Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wurst, Schmalz und Fürsorge

Es gab nicht nur Schläge, sondern auch Halt. Nicht nur Strafe, sondern auch Liebe. Die Geschichte der Heimkinder ist nicht schwarz und weiß, auch wenn zurzeit die Missstände ans Tageslicht kommen. Denn wo Schatten ist, da war auch Licht. 


Die Selbstdarstellung des Städtischen Säuglingsheims Fulda auf einer Postkarte Anfang der 1960er-Jahre. (Foto: epd-bild)

„Wenn du nicht gut tust, kommst du ins Heim!“ Der Theologe Friedrich Schweitzer, Jahrgang 1954, erinnert sich daran, dass er zwar nicht genau wusste, was in diesen Heimen passierte. Aber dass es den Kindern dort nicht gut ging, das war klar – sonst wäre der Satz auch keine so nachdrückliche Drohung gewesen. Das jedenfalls erzählt er in seinem Nachwort zu dem Buch „‚Meine Seele hat nie jemanden interessiert‘ – Heimerziehung in der württembergischen Diakonie bis in die 1970er Jahre“.
Es ist einer der vielen Versuche, die Heimerziehungsgeschichte aufzuarbeiten, und die Missstände, die Übergriffe und die schwarze Pädagogik zu benennen sowie zu analysieren. Ein wichtiger und heilender Schritt für alle Betroffenen. Und diese, da sind sich die Fachleute einig, waren keine Einzelfälle.

Demütigungen und Schläge waren an der Tagesordnung, Misshandlungen und Missbrauch kamen immer wieder vor. In kirchlichen Kinderheimen der Nachkriegszeit gab es rigide Erziehungsmethoden, Zwang und eine „schwierige, zum Teil desolate Lebenssituation“. Das ist das Ergebnis einer von den beiden großen Kirchen geförderten Studie zur konfessionellen Heimerziehung von 1949 bis 1972, die die Bochumer Theologieprofessoren Traugott Jähnichen und Wilhelm Damberg durchgeführt haben.
Trotzdem gibt es auch die andere Seite, die gute Seite der Heimerziehung. Kinder haben dort die Fürsorge und den Halt gefunden, den sie zu Hause nicht mehr hatten oder der ihnen vom Krieg genommen worden war. So wie die 87-jährige Frau, die nach der Titelgeschichte über die Heimerziehungsskandale im Gemeindeblatt (Ausgabe 35) über ihre Erfahrungen im Heim erzählt: Als sie im Alter von elf Jahren ihre Mutter verlor, wurde sie Waise, denn der Vater war schon gestorben, als sie drei Jahre alt war. Zwar hatte die Mutter 1936 noch einmal geheiratet, aber nachdem der Stiefvater 1940 zur Wehrmacht eingezogen wurde, kam sie 1942 ins Landeswaisenhaus nach Schwäbisch Gmünd.

Ihre zwei Brüder, 16 und 17 Jahre alt, meldeten sich freiwillig zur Wehrmacht. Der kleinere Bruder kam mit vier Jahren ebenfalls ins Kinderheim. „Also, es war Nazi-Zeit“, kommentiert die Frau ihre Geschichte heute. Und sie betont, dass sie das, was andere Heimkinder an Misshandlungen erlitten haben, selbst nicht erlebt hat. „Wir wurden weder geschlagen noch eingesperrt.“ Dass so etwas auch in kirchlichen Heimen beider Konfessionen vorkam, sei für sie unbegreiflich. „Wieso schauten da alle weg? Wie kann man Kinder so quälen? Kinder, die sich nicht wehren können!“ Sie sei froh, nicht in so einer Einrichtung gewesen zu sein.

An Benachteiligung habe sie aber erlebt, dass sie nicht in die Kirche gehen durften und deshalb nicht konfirmiert wurden. „Nur wenn Hitler seine Rede hielt, wurde im Speisesaal ein Radio aufgestellt“, erinnert sie sich. Und natürlich mussten sie in den Ferien zum Ernteeinsatz zu den Bauern. Aber sie betont: „Ich war immer beim gleichen Bauern. Es hat mir gefallen.“

Für Gemeindeblatt-Leserin Lore Seith beginnt die Heimgeschichte etwas später, und aus anderen Gründen: Sie war von Januar 1945 bis Oktober 1946 mit den zwei Geschwistern im Kinderheim in Tost/Oberschlesien im heutigen Polen. Das Haus wurde von vier Diakonissen des Breslauer Mutterhauses geführt. Sie und ihre Geschwister waren zwölf, zehn und fünf Jahre alt. Zuerst sollte es nur für zwei Wochen sein. Doch dann wurde eine längere Zeit daraus. „Wir wurden vom Mütterchen – so stellte sie sich vor – der Oberschwester, einer Diakonisse, empfangen“, erinnert sie sich und fügt hinzu: „Der Abschied von unserer Mutter war schwer. Wir weinten, doch sie wollte uns ja bald wieder abholen.“ Die Diakonissen hätten sie getröstet. Auch die anderen Kinder seien lieb gewesen.
Den Tagesablauf beschreibt Lore Seith als „festgelegt und streng“. Im Schlafsaal standen zehn Betten mit dünnen Federbetten, die man jeden Morgen selbst in Ordnung bringen musste. Auch die Waschschüsseln mussten blitzblank geputzt sein. Sie mussten sich immer gründlich waschen, auch unter Aufsicht. „Ich als Große musste oft den Fußboden wischen, in der Küche Gemüse putzen und Kartoffeln schälen. Bei der Arbeit mitzuhelfen war selbstverständlich“, erzählt sie.

Lore Seith erinnert sich vor allem an eine Begebenheit: „Als ich mal den großen Schlafsaal aufwischte, schimpfte ich so vor mich hin, während ich putzte.“ Da sei unbemerkt eine Schwester hereingekommen und habe zugehört. „Sie stand da, sie schlug mich nicht, es gab keinen Arrest und keine Beschimpfung, nur einen stummen traurigen Blick und sie ging wieder hinaus“, sagt Lore Seith. „Ich schämte mich und putzte fleißig weiter.“

Bis die Kriegsfront über den Ort hinweggezogen war, verbrachten die Kinder die meiste Zeit im Kartoffelkeller. Doch dann seien auch die meisten Vorräte, einschließlich der Kartoffeln und Möhren, aufgegessen gewesen. Die Küchenschwester erbettelte dann  in den Dörfern ringsum Lebensmittel, und die Diakonissen tauschten dafür auch eigenen Besitz ein. Auf die Betteltour nahm die Schwester auch größere Kinder mit. Wie Lore Seith. Diese zogen dann den Leiterwagen und bewachten ihn, wenn die Schwester in die Häuser ging. „Ab und zu fiel auch eine Scheibe Brot mit Schmalz oder Wurst für uns ab, deshalb gingen wir gerne mit. Auch wenn wir froren und ganz rote Beine hatten, die sehr weh taten.“

Es war der kalte Winter 1945/46. Zu essen habe es wenig gegeben, weil kaum etwas zu bekommen war, „und so viele Mäuler essen wollten“. Die Schwestern haben mit den Kindern gegessen und das Wenige geteilt, erinnert sich Lore Seith. Vor und nach dem Essen sei ein Tischgebet gesprochen worden, Schläge habe es nie gegeben. „Obwohl wir sicher oft sehr unartig waren. Wir waren keine Musterkinder.“

Später seien dann russische Soldaten gekommen, die zu den älteren Mädchen wollten, erzählt Lore Seith. Da stellten sich die Schwestern schützend davor. Die Säuglingsschwester habe es dann verstanden, die Soldaten zu den kleinen Kindern zu führen. „Da wurden sie ruhiger und spielten mit ihnen.“ Unter der polnischen Leitung sei dann manches anders geworden. Die Mädchen hätten den Kopf kahl geschoren bekommen sollen, weil ein Kind Läuse hatte. Eine Diakonisse erwirkte dann bei der Direktorin, dass sie die Haare behalten durften, wenn die Schwestern sie zwei Mal am Tag auskämmten. Eines Tages seien die Diakonissen von russischen Soldaten abgeholt worden.

Trotz der Kriegs und Nachkriegszeit fühlte sich Lore Seith liebevoll versorgt. Über Umwege gelangten sie und ihre Geschwister später in den Westen und sahen auch ihre Eltern wieder.  „Dank Gottes Hilfe.“ Und sie fügt hinzu: „Auch noch die vielen Jahre danach danke ich Gott und den Schwestern für ihre Liebe und Fürsorge. Sie haben uns – so gut es ging – in diesen schweren Zeiten liebevoll umsorgt.“ Zu den anderen Kindern habe sie keinen Kontakt mehr, bedauert sie, denn sie seien damals ohne Vorwarnung  schnell auseinander gerissen worden.

Ein anderes prominentes Beispiel, wie die Kinderheime in den 50er-Jahren ihrem pädagogischen Auftrag nachkamen, ist der Flötenspieler Hans-Jürgen Hufeisen. Von seiner Mutter ausgesetzt, kam er in ein Kinderheim, das sein Zuhause wurde. Vor allem, als sich niemand fand, ihn zu adoptieren. Das Kinderheim, erzählt Hufeisen, habe dafür gesorgt, „dass ich mich anders finden kann“. Und dieses Finden fand durch die Flöte statt. „Man hat mir Flötenunterricht ermöglicht.“ Und die Flöte fing seine Seele auf.

„Ich war ein sehr schüchternes, zurückgezogenes Kind“, erinnert er sich. Häufig sei er zu seinem Bett gegangen und habe sich zurückgezogen. „Meine Mutter will mich nicht“: Diese Erfahrung habe ihn nicht im Verstand beschäftigt. „Das ging in die Seele und pflanzte sich ganz leise fort.“ Aber: Hans-Jürgen Hufeisen ist nicht daran zugrunde gegangen. Vielleicht auch deshalb, weil in seinem Heim so viel an pädagogischem Programm geboten war. Und weil das Heim ihm half, über seine Hürden hinwegzukommen.

Auf der sogenannten Hilfsschule lernte er, mit spielerischen Mitteln besser zu sprechen und zu rechnen. Er wurde in Deutsch und Mathematik besser. Nach knapp drei Jahren durfte er zur Hauptschule zurück. Und erhielt Flötenunterricht. Seine Erzieherin ging mit ihm in den Wald und ließ ihn Geräusche nachahmen oder nur mit der Fingerkuppe die Löcher berühren, um ihm die Angst vor dem Instrument zu nehmen.

„Das ist, wenn ich es heute betrachte, die angstfreie Begegnung mit einem Instrument“, beurteilt Hufeisen diese Pädagogik. „Ich lernte das Instrument nicht als etwas Hochstehendes, Fremdes, sondern ich lernte, die Flöte zu ertasten. Ich hatte keine Angst, daneben zu tippen oder zu laut zu sein.“  Das tat dem Jungen gut. Er lächelte öfter. Deshalb bekam er Einzelunterricht in einer Musikschule. Und irgendwann merkte er, dass er damit etwas ausdrücken kann. Die Erzieherin hatte ihm die Flötentöne beigebracht – aber ganz anders als es das Sprichwort vermuten lässt.

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