Christliche Themen für jede Altersgruppe

Unterschiede verschwinden

STUTTGART/FELLBACH (Dekanat Waiblingen) – Wer Mitarbeiter mit Behinderung oder Erkrankung beschäftigt, braucht Geduld und Rücksicht. Dies gilt auch in Cafés und Restaurants, wo es häufig hektisch zugeht. Im Raum Stuttgart haben vor kurzem zwei neue inklusive Gastronomiebetriebe eröffnet. Sie zeigen, dass es in Lokalen auch anders zugehen kann. 

Stressiger ist es für die Mitarbeiter geworden, seit sie im Café Entrée am Fellbacher Marktplatz arbeiten. Doch das verdirbt ihnen nicht die gute Laune. (Foto: Martin Janotta)

Das landläufige Bild von der Gastronomie: hektisch herumhetzende Kellner. Rufe aus der Küche. Gäste, die kritische Blicke auf ihre Armbanduhren werfen. Anscheinend kein Ort für Inklusion, also die Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderung. Doch immer häufiger gibt es Restaurants und Cafés, in denen Menschen mit Behinderung oder Erkrankung beschäftigt werden. Nur geht es dort ein wenig anders zu. Geduldiger.

Gleich beim Eintreten in das Restaurant „Rudolfs“ im Treffpunkt Rotebühlplatz in der Stuttgarter Innenstadt erklärt eine Mitarbeiterin den Gästen ausführlich, wie sie mit der Chipkarte umgehen sollen, die hier als Zahlungsmittel verwendet wird. Dabei lächelt sie die gesamte Zeit. In der freundlichen, hellen Einrichtung des Lokals werden an verschiedenen Theken Hauptspeisen, kleine Snacks, Kaffee und andere Getränke angeboten. Die Mitarbeiter an diesen Theken zeigen ein gutes Fachwissen über die Speisen vor ihnen und teilen das gerne mit dem Gast. Überall spürt man eine hohe Motivation.

Diese sei bei Mitarbeitern in inklusiven Restaurants besonders ausgeprägt und ehrlich, sagt Irmgard Plößl. Die Psychologin am Rudolf-Sophien-Stift weiß, wovon sie spricht. Seit über 20 Jahren arbeitet sie mit psychisch erkrankten Menschen. Sie hat das Rudolfs mit entwickelt; im vergangenen November wurde es eröffnet. Es ist die größte derartige Einrichtung im Raum Stuttgart. Im Restaurant arbeiten 13 Menschen mit psychischer Erkrankung, die an der beruflichen Rehabilitation des Rudolf-Sophien-Stifts teilnehmen. Angeleitet werden sie von gastronomischen Fachkräften. Dem Besucher im Rudolfs fällt es auf den ersten Blick schwer, Service-Kräfte mit und ohne Erkrankung zu unterscheiden. Für Irmgard Plößl ein Vorteil: „Die Unterschiede sind oft nicht zu erkennen. Durch die Begegnung mit Gästen und Besuchern des Hauses wird für beide Seiten erfahrbar, dass psychisch erkrankte Menschen gar nicht so anders sind.“ Viele Mitarbeiter genießen den Kontakt zu den Gästen. Oft hatten sie sich während der Erkrankung zurückgezogen.

So wie Johanna S. (Name geändert). 2009 trennte sich ihr Mann von ihr. Sie fiel in ein tiefes Loch, bekam Depressionen und Panikattacken. „Mir wurde meine Sicherheit völlig genommen.“ Ein Versuch auf dem ersten Arbeitsmarkt scheiterte. Ihr Umfeld konnte die Krankheit nicht nachvollziehen. Schließlich konnte sie sich wieder soweit fangen, dass sie eine Reha im Rudolf-Sophien-Stift beginnen konnte. Zuerst war Johanna S. in der Buchbinderei der Einrichtung beschäftigt, nun ist die 53-Jährige Teil des Service-Teams im Restaurant. Die Arbeit gefällt ihr. „Hier kommt man viel mit Menschen zusammen.“ Körperlich jedoch fordert sie der Job. „Das viele Stehen und Laufen strengt mich sehr an. Da brauche ich immer wieder Pausen.“ Johanna S. arbeitet an zwei Tagen in der Woche.

Wie das Rudolfs hat sich auch das „Café Entrée“  inzwischen etabliert. Am Fellbacher Rathaus werden Kaffee, Kuchen und kleinere Speisen angeboten. Die zentrale Lage war für die Remstal-Werkstätten der Diakonie Stetten ein Glücksfall, wie Bereichsleiter Claus Schoch erklärt: „Wir betreiben seit einigen Jahren Cafeterien in den Kliniken in Schorndorf und Waiblingen. Da das Waiblinger Krankenhaus geschlossen wird, haben wir eine Alternative gesucht und in Fellbach gefunden.“ Im Entrée arbeitet nun seit vergangenem September das Team aus Waiblingen. Die Anforderungen seien gestiegen, so Schoch.

Die vier Mitarbeiter mit geistiger Behinderung halten das aus. Felix freut sich über den Umzug nach Fellbach, da er in der Nähe wohnt. Am meisten gefällt ihm das Gespräch mit den Kunden, weniger mag er das Putzen. „Aber das gehört dazu.“ Neue Ziele hat er sich auch gesetzt: „Ich will lernen, wie die Kasse funktioniert.“ Felix freut sich auf den Sommer, wenn das Entrée außen bestuhlt ist und er den Gästen Eis bringen kann. Auch Kollegin Mirjam arbeitet gerne im Café. Abends ist sie ziemlich geschafft: „Oft komme ich nach Hause und dann – Bumm.“ Erst tat sie sich mit dem Aufschreiben der Bestellungen schwer, inzwischen geht es gut. Für Mitarbeiter Jonathan stellte sich dieses Problem gar nicht: „Ich merke mir einfach alles.“ Die Mitarbeiter im Entrée wechseln wöchentlich zwischen Küche, Theke und Service. Unterstützt werden sie von zwei Leiterinnen.

Bei einem Café im Stadtzentrum bleibt Stress nicht aus. Beim Weihnachtsmarkt etwa oder beim Fellbacher Herbst, dem örtlichen Weinfest im Oktober, wo „kein Stuhl länger als zehn Sekunden unbesetzt blieb“, erzählt Claus Schoch. Auch sonst geht es manchmal hoch her, berichtet Felix: „Vergangenen Freitag hatten wir eine türkische Hochzeit mit 40 Gästen. Da hatten wir viel zu tun.“

Weder im Rudolfs noch im Entrée möchte man auf eine Inklusionseinrichtung reduziert werden. „Wir erwarten keine Toleranz von den Gästen, wir möchten Leistung bringen“, sagt Claus Schoch. Auch Irmgard Plößl weiß, dass eine Einrichtung wie das Rudolfs in Stuttgarts Stadtmitte nicht deshalb überlebt, weil sie Mitarbeiter mit psychischer Erkrankung beschäftigt. Deshalb setzt man auf Bio-Lebensmittel, faire Preise und ein modernes Ambiente.

Warum aber eignen sich Cafés und Restaurants für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung? Irmgard Plößl sieht den Vorteil im Austausch auf Augenhöhe zwischen Gästen und Mitarbeitenden. Die Menschen mit psychischer Erkrankung erbringen im Rudolfs nicht nur eine Dienstleistung, sondern  sie erkundigen sich auch einmal nach dem Wohl des Gastes, wie überall, wo es Stammgäste gibt. Auch in Fellbach wird das Besondere am inklusiven Café im unmittelbaren Austausch mit der Umwelt gesehen.

Schnittpunkte zum „normalen“ Leben sollen die Lokale in Fellbach und Stuttgart sein. Den Mitarbeitern jedenfalls merkt man die Freude an ihrer Arbeit an. Als der Journalist des Gemeindeblatts das Rudolfs verlassen möchte, ruft die Frau am Ausgang hinterher: „Es macht richtig Spaß, hier zu arbeiten. Das wollte ich Ihnen noch sagen.“ Dabei strahlt sie. Ein ehrlicher Beweis für gelungene Inklusion.

Information

Das Restaurant „Rudolfs“ befindet sich im Treffpunkt Rotebühlplatz, Rotebühlplatz 28, in Stuttgart, bei der Volkshochschule. Geöffnet ist es Montag bis Samstag von 9 bis 23 Uhr. An Sonn- und Feiertagen ist es geschlossen.

Kontakt unter Telefon 0711-26346812.

Das „Café Entrée“ liegt in Fellbach am Marktplatz 2. Geöffnet hat es Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, Samstag von 9 bis 17 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18.30 Uhr. Montags ist Ruhetag.

Kontakt unter Telefon 0711-46975413.

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