Christliche Themen für jede Altersgruppe

Von Deutschen gepflegt

„‚Tröstet, tröstet mein Volk!‘ spricht eurer Gott“: Das Wort aus Jesaja 40,1 wird lebendig, wenn im Norden Israels deutsche Christen Überlebende des Holocaust in deren letzten Lebensjahren begleiten. Ein Besuch im Pflegeheim „Beth Elieser“ in Ma’alot-Tarshina/Westgaliläa. 

Rachel aus Brünn mit Pflegerin Renate (36) aus Deutschland im Park. (Foto: Brigitte Jähnigen)

Vorbei an Zitrus- und Bananenplantagen, Technologiezentren, die wie Zahnstocher aus dem Brachland wachsen, fährt der Dieselzug der Israel Railways von Tel Aviv nach Naharija. Nach knapp zwei Stunden Fahrt ist die Endstation Naharija erreicht. „Von dort nehmen Sie ein Sherut bis Ma’alot- Tarshina“, hatte Karin Bayer geraten. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Micha leitet Karin Bayer das Pflegeheim „Beth Elieser“, in dem 24 Holocaust-Überlebende im Sinne des hebräischen Wortes „Zedakah – Gerechtigkeit und Wohltätigkeit“ von Christen aus Deutschland gepflegt werden.

Es dauert, bis das Sherut, das Sammeltaxi, startet. Der Fahrer wartet, bis alle zehn Plätze besetzt sind. Dafür ist der Preis für alle gleich: Zehn Schekel, umgerechnet etwa 2,45 Euro. Durch die bergige Landschaft fährt das Sherut auf der autobahnähnlich ausgebauten Fernverkehrsstraße Richtung Libanon. Die Gegend ist seit biblischen Zeiten Grenzland zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan, wurde umkämpft von Phöniziern, Römern, Byzantinern, Muslimen, Kreuzfahrern und heute von Israelis und Arabern.

Seit wenigen Jahren lebt Jürgen Lewin im Beth Elieser. Der gebürtige Berliner erinnert sich: „Als ich ein Schuljunge war, wollte ich morgens meinen Freund abholen, um mit ihm wie immer gemeinsam zur Schule zu gehen. Ich klingelte an der Tür, seine Mutter öffnete und sagte, mein Freund sei schon gegangen“.

Unverständlich für Jürgen Lewin: Die Mutter des Freundes hatte ihrem Sohn verboten, mit jüdischen Kindern zu spielen. Doch die ganze Konsequenz der Rassenpolitik erfuhr er erst in der Reichs­pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938. „Mein Vater wurde ins KZ Sachsenhausen deportiert“, erinnert sich der heute 89-Jährige. Als Jürgen Lewin Jahrzehnte später nach Israel einwanderte, waren seine ersten Eindrücke: „Ein sehr schönes Land mit sehr netten Leuten und einer fürchterlichen Sprache“. Nicht nur das hohe Alter, sondern auch die Abneigung gegen die Sprache erklärt, dass Jürgen Lewin nicht Ivrit gelernt hat. „Auch so ist es der deutschen Sprache wegen gut, dass er bei uns lebt“, sagt Karin Bayer. Gemeinsam mit seiner Frau fährt Lewin gelegentlich ins nahe gelegene Akko – um frische Fischgerichte zu genießen. In Ma’alot fühlt er sich auch mit seinen Erinnerungen „gut“.
Geschätzte 190?000 Überlebende des Holocaust leben in Israel. Ihr offizieller Status ist juristisch festgelegt. Sie sind „Opfer von nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen“. Seit 2013 steht den Betroffenen eine staatliche Invalidenrente zu. Doch die ist so gering, dass 40 Prozent der Überlebenden unter oder nur knapp über der Armutsgrenze leben.

„Wir haben eine lange Warteliste, unsere 24 Plätze in Beth Elieser sind hoch begehrt, denn bei uns zahlt jeder das, was er hat“, sagt Karin Bayer. Auch deshalb hat das 1984 in Ma’alot eingeweihte Pflegeheim eine besondere Bedeutung. Der jüdische Kalender bestimmt den Alltag, freitags nach Sonnenuntergang gibt es eine Schabbatfeier für alle.

Friedrich und Luise Nothacker gründeten 1960 das Werk nach einer Begegnung mit der zum Christentum konvertierten Jüdin Helen Wyman (1877–1959). Wyman hatte den im Nordschwarzwald tätigen Mitarbeitern der Liebenzeller Mission die seelische Not vieler Holocaust-Überlebender ans Herz gelegt. Eine Israelreise und Begegnungen mit KZ-geschädigten Juden gaben dem Prediger Friedrich Nothacker den Anstoß zur Gründung von „Zedakah“.

Christen aus dem deutschsprachigen Raum sind als Volontäre im Gästehaus Beth El und im Pflegeheim Beth Elieser tätig; das Werk lebe „von Gebeten und Spenden“, sagt Bayer. Von den 24 Bewohnern gibt es nicht mehr allzu viele, die sich zu ihrer Biografie äußern können oder wollen. Doch Rachel L., im Park beim Spaziergang mit  der ausgebildeten Gesundheits- und Krankenpflegerin Renate angesprochen, plaudert gern. Am liebsten über ihren ehemaligen arabischen Arbeitskollegen, mit dem sie viele Jahre lang auf einer Avocado-Plantage geschuftet hat. „Wenn der anruft, fliege ich zum Telefon“, verrät sie lächelnd. 

Renate, ihre deutsche Begleiterin an diesem Tag, arbeitet seit 2016 in Beth Elieser. „Ich war privat zweimal in Israel. Das Land hat mich nicht mehr losgelassen, und die Politik hier hat mich sehr beschäftigt“, sagt die 36-Jährige.  „Wo so unterschiedliche Kulturen miteinander leben, sollte man als Deutscher nicht mit europäischem Demokratieverständnis alles besser machen wollen“, sagt Renate. „Ihr Trauma als Holocaust-Überlebende holt die Bewohner immer wieder ein“, weiß sie. Eine akut erkrankte Bewohnerin habe stark zu zittern begonnen, als ein Arzt gerufen wurde. „Später erfuhren wir, dass einen Arzt zu rufen im Konzen­trationslager den sicheren Tod bedeutet hätte, denn ein kranker Insasse war nicht arbeitsfähig“, sagt sie. Und ergänzt: „Das hat mich furchtbar erschüttert.“

Auch Michaela (19) aus Stuttgart hat sich für eine Volontärszeit in Ma’alot entschieden. Derzeit wird sie in die Pflege eingelernt, und sie hat genügend Gelegenheit, über Alter und Jugend nachzudenken. „Ich freu mich an meiner Jugend, aber es ist keine Schande, alt zu sein.“

Jetzt soll Beth Elieser in Ma’alot erweitert werden. Das zentrale Statistikbüro in Israel geht davon aus, dass im Jahr 2035 noch 40.000 Überlebende des Holocaust leben werden. „Doch unser Tröstungsauftrag bezieht sich auf ganz Israel, nach 2035 kommt unser Dienst vorrangig den Angehörigen der Holocaust-Überlebenden und hilfsbedürftigen Juden zugute“, sagt Micha Bayer. Eine Erweiterung bis zu 48 Plätzen ist vorgesehen, für den ersten Bauabschnitt sind vier Millionen Euro eingeplant. Ein Teil der Kosten entfällt auf die Bunkeranlagen unter dem Anwesen. Im Sommer 2006 lieferten sich die Milizen der Hisbollah und Einheiten der israelischen Armee schwere Kämpfe.

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