wird die Birnenernte super“, hat man auf dem Bio-Obsthof Hutt wenigsten einen kleinen Grund zur Freude. Gesamtfazit: Statt bis zu 1200 Tonnen Obst werden in diesem Jahr maximal 100 Tonnen Obst erwirtschaftet.

Danken – wofür? „Natürlich ist Erntedank schwierig“, sagt Frieder Hutt frei heraus. „Dennoch dürfen wir für unsere gesamte Lebenssituation dankbar sein. Wir haben weder Krieg noch Verfolgung, müssen weder Hunger noch Durst leiden, die Familie ist gesund. Man darf Gott nicht dafür verantwortlich machen, dass der Mensch die Schöpfung vergewaltigt“, betont der Protestant mit Blick auf den Klimawandel, der letztlich für viele Veränderungen verantwortlich sei. „Auch ich habe Grund zu danken. Wir haben die Möglichkeit, in der Natur unsere Produkte zu erwirtschaften, ich bin dankbar für das Leben hier“, ergänzt die Katholikin Andrea Hutt.

Den Familienbetrieb gibt es mittlerweile in der dritten Generation. „Ich betrachte das alles als geliehen“, sagt der 51-jährige Frieder Hutt und hofft, dass er den Hof eines Tages an einen seiner drei Söhne – derzeit im Alter von 19, 18 und 16 Jahren – weitergeben kann. Seit 2006 ist sein Hof ein nach den Bioland Richtlinien zertifizierter Ökobetrieb. Schwerpunkt ist der Apfelanbau, der auf mehr als 50 Hektar betrieben wird. Hier gedeiht normalerweise alles, was sich Apfelfreunde nur wünschen können – von den Frühsorten Collina und Delbare über Santana, Elstar, Topaz, Gala und Jonagold bis zu den späteren Sorten Galant und Braeburn. „In der Regel arbeiten 20 bis 25 Erntehelfer aus Rumänien bei uns. Dieses Jahr sind es gerade einmal vier. In anderen Jahren haben wir auch acht bis zehn Frauen zum Ausdünnen der überzähligen Äpfel an den Fruchtständen“, konstatiert Andrea Hutt. „Dieses Jahr keine einzige. Das trifft diese Frauen bitter, denn oft sind ihre Männer arbeitslos und sie müssen die ganze Familie ernähren.“

Wie wird es weitergehen? Gibt es nur Absichtserklärungen oder wirklich staatliche Unterstützung? Und wenn ja, in welcher Höhe? Wann kommt wieder ein „fettes“ Jahr wie 2014? „Man muss über die Bäume schauen – also himmelwärts“ – das hat Frieder Hutts Großvater 1951 nach einem großen Frost zu seinem Sohn gesagt. Dennoch: „Jetzt müssen wir an unsere Reserven gehen. Noch ein solches Jahr würden wir nicht überstehen“, sind Andrea und Frieder Hutt sicher.

Ganz ähnlich ist die Situation am Obsthof von Markus und Alexandra Nagel in Oberteuringen. Auch hier ist die Ernte bereits angelaufen. Die meisten Apfelkisten bleiben leer und auch die maschinelle „Ernteflotte“ ist alles andere als ausgelastet. „Vielleicht können wir rund 20 Prozent der normalen Apfelernte einfahren“, so die aktuelle Prognose. Weil es keine Frühäpfel gab, konnte sich die Familie mit ihren beiden Töchtern in diesem Sommer zum ersten Mal sogar ein paar Urlaubstage gönnen, ohne sich um eine Vertretung kümmern zu müssen. Was sich auf den ersten Blick positiv anhören mag, bringt in Wirklichkeit die prekäre Situation der Obstbauern auf den Punkt. „Die Existenz ist in Gefahr“, sagt Markus Nagel ohne Wenn und Aber. Wann und in welcher Höhe mit staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zu rechnen ist, darüber kann er nur spekulieren.

„Es gibt schon Momente, in denen man den Kopf hängen lässt und den lieben Gott fragt, wie alles weitergehen soll“, räumt Alexandra Nagel ein. „Trotzdem haben wir Grund zu danken“, sagt sie. Und so wird es auch in diesem Jahr eine Selbstverständlichkeit sein, dass der Obsthof Nagel seinen Beitrag für die Gestaltung des Erntedankaltars der evangelischen Kirchengemeinde Oberteuringen leistet – statt mindestens drei wird es in diesem Jahr eben nur eine Kiste Äpfel sein.

1923 wurde der Obsthof von Markus Nagels Großvater, der ursprünglich aus Reutlingen kam, gekauft. Neben 30?000 Apfelbäumen im konventionellen Anbau wird mittlerweile auch der Bio-Betrieb vorangetrieben, wenn es um die Verwertung der Äpfel für Säfte geht. Traditionell setzt man im Hause Nagel auf familiären Zusammenhalt. „Ohne meine Mutter wären wir verloren“, weiß der 48-jährige Markus Nagel insbesondere den tatkräftigen Einsatz seiner mittlerweile 76-jährigen Mutter Elfriede, aber auch anderer Familienmitglieder, die immer wieder mal aushelfen, dankbar zu schätzen. Gerade auf den Wochenmärkten in Friedrichshafen und Rottweil sucht man vermehrt das Gespräch mit den Kunden. „Wenn wir den Leuten erklären, dass die Äpfel aufgrund von Frostschäden nicht makellos sind – sie aber in der Qualität nichts eingebüßt haben, dann bekunden viele Verständnis und kaufen trotzdem“, weiß Alexandra Nagel. Anderes Beispiel für die verheerenden Auswirkungen des Frostes im April: Wenn an einem Braeburn-Baum nur vereinzelte Äpfel hängen, dann werden diese Früchte viel größer als gewollt. „Manche Äpfel haben jetzt schon einen Durchmesser von fast 80 Millimetern und wachsen immer noch weiter“, berichtet Markus Nagel. „Diese Äpfel nimmt uns kein Super-markt ab. Außerdem sind sie schlecht zu lagern.“ Hinzu komme, dass das Wachstum der Bäume in diesem Fall mehr in die Triebe gehe, was in der Konsequenz dann wieder zu einem höheren Pflegeaufwand führe.
Äpfel sind nicht alles rund um den Obsthof Nagel in Oberteuringen. Die Kirschernte war in diesem Jahr zwar schlecht, aber immerhin vorhanden. Der Zwetschgenertrag ist gering, viele Früchte sind aufgrund der vielen Regenfälle aufgeplatzt. Zufrieden ist man nur mit der Birnen- und vor allem der Heidelbeerernte. Zum Einsatz kommen nur rund ein Drittel der im Normalfall benötigten polnischen Ernte­helfer. Insgesamt gesehen war das Jahr 2017 finanziell gesehen ein Desaster. „Geld ist das eine – aber es gibt noch mehr“, sagt Markus Nagel. Er hat seit drei Jahren mit starkem allergischem Asthma zu kämpfen. „Man kommt noch ein bissle zu-recht. Wir hängen eben mit so viel Herzblut an unserer Arbeit“, lassen Markus und Alexandra Nagel ihren Mut nicht sinken. „Wir sind auf der Suche nach einem zweiten Standbein – eventuell im Tourismus“, blicken sie trotz des Katastrophenjahrs 2017 optimistisch in die Zukunft.

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