Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wie die Gemsen

STUTTGART – Jugendliche Flüchtlinge dürfen jede zweite Woche zum Klettern kommen: zum City Rock, der Kletterhalle der Evangelischen Jugend Stuttgart. Für die Flüchtlinge ist das ein großer Spaß. Ganz nebenbei geht es aber auch um das Vertrauen. 


Den Knoten richtig zu machen, will gelernt sein. (Foto: Gemeindeblatt)


Noch ist es ruhig in der Kletterhalle City Rock der Evangelischen Jugend Stuttgart in der Stadtmitte. Lediglich ein paar Mitarbeiter, allesamt selbst Kletterer, sind schon da. Ihre Vorfreude ist zu spüren. Denn heute ist wieder Klettern angesagt mit Flüchtlingen. Seit Oktober gibt es das Angebot für die Jugendlichen – und es wird gut angenommen.

Heute sind es zwölf. Sie sollen sich erst Kletterschuhe holen, auch Gurte. Jetzt kann es losgehen. Zuerst sollen die Teilnehmer unten entlang klettern, 20 bis 30 Zentimeter über dem Boden, einmal um die ganze Halle herum. Ein Mitarbeiter macht es vor, die Gruppe teilt sich auf in Grüppchen zu drei Personen mit jeweils einem oder zwei Mitarbeitern, die sich an unterschiedliche Stellen verteilen. Der 15-jährige Aram aus Syrien ist mit Eifer dabei. Er ist schon zum sechsten Mal hier und hat sichtlich Spaß.

Nach den Runden um die Halle herum heißt es erstmal aufsteigen und für die, die am Boden geblieben sind, den Kletterer zu sichern. Wie eine Gemse klettert Aram die zwölf Meter hohe Wand hinauf. Seine Kollegen am Boden schauen ihm nach. Rainer Öhrle von der Evangelischen Jugend erklärt seiner Gruppe, wie das mit dem Sichern geht, wann sie das Seil nachlassen müssen, wann nicht.

Ursprünglich, erzählt Öhrle während einer kurzen Kletterpause, hat das Konzept der zweistündigen Kletterpartie etwas anders ausgesehen, als es jetzt umgesetzt wird. „Wir haben gedacht, dass wir mit dem Sicherungskurs beginnen und die Jungs erst dann klettern lassen. Doch sie sind so aufgeregt, dass an eine vernünftige Unterhaltung nicht zu denken ist.“ In den ersten Runden sind es dann auch die Mitarbeiter selbst, die die Sicherung hauptsächlich übernehmen. Das Erklären der Sicherheitsregeln für alle kommt später.

Die Evangelische Jugend wollte im vergangenen Jahr ein Angebot schaffen für die Flüchtlinge. Am frühen Mittwochabend ist der City Rock eigentlich reserviert für Konfirmandengruppen im Kirchenkreis. „Doch das Angebot wird nicht so stark angenommen, wie wir uns das wünschen würden“, sagt Öhrle. So kam die Idee auf, 14-tägig jugendlichen Flüchtlingen ein Kletterangebot zu machen. Hannah Zimmermann, die bei der Evangelischen Jugend als Ehrenamtliche tätig ist, war gleich begeistert. Beruflich betreut sie die jugendlichen Flüchtlinge, die in Stuttgart-Vaihingen untergebracht sind.

Jetzt steht sie mit drei von ihnen vor einer der Wände des City Rock. Gefragt, wer jetzt die Wand hochklettern soll, deuten die Jugendlichen auf Zimmermann. Sie soll sich von ihnen sichern lassen. „Dass die Jugendlichen das dürfen, ist für sie ganz wichtig“, sagt Zimmermann später. Es geht nicht nur darum, dass die Jugendlichen ihr vertrauen. Sie will ihnen auch zeigen, dass sie umgekehrt auch ihnen vertraut. Die Jungs schätzen das: Häufig wird sie von ihnen umarmt oder geknufft. Als Zimmermann nach ihrer Kletteraktion wieder nach unten will, halten sie die Jugendlichen etwa zwei Meter über dem Boden fest. „Gib mir Geld, damit ich dich runterlasse“, ruft ihr Aram zu. Natürlich ist das nur ein liebevoller Spaß, die Stimmung ist ausgesprochen locker. Wieder unten angekommen, klatschen Aram und Zimmermann die Hände aneinander: „Klasse gemacht“. Und schon ist Aram dran. Schnell und trittsicher ist er oben.

Auch der 15-jährige Omar, ein Freund von Aram, ist heute hier. Er ist zum zweiten Mal dabei. Was ihn fasziniert ist, dass man sich selbst aussuchen kann, ob man eine schwere oder eine leichtere Route die Wand hinauf wählt. Omar spricht weder Deutsch noch Englisch, er ruft Aram herbei; der übersetzt aus dem Arabischen. Mustafa ist heute zum ersten Mal hier, er erzählt auf Englisch davon, dass er sich gerne bewegt, gern schwimmen geht zum Beispiel. Und dass er Klavier lernen will. Der 16-Jährige hat viele Pläne, aber jetzt freut er sich, weil er klettern darf. „Ich mag das, es ist einfach schön“, findet er. Schwupps, ist er auch schon wieder weg, gesellt sich einer Klettergruppe zu und steigt die nächste Wand hoch.

Das Sprachgemisch ist in der gesamten Gruppe nichts Ungewöhnliches. Heute sind nicht nur Jugendliche aus Syrien da, sondern auch aus Afghanistan  und dem Iran. „Wir haben anfangs gedacht, wir erklären alles auf Deutsch, aber das funktioniert nicht“, sagt Hannah Zimmermann. Deshalb gibt es manchmal auch Erklärungen auf Englisch. Außerdem sind unter den Jungs immer welche, die übersetzen können. Und wenn die Sprache an ihre Grenzen gerät, lernen die Jugendlichen durchs Nachmachen.


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