Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wohin des Wegs, liebe Pfarrer?

In der Pfarrerschaft des Kirchenbezirks Reutlingen rumort es: Wo geht die Zukunft des Pfarrberufs hin? Immer mehr Aufgaben sollen bewältigt werden. Der Pfarrplan 2024 und 2030 sieht wahrscheinlich massive Kürzungen vor. Ein Offener Brief soll jetzt die Landeskirche aufrütteln. 

Hetze und Eile bestimmen auch den Pfarrerberuf. Foto: epd-bild

Gut, gerne und wohlbehalten Pfarrer sein. Das ist die Überschrift, unter der die Kirchlich-Theologische Arbeitsgemeinschaft im Auftrag des Reutlinger Pfarrkonvents einen Brief an alle kirchenleitend Verantwortlichen gesandt hat. Grundtenor: Es wird ein Berufsbildprozess eingefordert, der die Aufgaben des Pfarrers neu definiert und auch zeitlich quantifiziert, so dass auch Grenzen der Belastbarkeit deutlich werden. Vorbild ist ein mehrjähriger Diskussionsprozess der bayerischen Landeskirche, an dessen Ende eine Musterdienstordung stand.

„Wo sind wir gut und gerne Pfarrer?“ Diese Frage stand beim Pfarrkonvent in Reutlingen im Mittelpunkt, wie Dekan Marcus Keinath erzählt. Natürlich gehört dazu all das, was auch zu der Berufsentscheidung geführt hat: das Wort Gottes gut vorbereitet verkünden, Zeit für Menschen und Seelsorge haben, und zwar in all ihren Lebenssituationen. Auch unverplante Zeit in der Woche zu haben, um Kraft für Kreativität zu schöpfen, gehört laut Keinath dazu.  „Viele Pfarrer haben das Gefühl, dass die Pflicht sie im Griff hat, und dass die Ansprüche nur unter unbefriedigendem Gefühl erfüllt werden können“, berichtet Keinath – das sei das Gegenteil von „wohlbehalten“.

Für die Pfarrer sei es daher wichtig, Zeiten zu dokumentieren, eine ehrliche Liste aufzustellen und Dienste zu quantifizieren. Nur so sei ein Zeitmanagement mit Prioritätensetzung möglich, und nur so könnten reduzierte Dienstaufträge beschrieben werden und Kürzungen im Pfarrplan aufgefangen werden.

Pfarrplan im Genick

Im Genick sitzt den Theologen dabei vor allem der anvisierte Pfarrplan 2024 und 2030, an dessen Ende 30 Prozent der Tätigkeiten wegfallen könnten. „Keiner hat jedoch das Gefühl, dass er unter Langeweile leidet“, klagt Keinath und fragt: „Wie schaffen wir die Kerndienste?“ Zum Pfarrplan gehört für ihn daher ein Gemeindeentwicklungsprozess und auch die Frage, wie Nicht-Theologen als Pfarramtsassistenten die Gemeindeführung übernehmen könnten. „Pfarrer brauchen Zeit“, fordert Keinath. „Wie sollen sie sonst Besuche unter der Woche machen können?“

Ein erster Schritt wäre für den Dekan, wenn die Landeskirche die Kirchenbezirke unterstützt, den Pfarrplan mit einer plausiblen Kommunikationsstrategie zu begleiten. „In der Frühjahrssynode soll es die ersten Zielzahlen geben, und wir wissen nicht, wie wir das erklären sollen“, kritisiert Keinath. Für ihn ist es auch ein Widerspruch, dass in Zeiten, in denen die Kirche mehr Geld denn je einnimmt, kein Geld für Pfarrer da sein soll. Und während die Studierendenzahlen noch gut seien, müssten Gemeinden in den Randlagen mit langen Vakaturen leben. „Ich hätte gerne einfach eine klare Überschrift“, fordert Keinath.

Moratorium gefordert

Dazu gehöre auch, die Konsequenzen des Pfarrplans durchzudenken und finanzielle Lösungen anzubieten. „Ich persönlich halte den Pfarrplan zu diesem Zeitpunkt und in dieser Dimension nicht für richtig“, sagt Keinath. „Das hätte 2020 auch noch gereicht.“ Er sieht zwar die Pflicht, gut zu haushalten, aber: „Ich hätte gerne auch den Parameter Gottvertrauen auf der Rechnung“, sagt Keinath und regt ein Moratorium, einen Aufschub für den Plan an, der für ihn ein „Demotivierungsprogramm“ ist. „Wir sind schlließlich nicht in einer Notlage“, betont er. Wenn dies der Fall wäre, wäre auch mehr Solidarität möglich.

Am liebsten würde Marcus Keinath so einen Prozess wie in Bayern anstoßen.  „Wir müssen nicht nur über Strukturen reden, sondern über das, was den Beruf so attraktiv macht.“

Schon länger befasst sich der Kirchenbezirk mit der Zukunft der Kirchengemeinden und damit auch der Pfarrer. Der Kirchenbezirksausschuss war erst  vor einiger Zeit nach Merseburg in die Diaspora der mitteldeutschen Kirche gefahren, um dort die Situation kennenzulernen, wenn es nur noch wenige Mitglieder gibt und Pfarrer viele Gemeinden betreuen müssen. Auch da war die Frage: Will die Kirche sich nur darüber unterhalten, wie sehr die Mitgliederzahlen zurückgehen und wie aufgrunddessen Kosten reduziert und Pfarrstellen eingespart werden können? Die Beziehung des Pfarrers zu den Kirchenmitgliedern ist am Ende immer das Entscheidende, ist auch Dekan Keinath sicher. Deshalb treibt es ihn um, wie diese Beziehung erhalten werden kann.



 Offener Brief der Reutlinger PfarrerInnenschaft an kirchenleitend Verantwortliche:

 

Zur Zukunft des Pfarrdienstes

 „Gut, gerne und wohlbehalten arbeiten“ – unter dieser Überschrift fand in der bayerischen Landeskirche in den letzten Jahren ein Berufsbildprozess statt, der sich zum Ziel gesetzt hat, Dienstordnungen für Pfarrerinnen und Pfarrer zu erstellen, die gutes und wohlbehaltenes Arbeiten ermöglichen. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Kirchenbezirk Reutlingen durften auf unserem Pfarrkonvent im Juli 2016 mit dem Leiter der bayerischen Gemeindeakademie Rummelsberg, Pfarrer Armin Felten, erste Überlegungen anstellen, was wir in unserem Beruf tatsächlich gut und gerne tun. Dabei sind uns aber auch wieder unsere Grenzen bewusst geworden und wir haben gemerkt, wo uns äußere Strukturen daran hindern, gut, gerne und wohlbehalten zu arbeiten.

Natürlich ist uns bewusst, dass es in Zeiten abnehmender Kirchenmitgliederzahlen Konzepte braucht, mit einer kleiner werdenden Kirche umzugehen. Auch sind wir uns darüber im Klaren, dass die finanziellen Rahmenbedingungen nicht auf Dauer so erfreulich sind, wie sie sich im Moment darstellen und dass langfristig für schlechtere Zeiten vorgesorgt werden sollte. Trotzdem erleben wir, dass an vielen Stellen die Grenzen der Belastbarkeit erreicht sind. Die weiteren geplanten Reduktionen von Pfarrstellen und daraus folgende Zusammenlegungen von Gemeinden fordern die Ehrenamtlichen, in besonderer Weise aber auch die Hauptamtlichen, vor allem die Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir wünschen uns Gemeinden, die lebendig und handlungsfähig sind und auch etwaige Profile ausbilden können. Was wir erleben und in naher Zukunft verstärkt erleben werden, ist aber genau das Gegenteil: Während Pfarrerinnen und Pfarrer mühsam versuchen, die gesteigerten Anforderungen einigermaßen zu bewältigen, erleben die Gemeindeglieder oft nur, dass immer weniger möglich ist. Die Unzufriedenheit muss so zwangsläufig auf beiden Seiten wachsen.

Eine Quantifizierung der Dienste, wie sie in der bayrischen Landeskirche eingeführt wurde, halten wir deshalb für dringend geboten. Eine – zumindest grob festgeschriebene – Wochenarbeitszeit kann für Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch für Kirchengemeinderäte eine Richtlinie sein. Unserer Ansicht nach würde sich die Attraktivität des Pfarrberufs deutlich erhöhen, wenn nicht nur immer mehr Aufgaben hinzukommen, sondern auch einmal eine symbolische Grenze gezogen wird. Eine Quantifizierung der einzelnen Arbeitsfelder im Pfarramt würde es uns ermöglichen, gemeinsam mit den verantwortlichen Gremien auch Freiräume für Regeneration, für theologische Arbeit und für qualifizierte Vorbereitung festzulegen. Sie wäre außerdem ein sinnvolles Hilfsmittel für das Erstellen von Stellenausschreibungen und für die Umsetzung von Kürzungen. Dabei geht es uns nicht darum, weniger zu arbeiten, vielmehr darum, auch inhaltlich gut aufgestellt zu sein und nicht den Eindruck haben zu müssen, keiner Aufgabe mehr richtig gerecht werden zu können.

Mit dem Thema der Regenerationsmöglichkeiten sind für uns auch Fragen der Präsenz und Residenz verbunden. Für volle wie für reduzierte Dienstaufträge muss klar sein, wann Möglichkeiten zur Erholung sind. Diese müssen so geregelt sein, dass auch eine Abwesenheit vom Dienstort möglich ist, da oft nur so wirkliche Erholung gewährleistet ist.

Gerade reduzierte Dienstaufträge sind gegenüber den Gemeinden oft schwer kommunizierbar. Die betroffenen Pfarrerinnen und Pfarrer – meist sind es Kolleginnen – haben häufig das Gefühl, den Anforderungen nicht gerecht werde zu können, die an sie gestellt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass an diese Teilzeitstellen oft Sonderaufgaben (wie zum Beispiel „Jugendarbeit“ etc.) geknüpft sind. Ist das der Fall, erleben die Stelleninhaberinnen, dass sie als „Pfarrerinnen zweiter Klasse“ in den Gemeinden gelten, da sie ohnehin weniger präsent sind und dann auch noch viel Zeit und Energie in die Sonderaufgaben investieren müssen. Für viele Kolleginnen und Kollegen, die aus verschiedenen Gründen auf Teilzeitstellen angewiesen sind, ist es außerdem schwierig, dass sie auf diesen Stellen meist kaum Geschäftsführungserfahrungen sammeln können.

Wenn im März 2017 die Zielzahlen für den Pfarrplan 2024 veröffentlicht werden, werden wir alle von einschneidenden Veränderungen betroffen sein. Es ist unser Ziel, diese Veränderungen so umzusetzen, dass sowohl wir als Pfarrinnen und Pfarrer als auch unsere Gemeinden weiterhin gut unterwegs sein können. Dieses Ziel ist allerdings nur dann umsetzbar, wenn sich auch bei den Rahmenbedingungen etwas ändert. Von unserer Landeskirche wünschen wir uns daher einen entsprechend stringenten PR-Support, um die Veränderungen auch in unseren Gremien plausibel machen zu können. Wir wünschen uns außerdem, dass in den vermutlich immer mehr entstehenden Gemeindeverbünden Funktionsgliederungen und Schwerpunktsetzungen über das bisherige Maß hinaus möglich sind. Wenn enge Zusammenarbeit unter Kolleginnen und Kollegen immer notwendiger wird, wünschen wir uns auch, dass Supervision zu einer landeskirchlich finanzierten Selbstverständlichkeit werden sollte.

Auch mit der besten Unterstützung durch die mittlere Ebene und einer idealen kollegialen Zusammenarbeit sowie einer transparenten Kommunikation in den Gremien wird es allerdings nicht hinreichend sein, die anstehenden Kürzungen gut zu bewältigen. Wir sind deshalb auf eine Erhöhung der Sekretariats- bzw. Kirchenpflegedeputate angewiesen. Neue Modelle der Pfarramtsassistenz oder  geschäftsführender Sekretariate müssen unserer Ansicht nach angedacht und finanziell ermöglicht werden.

Bitte setzen Sie sich mit all Ihren Möglichkeiten dafür ein, dass wir Pfarrerinnen und Pfarrer auch in Zukunft „gut, gerne und wohlbehalten“ arbeiten können!

Mit herzlichen Grüßen

KTA-Team Reutlingen: Pfarrerin Carolin Braun, Pfarrerin Sabine Drecoll, Pfarrerin Ulrike Kuhlmann, Pfarrerin Beate Ellenberger, Pfarrer Michael Dullstein, Pfarrer Christoph Zügel  
und Dekan Marcus Keinath

Ihre Meinung

Gerne können uns Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Meinungen und Erfahrungen schreiben. In nächster Zeit wird das Gemeindeblatt ein Titelthema zum Pfarrerbild machen.

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