Christliche Themen für jede Altersgruppe

Und plötzlich ganz nah

An Pfingsten gab es erst einen Sturm, dann kam das Feuer, und schließlich wurden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt. Das hört sich einfach an. Dennoch ist Pfingsten das schwierigste unter den großen christlichen Festen. Denn wie soll man sich den Heiligen Geist vorstellen? Wie erkennt man ihn? Eine Spurensuche auf dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg. 

Sinnbild des Heiligen Geistes: die Tauben. 500 Friedenstauben stiegen als Boten der guten Nachricht auf dem Domplatz in Magdeburg beim "Kirchentag auf dem Weg" in den Himmel. (Foto: epd-bild)


Das erste, was in Berlin auffällt, sind schwer bewaffnete Polizisten. Kirchentage gelten als die fröhlichsten Großereignisse in Deutschland. Doch diesmal ist es anders. Polizisten mit schusssicheren Westen und Maschinenpistolen, Polizisten in Zivil, Polizisten mit Warnwesten auf den Bahnhöfen und vor den Bühnen im Freien. Teile der Innenstadt sind für Autos gesperrt: mit rot-weißen Absperrgittern, aber auch mit schweren Betonstraßensperren, manchmal zwei oder drei hintereinander.

Die Angst vor einem Attentat ist groß, die vor den auffälligen Waffen auch. Niemand fragt einen Polizisten mit Maschinenpistole nach dem Weg. Die Frage nach dem Heiligen Geist stellt sich hier nicht. Wer zum Eröffnungsgottesdienst will, muss erst mal warten. Jede Tasche, jeder Rucksack wird kontrolliert, „zu Ihrer eigenen Sicherheit“, sagen die Kontrolleure immer dazu. Jeder versteht das.
Kurz vor dem Eröffnungsgottesdienst regnet es, nur leicht und nur kurz, pünktlich um 18 Uhr hört der Regen auf. Da hat Pfarrerin Sabine Löw aus Stuttgart-Weilimdorf den Heiligen Geist zum ersten Mal auf dem Kirchentag gespürt. Das passt zum biblischen Bild vom Sturm – der ja meistens mit Regen verbunden ist.
Doch der Heilige Geist ist mehr als ein Sturm. Pfarrer Eberhard Schwarz aus Stuttgart bringt es auf den Punkt: „An Pfingsten geht es doch um nichts anderes als um die Kommunikation zwischen Himmel und Erde sowie um die Kommunikation zwischen Menschen.“ Der Heilige Geist macht eine Verständigung erst möglich.

Eine Erzieherin erzählt von ihrem Heilig-Geist-Erlebnis: Sie und ihr elfjähriger Sohn machen in der S-Bahn wie so oft ein Fadenspiel. Die beiden üben so ihre Geschicklichkeit. Aus einer Kordel wird durch Abheben und über die Finger legen eine Figur. Der Inder, der neben Mutter und Sohn sitzt, kennt das Spiel, lächelt und redet mit, nicht mit Worten, sondern in Mimik und Gesten. Für die Erzieherin ist das ein Pfingstwunder: Menschen mit verschiedenen Sprachen sind sich auch ohne Worte ganz nah. Wie in der Apostelgeschichte: „Sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“

Mit anderen ins Gespräch kommen, das können Kirchentagsteilnehmer auf eine besondere Weise bei den Straßenexerzitien. „Üben, Christus auf der Straße zu finden“ steht im Untertitel. Die Aufgabe: ohne Geld, ohne Stadtplan, ohne Tasche, ohne Handy, wenn es geht auch ohne Schuhe, rund um den Hansaplatz zu gehen. Dabei die Natur, die Gebäude, die Menschen wahrnehmen.

Die Hochhäuser interessieren einen der Teilnehmer, er schaut sich die langen Klingelbretter an, klingelt schließlich bei „König“ und unterhält sich mit Herrn König. Die beiden Männer sehen sich nicht, reden miteinander nur über die Sprechanlage.

Bei einer gelingenden Kommunikation ist der Heilige Geist gegenwärtig. Zwei Männer, die ihr Gegenüber ernst nehmen, sich über das Gespräch freuen. Für solche spirituellen Erlebnisse bleibt im Alltag in der Regel keine Zeit. Jörg Haas ist Begleiter von Straßenexerzitien und erklärt sie: Respektvolles Hören und Sehen ist Leitmotiv der Straßenexerzitien, es geht um das Langsamwerden und auch darum, Gottes Stimme zu hören.

Vom Heiligen Geist ist auch in der Ökumene oft die Rede – vor allem, wenn es ums gemeinsame Abendmahl geht. Heftige, ja verbissene Debatten werden darüber geführt. Wo etwa war der Heilige Geist 2003 beim ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin? Damals wurde Gotthold Hasenhüttl von seinem Dienst als Priester suspendiert, weil er zur Eucharistiefeier ausdrücklich auch Evangelische eingeladen hatte. Die Entbindung vom Priesteramt sprach ausgerechnet Reinhard Marx aus, der damals Bischof von Trier war.

2017 sind andere Zeiten. Reinhard Marx, heute Kardinal von München, und Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, sind gute Freunde, per Du und bekennen: „Wir wollen zusammen gehen!“ Sie legen gemeinsam die Jakob-Esau-Geschichte aus und versichern sich ihrer Wertschätzung. 2003 schien die Kluft zwischen evangelisch und katholisch noch unüberbrückbar zu sein.

Aber nicht nur die beiden Bischöfe sind Freunde geworden, auch die akademische Theologie kommt sich näher. Der evangelische frühere Theologieprofessor Wolfgang Huber und die katholische Theologieprofessorin Johanna Rahner machen dies vor. Wolfgang Huber sieht Unterschiede zwischen den Konfessionen vor allem im Verhältnis zur Kirche. Er nennt das milieuspezifische Prägungen – redet nicht von dogmatischen Differenzen. „Evangelisch“ heißt für Huber vor allem kirchendistanziert, „katholisch“ dagegen kirchenverbunden.

Doch für Huber ist entscheidend: „Wir sind Christen, bevor wir evangelisch oder katholisch sind.“ Dennoch: Christ sei man immer auch in der bewussten Aneignung einer Tradition. „An der reformatorischen Tradition, in der ich lebe, sind mir das Vertrauen auf Gottes Gnade, die gemeinsame Verantwortung aller Getauften und die Lebensform verantworteter Freiheit besonders wichtig.“
Die katholische Theologieprofessorin Johanna Rahner erinnert daran, dass „katholisch“ allumfassend heißt und nicht römisch-katholisch. Überhaupt sei Reformation nicht gleichbedeutend mit evangelisch. Schließlich habe die Reformation lange vor Martin Luther begonnen. Im Mittelalter habe sich die Frömmigkeit verändert, die Kirche habe darauf reagieren müssen. „Wenn es ein Grundprinzip des Katholischen gibt, dann ist es wohl dieses: Reformatio!“ Da ist sich Johanna Rahner sicher. Katholisch habe nie bedeutet, „die Kirchen voll zu kriegen, sondern als katholisch galt immer, die Botschaft des Evangeliums bis an die Enden der Welt zutragen.“

Soviel Gemeinsamkeit der Konfessionen war noch nie. Das sieht auch Wolfgang Huber so: „Wenn wir uns um Jesus Christus versammeln und an sein Wort halten, brauchen wir vor der Vielfalt keine Angst zu haben. Wenn diese Angst vergeht, erkennen wir, dass wir in unserer Verschiedenheit zusammengehören. Dann sind wir alle – in unserer bleibenden Verschiedenheit – evangelisch und katholisch zugleich.“

Versöhnung ist nicht nur zwischen den Konfessionen wichtig, sondern in Berlin ganz besonders wegen des Mauerbaus. Kaum woanders wird der Heilige Geist so spürbar wie an der und rund um die Versöhnungskapelle. Sie steht im Todesstreifen von damals. René Groß, Elke Weckeiser, Winfried Feuchtenberg und noch weitere 136 Männer und Frauen sind dort getötet worden, weil sie in den Westen fliehen wollten.

Der Todesstreifen ist bis heute sichtbar, die Namen der Todesopfer sind unvergessen, der Wachturm steht noch immer, eine Wand und Stäbe aus Kortenstahl markieren die Unüberwindbarkeit der Mauer. Doch ein Roggenfeld und die großen Bäume am Rande des Todesstreifens deuten an, dass aus einem toten Ort auch wieder ein guter Ort, aus dem Todesstreifen ein Lebensort werden kann.

Die Versöhnungskapelle ist an diesem Abend zu klein für die Menschenmenge, die zum Feierabendmahl kommt – Frauen und Männer aus Berlin, Heidelberg, Hamburg. Im Gottesdienst stellt eine Frau, die in der Nähe wohnt, die Frage, die hier immer wieder gestellt wird: „Dürfen wir auf diesem Todesstreifen, auf dem heute ein Rasen und ein Feld ist, essen und trinken?“ Der Ort ist nämlich nicht nur ein Gedenkort, sondern auch eine grüne Oase mitten in der Stadt. Die Antwort lautet: „Ja. Wir tun den Opfern nicht unrecht, wenn wir hier sitzen, reden und essen, sondern nur wenn wir sie vergessen.“
Brot und Wein gibt es, aber auch Gurken, Käse und das, was jeder mitgebracht hat: Himbeerbonbons, Schokokekse. Dienstags bis freitags finden immer um 12 Uhr Andachten für die Todesopfer statt. Versöhnung schien an einem Ort wie diesem niemals möglich zu sein. Der Heilige Geist ist jedoch auch hier und beweist das Gegenteil.

Dass der Geist mehr draußen bei den Menschen weht und nicht nur im Gottesdienst vorkommt, wünscht sich Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au. Kirche solle sich mehr als bisher auf ihre Botschaft konzentrieren. „Lassen wir die Sorge sein, ob wir richtig oder falsch Kirche sind, lassen wir uns vom Geist herauswehen auf die Gassen“, sagt die Theologin. Es reiche nicht, wenn in der Kirche gepredigt und die Sakramente ausgeteilt würden. Die Kirche müsse sich fragen, wie sie die Botschaft der Befreiung des Einzelnen nach außen verkünden könne. „Wenn diese Botschaft nicht durchkommt, haben wir ein ganz anders Problem als die Kirche vor 500 Jahren“, sagte Aus der Au in Anspielung auf die Anfänge der Reformation im 16. Jahrhundert.

Der Stuttgarter Pfarrer Eberhard Schwarz findet den Heiligen Geist ausgerechnet bei dem jüdischen Schriftsteller Amos Oz. Dieser liest aus seinem Roman „Judas“. Amos Oz erzählt die Judas-Geschichte neu, stellt die Frage nach dem Warum. Unterschiedliche Personen spekulieren in dem Roman über die Gründe, warum Judas Jesus verraten hat. Irgendwann werden aus den Romanfiguren Freunde und Amos Oz gesteht auf dem Kirchentag, dass nicht einmal er als Autor weiß, wie und wann genau sie zu Freunden geworden sind.

Wer zu Hause Freunde, Kollegen oder Menschen auf der Straße nach dem Heiligen Geist fragt, bekommt in der Regel keine Antwort. Auf dem Kirchentag ist das anders. Da wird die Frage nach dem Heiligen Geist gern beantwortet. Pfarrerin Dorothee Sauer und Pfarrer Matthias Ströhle aus Erolzheim-Rot im Kirchenbezirk Biberach berichten von Antworten aus ihrer Gemeindegruppe. Eine Frau redet auf dem Markt der Möglichkeiten mit einem Vertreter der Diakonie Kata­strophenhilfe und erfährt dabei, wie erfolgreich die Arbeit solcher Organisationen sein kann. „Dieses Gespräch hat mich echt froh gemacht. Ich sehe jetzt, dass Kirche etwas bewirkt.“

Eine andere Frau ist gerade bei der leidigen, aber notwendigen Taschenkontrolle, als die Menschenmenge vor dem Abendsegen auf dem Gendarmenmarkt spontan in ein berührendes ‚Bless the Lord‘ einstimmt. „Wo gibt es so etwas sonst?“

Immer wieder ist es das Unerwartete, das mit dem Heiligen Geist in Verbindung gebracht wird. So wie es im Bibeltext heißt: „Es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel.“ Sabine Löw ist etwa erstaunt darüber, dass sich selbst ein Ministerpräsident manchmal ganz klein fühlt. Bei der Bibelarbeit über den Zöllner Zachäus bekennt dies Winfried Kretschmann. Doch von Zachäus habe er dennoch auch gelernt, dass man immer aktiv werden und sein Leben wieder ändern könne.

Der Heilige Geist ist auch beim Schlussgottesdienst in Wittenberg. Das mag auf den ersten Blick nichts Besonderes sein, denn jeder Gottesdienst wird ja schließlich gefeiert im „Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Doch was heißt diese liturgische Formel über den Gottesdienst hinaus? Die Antwort von Kirchentagspastor Arnd Schomerus zu Beginn des Gottesdienstes ist mit einer Aufforderung verbunden: „Im Namen Gottes, erhebt eure Herzen. Im Namen Jesu, wendet euch einander zu. Im Namen der Heiligen Geistkraft, feiert das Leben.“


Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 47/2017

THEMA - Angst überwinden

Ausgabe 4/2017

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.

Meinungsumfrage

Meinungsumfrage

Soll man an Weihnachten aufs Schenken verzichten?
Ja.
Nein
Ich bin unentschieden.