Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wo Generationen sich begegnen

Wie kann ein friedliches Zusammenleben zwischen  Jung und Alt aussehen? Wer Eckhard Rahlenbeck und seine Frau Gertrud besucht, bekommt einen Eindruck davon. In einem neu entstandenen Wohnquartier in Tübingen leben Kinder und alte Menschen in enger Nachbarschaft zusammen. 


Eckhard und Gertrud Rahlenbeck in ihrer Wohnanlage: Die Architektur ist ganz auf Begegnung angelegt. (Foto: Klaus Franke)

Die Rasenfläche ist mit dünnem Raureif überzogen, Holzbank und Sandkasten in der Mitte des Innenhofs liegen an diesem Wintermorgen verwaist da. Doch der weitläufige Blick auf die einladend gestaltete Grünanlage inmitten der Wohnanlage lässt erahnen, wie lebhaft es hier während der warmen Jahreszeit zugeht.

„Die komplette Architektur ist bewusst auf Begegnung angelegt“, erklärt Eckhard Rahlenbeck und winkt einem Nachbarn auf dem Balkon zu, der vom ersten Stock freundlich nach unten grüßt. „Aber“, fügt er gleich hinzu, „das soll keine gegenseitige Kontrolle sein – wir wollen uns nur bewusst wahrnehmen.“ Dazu tragen auch die offenen Laubengänge bei, die die einzelnen Wohnungen miteinander verbinden. „Das Gegenteil zum Hauskonzept mit Tiefgaragen, von wo aus die Menschen mit dem Aufzug hoch zu ihrer Wohnung fahren – und dabei niemandem über den Weg laufen“, sagt Rahlenbeck.
Die spezielle Architektur ist jedoch nur die Basis für das, was Rahlenbeck als „zugewandte Nachbarschaft“ bezeichnet. Seit anderthalb Jahren wohnt der Kommunikationswissenschaftler zusammen mit seiner Frau Gertrud in dem neuen Wohnquartier in Tübingen-Lustnau, das sich auf dem Gelände einer ehemaligen Textilfabrik befindet.

Insgesamt 700 Menschen aus unterschiedlichen Schichten leben im gesamten Viertel. Gertrud und Eckhard Rahlenbeck wohnen mit 38 Bewohnern in ihrem Haus, darunter zehn Kinder unter elf Jahren. Zur Wohngemeinschaft gehört auch die Samariterstiftung, die hier eine ambulante Wohngemeinschaft für sieben Pflegebedürftige betreut.

Eckhard Rahlenbeck erzählt von den Anfängen des Wohnkonzepts: Sieben Jahre ist es her, als er und seine Frau sich zusammen mit ein paar Freunden um ein Grundstück im neuen Quartier bewarben. „Nachdem unsere Kinder ausgezogen waren, haben wir uns gefragt: Wollen wir alleine in dem großen Haus leben oder in ein Altersheim ziehen?“ Beide Möglichkeiten konnte sich das Paar nicht wirklich vorstellen. Und so entwickelte die Gruppe, zusammen mit einem Bauingenieur und einem Koordinator, ihr neues Zuhause – und hatten Glück, dass sie unter den vielen Bewerbern für das neue Wohnquartier auserwählt wurden.

Was das gemeinschaftliche Leben mit mehreren Generationen unter einem Dach für Vorteile hat,  haben Gertrud und Eckhard Rahlenbeck in den vergangenen Monaten mehrmals erfahren. Zum einem im Alltag, wo sich alle gegenseitig helfen. „Wir teilen uns etwa das Auto, beaufsichtigen die Kinder untereinander oder kaufen für den anderen ein, wenn er krank ist“, sagt der 70-Jährige. Als seine Frau unter Kopfschmerzen gelitten hatte, kümmerte sich eine Mitbewohnerin, die Ärztin ist, gleich um sie und behandelte sie mit Akupunktur.

Drei Mal in der Woche gibt es die so genannte „Volxküche“, ein gemeinsames Essen, bei dem einige der Bewohner für die anderen kochen. Die Kommunikation untereinander läuft ganz unkompliziert ab: Bei einem Schwatz im Garten oder auf dem Flur, aber auch per E-Mail, SMS oder über das Schwarze Brett werden organisatorische Dinge miteinander besprochen.

Aber auch außerhalb des normalen Alltags finden gemeinschaftliche Aktionen statt. Es gibt Konzerte im Gemeinschaftsraum, zu denen auch Besucher von außerhalb kommen. Dort treffen sich die Bewohner außerdem zum Singen, es gibt eine Theater- und Yogagruppe. Außerdem befindet sich im unteren Bereich des Hauses ein großer Gemüsemarkt, in dem die Menschen bequem zu Fuß ihre Besorgungen erledigen können.

An das erste Weihnachtsfest im Mehrgenerationenhaus denkt Eckhard Rahlenbeck besonders gern zurück. „Wir kamen spät abends vom Besuch bei unseren Kindern zurück und sahen, dass hier alles noch hell erleuchtet war: Da saß die restliche verbliebene Hausgemeinschaft noch bei Klavierklängen zusammen und feierte.“

Bietet so enge Nachbarschaft nicht auch viel Stoff für Auseinandersetzungen? Rahlenbeck, der sich ebenso wie seine Frau stark in der Altenpflege ehrenamtlich engagiert, überlegt einen Moment und nickt dann: „Klar gibt es auch mal kleinere Konflikte.“  So wie kürzlich, als  einige Kinder das Haus und die Waschräume als Abenteuerspielplatz benutzten. „Doch dann setzt man sich mit den Nachbarn zusammen und überlegt, wie wir das gemeinsam lösen können. Wir wollen keine Gräben ziehen, sondern Brücken bauen“, betont er.

Für neuartige Wohnkonzepte wie dieses setzt sich der Tübinger mit ganzem Herzen und viel Einsatz ein. In Kirchengemeinden und bei Veranstaltungen der Evangelischen Erwachsenbildung hält er Vorträge über passende Lebensräume, vor allem für ältere Menschen. Und wird nicht müde, auf die Vorteile des generationenübergreifenden Zusammenlebens hinzuweisen. Für ihn steht fest:  „Die neuen Wohnviertel sind ein Gegenmodell zu den tristen Problemquartieren.“


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