Christliche Themen für jede Altersgruppe

Verbrannte Bücher und ihre Lehre

GÖPPINGEN-FAURNDAU – Wie konnte es dazu kommen, dass in Deutschland Bücher verbrannt wurden? Der Landessynodale und Künstler Werner Stepanek geht dieser Frage nach.

Werner Stepanek (Foto: Gemeindeblatt)

Eine Nation der Dichter und Denker verbrennt Literatur: Was am 10. Mai 1933 deutschlandweit geschah, lässt Werner Stepanek seit vielen Jahren nicht los. „Wie konnte das passieren?“, fragt er sich. Und, fast noch wichtiger: „Was können wir tun, damit so etwas nicht mehr geschieht?“ Seit vielen Jahren setzt Stepanek am 10. Mai Antworten und Fragen zu diesem Thema künstlerisch um. Mal in der Stadtkirche in Göppingen, mal an anderen Orten. In diesem Jahr in seiner Galerie, der ehemaligen Remise eines Bauernhauses in der Nähe der Stiftskirche in Faurndau – seinem Elternhaus.

Wo früher Wagen standen und Stroh lagerte, hat Stepanek seine Eisen- und Stahlskulpturen ausgestellt. Auch die Vorbereitungen zum Jahrestag der Bücherverbrennung sind zu besichtigen. Auf einem Tisch nahe des Eingangs liegen Bücher. Erstausgaben aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Werke von Autoren, die während der Herrschaft der Nationalsozialisten geächtet waren, deren Bücher verbrannt wurden. Zwischen den Stahlskulpturen auch Bilder der Künstlerin Christel Fuchs. Sie hat mit Acryl und Öl auf Aschegrundierung gemalt. Asche nicht nur als Symbol für Feuer, Zerstörung und Tod, sondern auch als Bild für neues Leben, das aus der Asche entstehen kann.

Dass er einmal selbst Bücher von Exil-Literaten sammeln würde, hätte sich der Landessynodale als Schüler zunächst nicht träumen lassen. „Ich hatte als Pennäler ein Referat über Exilliteratur aufs Auge gedrückt bekommen.“ Glücklich war er damit zunächst nicht. Doch als sich der Schüler mit dem Thema näher befasste, begann die Faszination. „Mich hat es sehr berührt, dass die Menschen vertrieben wurden und dennoch ihrer großen Vision treu blieben: zu schreiben. Auch gegen das Unrecht zu schreiben“, sagt der 61-Jährige heute.

Und so studierte Stepanek nicht nur Wirtschaftswissenschaften, sondern auch Germanistik. Er besuchte einige Seminare über die Exilliteratur, geleitet von einem Professor, der selbst im Exil gewesen war. Und er begann, Exilliteratur zu sammeln, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gedruckt wurde. „Schön sind die Bücher nicht, aber sie haben eine Geschichte“, sagt er.

Eines der Herzstücke in der Sammlung ist das Buch „Verboten und verbrannt“. Darin sind viele deutsche Schriftsteller aufgeführt, die ins Exil gehen mussten. Eine Besonderheit hat es mit dem Exemplar auf sich, das Stepanek stolz präsentiert: Es stammt aus dem Nachlass von Josef Mühlberger, dem ehemaligen Feuilletonchef der Esslinger Zeitung und der Neuen Württembergischen Zeitung. Überall in dem Band stecken Zeitungsausschnitte, die sich mit den damals geächteten Autoren befassen. Vorsichtig und mit großer Ehrfurcht nimmt Werner Stepanek eine kleine Notiz vom 18. Mai 1933 heraus, aus der eine erste schwarze Liste der geächteten Dichter hervorgeht. Alle Schicksale der verbotenen, „verbrannten“ und geächteten Schriftsteller wurden in den Zeitungen dokumentiert. „Die Ausschnitte sind der Beleg dafür, dass alle lesen konnten, was geschah.“ Zu sagen „Ich habe nichts gewusst“ bedeute, dass derjenige weggeschaut habe. „Denn der politisch bewusste Bürger hat darüber lesen können.“

Ein weiteres wichtiges Dokument ist für Stepanek das Schriftsteller-Verzeichnis der Reichsschriftenkammer. Darin sind alle anerkannten Autoren des Nazi-Regimes verzeichnet. „Das ist mein Kronzeuge“, sagt Stepanek, denn wer darin aufgeführt ist, war von den Nazis anerkannt und musste nicht ins Exil, ganz egal, was die Schriftsteller später behaupteten. „Sicher, viele sagten hinterher, sie seien ins innere  Exil gegangen, das will ich ernst nehmen.“ Aber das Schriftstellerverzeichnis spreche eine eindeutige Sprache.

A propos Exil. Nicht allen Autoren ging es so gut wie Thomas Mann und Bertholt Brecht. Andere verzweifelten, und das, obwohl sie nicht unvermögend waren. Zum Beispiel Stefan Zweig, vor dem Weltkrieg der meistgelesene Autor weltweit. Er war Millionär und wählte dennoch in Brasilien den Freitod. „Ich vergleiche das mit dem Spiel auf einer steinernen Geige: Die Griffe sitzen perfekt, der Bogenstrich auch, aber es kommt kein Ton. Die Resonanz fehlt“, sagt Stepanek.

Auf die Fragen, die ihn schon so viele Jahre begleiten, hat Stepanek zumindest ansatzweise Antworten gefunden. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg sei die Gesellschaft in weiten Teilen stark verunsichert gewesen. Das Kaiserreich existierte nicht mehr, die Politik war im Umbruch. Auch kulturell entstand Neues. „Die Menschen hatten schlicht keine Orientierung mehr“, meint Stepanek. Und das „was wir heutzutage wertschätzen, die Lust am Neuen, das Experimentieren, das war für die Menschen damals der Abfall von den Werten.“ Die Angst davor hätten sich die Nazis zunutze gemacht, und in den betroffenen Kreisen habe es keinen durchschlagkräftigen Widerstand gegeben.

Dennoch bleiben für Stepanek Fragen offen. Wie passt es zusammen, dass Anna Seghers, selbst verfolgte Dichterin, später in der DDR die Deutsche Akademie der Künste mit gründete und dem Schriftstellerverband in dem ostdeutschen Staat vorstand? Wo sie doch mitbekommen musste, dass dort nicht alles veröffentlicht werden durfte? Und wie verführbar sind die Menschen eigentlich – bis heute? Was kann man tun, damit Menschen mit anderer Meinung nicht wieder ausgegrenzt, geächtet werden? Wo sind hierbei die Grenzen? Fragen, die Stepanek am 10. Mai bei dem interdisziplinären Kulturprojekt „Verboten und verbrannt – aber nicht vergessen“ mit dem Publikum bedenken will.

Birgit Ebbert
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Die junge Karina findet im Haus ihrer verstorbenen Großtante geheimnisvolle Postkarten. Die Suche nach deren Ursprung führt sie 70 Jahre zurück, in das Jahr 1933, als ihre Großtante Haushälterin bei einem jüdischen Buchhändler war. Hautnah musste ihre Großtante miterleben, wie der Einfluss der Hitler-Getreuen wuchs und in Münster die Bücherverbrennung vorbereitet wurde. Karina taucht tief in die damaligen Geschehnisse ein und gerät schließlich in Lebensgefahr. Denn sie stößt auf Machenschaften, die bis heute unentdeckt blieben.

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